Politik
Mit 120 Personen in einem Flüchtlingsboot - einige Politiker haben es auf der Spree ausprobiert.
Mit 120 Personen in einem Flüchtlingsboot - einige Politiker haben es auf der Spree ausprobiert.(Foto: REUTERS)

Schwere See vor dem Bundestag: Politiker fahren Flüchtlingsboot

Von Christian Rothenberg

Hunderttausende sind in diesem Jahr über das Mittelmeer geflüchtet. Aber wie fühlt es sich eigentlich an, mit 120 Personen in einem kleinen Schlauchboot zu hocken? Ein paar Bundestagsabgeordnete haben es getestet.

Um halb drei werden aus Politikern illegale Passagiere auf der Spree. Mit Rettungswesten betreten Dietmar Bartsch, Sahra Wagenknecht, Simone Peter und andere das Schlauchboot, das direkt vor dem Reichstagsgebäude festgemacht ist. "Das ist ja gruselig", sagt die Linke Kerstin Kassner, neben ihr zieht sich eine Fraktionskollegin die Mütze tief ins Gesicht und greift fest um das Tau am Rand des Bootes.

Auch die neue Linken-Fraktionschefin Wagenknecht nahm an der Simulation teil.
Auch die neue Linken-Fraktionschefin Wagenknecht nahm an der Simulation teil.(Foto: dpa)

120 Menschen auf einem kleinen Schlauchboot: Die Politiker spielen an diesem Dienstag bei der Aktion der Seenotrettungs-Organisation Seawatch nach, wie sich Flüchtlinge auf dem Mittelmeer fühlen. Ganz so bedrohlich wie die Realität ist die Situation auf der Spree natürlich nicht. Aber die Simulation gibt zumindest eine Ahnung davon, wie ungemütlich die mehrtägige Flucht über das Mittelmeer sein muss.

Alle Bundestagsabgeordneten wurden zu der Aktion eingeladen. Viele Linken-Politiker, einige Grüne und nur wenige von SPD und Union sind an diesem ungemütlichen Oktobertag gekommen. Die Linken haben extra ihre Fraktionssitzung verschoben. "Und das an einem so historischen Tag", sagt die Linken-Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau. Später wird ihre Partei die Nachfolger von Fraktionschef Gregor Gysi wählen.

Gemisch aus Seewasser, Kraftstoff, Urin, Kot und Kotze

Es sind noch keine 80 Personen an Deck, da wird es kuschelig an Bord. Selbst kleine Schritte sind nicht mehr möglich. "Die Leute auf den Booten sind nicht so fett wie wir Mitteleuropäer", ruft eine Politikerin vorwurfsvoll. Das Schlauchboot ist noch nicht voll, da hat die Grüne Bärbel Höhn schon genug und geht wieder von Deck. Als der Motor anspringt, verstummen die Gespräche. Der Boden ist bereits mit Wasser bedeckt. Im anliegenden Reichstagscafe drücken sich einige Menschen die Nasen an der Fensterscheibe platt. Als ein vorbei fahrendes Schiff für Wellengang sorgt, geht ein Raunen über das Flüchtlingsboot. Wie fühlt sich das an hier? "Es ist spannend. Aber bei der Vorstellung, 72 Stunden so eng zu stehen, in ständiger Angst und von Wellen durchgeschüttelt, da wird mir ganz schlecht", sagt Linken-Fraktionsvize Jan van Aken.

Das Boot, auf dem er und die anderen Politiker stehen, wurde am 13. Juli vor der libyschen Küste aufgelesen. An Bord waren 121 Flüchtlinge. Als die Seawatch-Crew sie erreichte, trennten nur noch zehn Zentimeter den oberen Teil des Bootrandes von der Wasseroberfläche. Eine halbe Stunde später wäre es zu spät gewesen. Kapitän Ingo Werth erinnert sich an die Rettungsaktion: "45 Männer saßen am Rand, die restlichen Personen auf dem Boden. Sie saßen in einem Gemisch aus Seewasser, Kraftstoff, Urin, Kot und Kotze."

Seit Juli haben die ehrenamtlichen Helfer von Seawatch zwischen Lampedusa und der libyschen Küste mehr als 2000 Flüchtlinge in Seenot aus dem Mittelmeer geborgen. Anderen Schiffen eilen sie zur Hilfe und versorgen die Passagiere mit Schwimmwesten und Verpflegung. "95 Prozent der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer können nicht schwimmen, 98 Prozent haben keine Westen", sagt Werth. Das Trinkwasser reiche oft nur für einige Stunden. Dann vegetierten die Flüchtlinge tagelang bei Temperaturen von 40 Grad vor sich hin. "Viele Flüchtlinge erleiden schwere Verbrennungen. Wenn sie sich nach der Rettung ihre Kleidung vom Leib reißen, ziehen sie sich die Haut mit ab."

"Ich habe mich ausgeliefert gefühlt"

Auch Nasir aus Nigeria nimmt an der Simulation teil. Er erzählt von seiner Flucht auf einem Fischerboot mit 860 Menschen. Wie Passagiere ins Wasser sprangen und starben. Wie Nasir Wasser aus dem Mittelmeer trank. "Das war so salzig, dass ich davon immer durstiger wurde und alle paar Minuten trinken musste." Der 23-Jährige erzählt auch, wie das Boot infolge der ständigen Bewegungen der Passagiere schließlich das Gleichgewicht verlor und umkippte. Hunderte Menschen ertranken, Nasir wurde gerettet.

Laut UN sind seit Anfang des Jahres mehr als 500.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet. Sie sind mehrere Tage unterwegs, bis die völlig überladenen Boote Europa erreichen. Die Simulation von Seawatch endet nach zehn Minuten und einigen Runden über die Spree. Mit den Worten "Welcome to Germany" begrüßt ein Sprecher von Seawatch die Menschen in den Rettungswesten. Die Zuschauer, die neben den Mauerkreuzen am Reichstagsufer stehen, applaudieren.

Die meisten Passagiere an Bord sind froh, dass es endlich vorbei ist. "Es war beklemmend. Ich habe mich ausgeliefert gefühlt", sagt die Grünen-Politikerin Agnieszka Brugger. Sie und ihre Kollegen kehren jetzt zurück - von dem 11,90 mal 3,50 Meter großen Boot zurück in ihren Alltag im warmen Reichstagsgebäude. Die Linken-Politiker müssen sich besonders beeilen. Noch-Fraktionschef Gysi wartet schon. Zu seinem Abschied gibt es Sekt.

Quelle: n-tv.de

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