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Favoriten bei der französischen Präsidentschaftswahl: Emmanuel Macron und Marine Le Pen.
Favoriten bei der französischen Präsidentschaftswahl: Emmanuel Macron und Marine Le Pen.(Foto: Collage/AP)

Macron oder Le Pen?: "Prince Charmant" gegen die böse Fee

Von Alexander Oetker, Paris

Die Kandidaten der Konservativen und Sozialisten sind chancenlos. Deshalb muss der unabhängige Bewerber Emmanuel Macron die rechte Marine Le Pen schlagen. Doch seine vermeintliche Perfektion könnte auch nach hinten losgehen.

Versuchen Sie sich das einmal vorzustellen: Martin Schulz wird mit 61 Jahren Kanzler der Bundesrepublik Deutschland - und seine First Lady, seine ehemalige Deutschlehrerin, zieht mit ihren 85 Jahren an seiner Seite ins Kanzleramt ein. Unvorstellbar, oder? Genau. Weil sich Deutschland immer schwertut, wenn es im Privatleben seiner Politiker allzu ungewöhnlich zugeht oder allzu glamourös.

Macron mit seiner Ehefrau Brigitte.
Macron mit seiner Ehefrau Brigitte.(Foto: AP)

In Frankreich aber sind das die Geschichten, die Karrieren machen. Und über Emmanuel Macron ist es sicher die meisterzählte Geschichte: Dass er sich als 17-Jähriger in seine 24 Jahre ältere Französischlehrerin verliebte. Und ihr versprach, sie eines Tages zu heiraten. Dass er nach Paris floh, um dem Skandal zu entgehen und am Ende doch sein Versprechen hielt. Die Lehrerin, Brigitte Trogneux, könnte in einigen Monaten Frankreichs neue First Lady werden.

Macron, der Gerhard Schröder Frankreichs

Macron ist ein Popstar. Er sieht gut aus, er ist ausweislich seiner Vorgeschichte ein Linkspolitiker, schert sich darum inhaltlich aber überhaupt nicht. Er war Wirtschaftsminister unter Hollande und trat zurück, als er spürte, wie erfolglos sein Chef blieb, und sich selbst Chancen auf die Präsidentschaft ausrechnete. Er verachtet die reformmüden Franzosen, kritisiert die 35-Stunden-Woche und sagt, durch Hollandes Reichensteuer werde Frankreich wie "Kuba, nur ohne Sonne".

Er könnte für Frankreich werden, was Gerhard Schröder für Deutschland war. Ein unerbittlicher Reformer, der allen Widerständen zum Trotz verstanden hat, was die Grande Nation braucht. Immerhin hat Macron bisher genug politisches Gespür bewiesen und erkannt, wie verdrossen die Franzosen über die alte Parteienstruktur und das Elitengeklüngel sind. Also hat er sich außerhalb aller Parteien eine Bewegung aufgebaut, "En Marche" heißt die, unverkennbar mit den Initialen ihres Frontmannes.

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An den Vorwahlen der Sozialisten hat Macron nicht teilgenommen. Sondern lieber abgewartet, bis der für Konservative unwählbare Benoit Hâmon nominiert wurde. Der wird im April chancenlos sein. Und Macron hat dabei zugesehen, wie die Konservativen den unscheinbaren François Fillon sowohl dem erfahrenen Alain Juppé als auch dem unbeliebten Ex-Präsidenten Sarkozy vorgezogen haben. Nun musste Macron nur noch abwarten, bis sich Fillon, der alte Premierminister selbst entzauberte. Mit welcher Verve der das tat - dank der offensichtlichen Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau - muss aber auch für Macron überraschend gekommen sein.

Umfragehoch für Macron

Mittlerweile ist Macron in vielen Umfragen der beliebteste Politiker Frankreichs. Er liegt in den Umfragen für die erste Runde der Wahlen auf Platz zwei. Hinter Marine Le Pen vom Front National. In der zweiten Runde würde er gegen Le Pen gewinnen. Offenbar sogar mit Leichtigkeit. Doch genau hier liegt das Problem. Denn Macron ist Teil der Eliten. Er war auf den Eliteuniversitäten Sciences Po und ENA. Er war Investmentbanker bei Rothschild. Und er war Wirtschaftsminister, hätte also längst Dinge im Reformstauland Frankreich anschieben können.

All das macht ihn angreifbar in einer Zeit, in der die Eliten am Pranger stehen. In einer Zeit, in der Russland auch im französischen Wahlkampf mitspielen will, in der geleakt wird, was das Zeug hält. Und eine europafeindliche Präsidentin Le Pen dürfte Putin und Trump deutlich besser gefallen als ein Freihandelsfan Macron. Le Pen selber wird gegen Macron wettern, was das Zeug hält. Wird ihn verteufeln für seine wirtschaftsliberalen Vorstellungen, für sein Befürworten der "Ehe für alle", für seine Europafreundlichkeit.

Le Pen, das Ende Europas?

Frankreich geht es schlechter denn je. Auf dem Arbeitsmarkt, bei der Staatsverschuldung. Le Pens Taktik könnte verfangen. Sie, die bisher immer unwählbar schien. Weil das französische Wahlsystem anders als das US-amerikanische den Bürgern eben immer eine zweite Runde schenkt, sozusagen zum "Nachdenken". Doch neue Umfragen zeigen, dass Le Pen auch für die zweite Runde aufholt. Manche Institute sehen sie im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Macron schon bei 42 bis 44 Prozent. Der 38-Jährige würde also nur noch sehr knapp gewinnen.

Ein Sieg Le Pens wäre eine Katastrophe für die europäische Einigung und für die deutsche Gesellschaft wohl noch schlimmer als Brexit und Trump zusammen. Weil Le Pen aus Nato, EU und Euro austreten will. Macron gilt besonders jungen Franzosen als Hoffnungsträger. Am 23. April und am 7. Mai muss er beweisen, ob er diese Hoffnungen erfüllen kann.

Alexander Oetker war langjähriger Frankreich-Korrespondent für n-tv und RTL. Mittlerweile arbeitet er in der Hauptstadtredaktion der Sender.

Quelle: n-tv.de

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