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Ein Arbeiter der französischen Firma Spanghero vernichtet Fleisch.
Ein Arbeiter der französischen Firma Spanghero vernichtet Fleisch.(Foto: REUTERS)

Deutsche verhinderten striktere Regeln: Pferdefleischskandal vermeidbar?

Während nur langsam Licht in das Handelsgeflecht kommt, über das sich Pferdefleisch in Europa verbreitete, benennt ein EU-Abgeordneter einen politisch Verantwortlichen: Es sollen deutsche Politiker von Union und FDP gewesen sein, die verhindert haben, dass die Herkunftsangaben genauer werden.

In den Pferdefleisch-Skandal sind europaweit mehr Unternehmen verwickelt als bislang bekannt. Mühsam kommt Licht in das Netz aus Produzenten, Lieferanten und Händlern von Fertigprodukten, in denen möglicherweise nicht deklariertes Pferdefleisch verarbeitet wurde. "Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt", sagte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Politiker fordern schärfere Kontrollen und Strafen im Kampf gegen die Tricksereien mit Fleisch.

Am Montag wollen die Verbraucherminister aus Bund und Ländern über Konsequenzen aus dem Pferdefleisch-Skandal beraten. Dabei solle auch das weitere Vorgehen abgestimmt werden, teilten Aigner und ihre hessische Amtskollegin Lucia Puttrich (CDU) in Berlin mit. Zusätzlich zu einem EU-Aktionsplan wolle der Bund gemeinsam mit den Ländern ein nationales Kontrollprogramm mit zusätzlichen Tests aufstellen, kündigte Aigner an. "Nur so können wir das tatsächliche Ausmaß dieses Skandals erfassen."

Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Renate Künast, verlangte in der "Passauer Neuen Presse", dass verarbeitetes Fleisch gekennzeichnet und die Aufzucht- und Mastbetriebe benannt werden müssen. Brandenburgs Ressortchefin Anita Tack (Linke) sagte an die Adresse Aigners, sie erwarte erste Vorschläge für eine Herkunftskennzeichnung von Fleisch auch in Fertiggerichten. "Diese sollte kurzfristig auf den Weg gebracht werden."

"Konservative und liberale und Abgeordnete" verantwortlich

Laut "Spiegel" könnte eine Kennzeichnung für verarbeitete Produkte bereits existieren, hätte es nicht Widerstand auch der deutschen Politik dagegen gegeben. Nach der im November 2011 veröffentlichten europäischen Lebensmittelinformationsverordnung solle nicht nur bei Rindfleisch die Herkunftsangabe verpflichtend sein, sondern ab Dezember 2014 auch für Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch. Die Regelung gelte aber nicht, wenn das Fleisch nur eine von vielen Zutaten sei, wie bei Fertiggerichten.

"Wir haben damals sehr viel weitergehende Regelungen gefordert, wurden aber vor allem von konservativen und liberalen Abgeordneten aus Deutschland ausgebremst", zitiert der "Spiegel" den Grünen-Abgeordneten im Europa-Parlament, Martin Häusling.

Unterdessen suchen in Deutschland und anderen europäischen Ländern Kontrolleure weiter nach verdächtigen Lebensmitteln. Das am Freitag vom Discounter Lidl aus den Regalen entfernte Nudelgericht "Tortelloni Rindfleisch" stammt entgegen erster Angaben österreichischer Behörden nicht aus Stuttgart. In Österreich war zuvor ein nicht deklarierter Anteil Pferdefleisch in Ware mit dieser Bezeichnung gefunden worden. Die Hilcona AG fertigt das Produkt in Liechtenstein. Die Rohware dafür stammt laut Hilcona von Vossko aus Ostbevern (Nordrhein-Westfalen) oder dem Schweizer Hersteller Suttero aus Gossau.

Der münsterländische Hackfleisch-Hersteller Vossko überprüft nach eigenen Angaben seine Ware. "Wir beziehen das Fleisch von mehreren Lieferanten, wir haben alle Lieferanten angeschrieben und alle haben uns mitgeteilt, dass es keine Vermischung von Fleischsorten gibt", sagte Vossko-Vertriebsleiter Josef Knappheide auf Anfrage. "Momentan laufen die Analysen, Ergebnisse liegen uns noch nicht vor." Hilcona stehe sowohl mit Vossko als auch mit Suttero "in engem Kontakt und setzt alles daran, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären", heißt es bei Hilcona. Genaueres könne man dazu vorerst nicht mitteilen.

Razzien in Großbritannien

Zum Schutz von Verbrauchern will Frankreich rasch eine freiwillige Kennzeichnung von Fleisch erreichen, wie Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll der Zeitung "20 Minutes" sagte. Das französische Unternehmen Spanghero soll für falsch deklarierte Lieferungen verantwortlich sein – weist die Vorwürfe jedoch zurück. Ermittlungen zufolge hat Spanghero aber wissentlich solches Fleisch etwa an den Hersteller Comigel verkauft. Insgesamt soll Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch von Spanghero hergestellt haben, die an mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern verkauft wurden. Von einer verdächtigen Lasagne sind rund 179.000 Packungen nach Deutschland geliefert und dort unter verschiedenen Markennamen verkauft worden.

Der vom Skandal betroffene Neuruppiner Konservenhersteller Dreistern hatte sechs Lieferanten. Es handelte sich um vier deutsche, ein belgisches und ein niederländisches Unternehmen. Mittlerweile sind alle von der Dreistern-Konserven GmbH & Co. KG produzierten Chargen Rindergulasch zurückgerufen worden. Die nachgewiesenen Spuren von Pferde-DNA könnten "im Rahmen der Fleischverarbeitung bereits durch die Nutzung gemeinsamer Schlachthäuser oder Transportbehälter entstanden sein", so das brandenburgische Verbraucherministerium.

In Großbritannien wurden laut Polizei bei Razzien in drei Fleisch verarbeitenden Betrieben in London und in Hull, Nordost-England, umfangreiches Probematerial und Computerunterlagen beschlagnahmt.

Quelle: n-tv.de

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