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Trauernde tragen den Sarg von Mohamed Sayyed Ismail durch die Straßen.
Trauernde tragen den Sarg von Mohamed Sayyed Ismail durch die Straßen.(Foto: AP)

Staatsgewalt in Ägypten: Polizist tötet Tuk-Tuk-Fahrer mit Kopfschuss

Von Sofian Philip Naceur, Kairo

Eine Streiterei um den Fahrpreis in Ägyptens Hauptstadt Kairo eskaliert. Einer der Streitenden, ein Polizist in Zivil, zieht seine Waffe und erschießt den Fahrer. Der Beamte wird daraufhin krankenhausreif geschlagen.

Streitereien um Fahrpreise gehören zum Alltag im Straßenverkehr in Ägypten. Derlei Gezänk endet oft in lautstarken, teils tumultartigen Szenen oder gar Prügeleien. Doch der Vorfall im Kairoer Stadtviertel Al-Darb Al-Ahmar vom Donnerstagabend zeigt einmal mehr, wie locker ägyptischen Polizeibeamten die Waffe sitzt, wenn nicht alles läuft wie gewünscht.

Jüngstes Opfer der am Nil zur Normalität gewordenen Polizeigewalt ist der 24-jährige Mohamed Sayyed Ismail. Der Streit um den Fahrpreis mit seinen Kunden, einem Polizeibeamten in Zivil und dessen Begleiter, endet blutig: Der Beamte zieht seine Pistole und tötet den Tuk-Tuk-Fahrer mit einem Kopfschuss, heißt es in der ägyptischen Presse unter Berufung auf Augenzeugen. Nur mit Glück wird der Polizist von der aufgebrachten Menschenmenge nicht gelyncht. Er kann sich losreißen und entkommt. Später wird er mit Brüchen und inneren Blutungen im Krankenhaus behandelt, teilte das ägyptische Innenministerium mit.

Nach dem Vorfall zogen Hunderte aufgebrachte Anwohner und Passanten zum nahe gelegenen Hauptquartier der Polizei in der Kairoer Innenstadt, um gegen Ismails Ermordung zu protestieren. Die Menschenansammlung vor dem Gebäude skandierte unmissverständliche Slogans gegen das Innenministerium. Polizisten seien Gangster und Schläger, brüllte die Menge. Polizeibeamte versuchten, die wütende Menge zu beruhigen, berichten Augenzeugen in sozialen Netzwerken. Doch auch am Folgetag hatte sich die Empörung in Al-Darb Al-Ahmar nicht gelegt: Auch bei Ismails Beisetzung am Freitagmorgen versammelten sich Hunderte Menschen und riefen Parolen gegen Polizeigewalt und Staatswillkür.

Innenministerium mit eigener Auslegung

Das für seine gewaltsamen Übergriffe gegen Zivilisten bekannte Innenministerium propagiert derweil eine andere Lesart der Ereignisse. Ein Polizeibeamter habe bei einem Streit interveniert und in die Luft geschossen. Dabei sei Ismail versehentlich von einer Kugel getroffen worden, schreibt das Ministerium in einer Erklärung. Die staatliche Tageszeitung "Al-Ahram" berichtet, der Polizist sei verhaftet worden und werde zu dem Vorfall befragt. Die Staatsanwaltschaft wolle eine Untersuchung einleiten.

Dieser Vorfall ist keine Ausnahme. Immer wieder kommt es in Ägypten zu Verletzten oder sogar Toten durch unverhältnismäßige Polizeigewalt. Seit der Ermordung eines Mannes in Polizeigewahrsam in Luxor Anfang Dezember ist die Öffentlichkeit sensibilisiert, die Presse greift regelmäßig ähnliche Fälle auf und berichtet, auch wenn sich ägyptische Journalisten nach wie vor mit klaren Vorwürfen gegen die Behörden zurückhalten.

Doch die derzeit laufenden Proteste im Gesundheitssektor zeugen von einem langsamen, aber stetigen Stimmungsumschwung. Ende Januar hatte ein Polizist in einem Krankenhaus in Matariya im Nordosten Kairos eine Wunde an der Stirn behandeln lassen. Allerdings war der Mann mit dem Befund des behandelnden Arztes nicht einverstanden. Zusammen mit einem Kollegen zerrte er den Mediziner in einen Minibus und brachte ihn in eine Polizeiwache. Dort wurde er von neun Beamten verprügelt. Seither läuft die Berufsgenossenschaft der Ärzte Sturm gegen den Übergriff. Das Krankenhaus in Matariya war mehrfach Schauplatz von Demonstrationen gegen Polizeiwillkür. Für Samstag sind landesweite Proteste im Gesundheitssektor angekündigt.

Im Kern geht es der Ärztevereinigung nur darum, ihren Job ohne Waffe im Nacken ausüben zu können. Angesichts des Durchhaltevermögens der protestierenden Mediziner im Land hat der Vorfall inzwischen jedoch eine politische Dimension. Immerhin steht bei den Ausständen der Ärzte einer der am meisten respektierten Berufe Ägyptens im Scheinwerferlicht. Das sonst übliche Umdrehen der Faktenlage funktioniert hier schlicht nicht.

Quelle: n-tv.de

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