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Wie üblich perfekt gestylt: die freigelassenen Pussy-Riot-Frauen Tolokonnikowa und Aljochina.
Wie üblich perfekt gestylt: die freigelassenen Pussy-Riot-Frauen Tolokonnikowa und Aljochina.(Foto: AP)

"Wir wollen Putin weiterhin vertreiben": Pussy Riot war gestern, es lebe Sona Prawa

Von Christian Rothenberg

Punk, knappe Kleider und bunte Sturmmasken: So wurden sie weltweit bekannt. Nach dem Ende der Lagerhaft sprechen zwei der Pussy-Riot-Aktivistinnen über ihre Pläne. Der Kampf geht weiter, aber ohne Musik.

Warum sie nach der Freilassung nicht gleich zu ihren Kindern gefahren seien, will ein Journalist wissen. Die Antwort von Nadeschda Tolokonnikowa ist deutlich. "Wir haben uns in Krasnojarsk getroffen, um über ein neues Projekt zu sprechen", sagt sie, die eine fünfjährige Tochter hat, sich aber nicht hinter kleinen Kindern verstecken will. Maria Aljochina, die wie Tolokonnikowa hinter einem Dutzend von Mikrofonen sitzt, springt ihr bei. "Wenn wir Männer wären, würde uns keiner fragen, warum wir nicht zu unserer Kindern rennen", sagt die Mutter eines sechsjährigen Sohns. Die Botschaft ist klar: Der Protest hat nach wie vor oberste Priorität. Die beiden wichtigsten Aktivistinnen von Pussy Riot wollen zeigen, dass die Lagerhaft sie keinesfalls gebrochen hat.

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Tolokonnikowa, Aljochina und ihre Mitstreiterinnen waren im Februar 2012 weltweit bekannt geworden. Damals gingen die Bilder der Frauen um die Welt, die mit bunten Gewändern und Sturmmasken durch die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale tanzten. In einem aufsehenerregenden Prozess verurteilte sie ein Richter wegen Rowdytums. Die Pressekonferenz in Moskau ist der erste öffentliche Auftritt seit ihrer Freilassung durch Putins Amnestiegesetz. Nur wie geht es jetzt weiter mit Pussy Riot, dieser sonderbaren Mischung aus Pop, Mode und Rebellion?

"Was Wladimir Putin betrifft, hat sich unsere Haltung zu ihm nicht geändert", sagt Tolokonnikowa. "Wir wollen weiter tun, wofür sie uns inhaftiert haben. Wir wollen ihn weiterhin vertreiben." Sie ruft dazu auf, die olympischen Winterspiele in Sotschi zu boykottieren und kritisiert, ganz Russland sei ein "einziges Straflager". Für Aljochina ist die Amnestie ein "PR-Trick" Putins.

Untersuchungen im Intimbereich

Im Gegensatz zu dem ebenfalls frei gelassenen Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski wollen die beiden Frauen ihren Feldzug gegen den russischen Präsidenten fortsetzen. Nur wie - etwa mit Punkkonzerten in Kirchen? Offenbar nicht. Denn wenn die beiden über ihre Pläne sprechen, spielt die Musik überhaupt keine Rolle mehr. "Wir sind im Moment nicht Pussy Riot", sagt Tolokonnikowa und blickt ernst in die Runde.

Die Aktivistinnen richten ihren politischen Kampf neu aus. Im Mittelpunkt stehen künftig Aktionen für einen humaneren Strafvollzug. "Sona Prawa", was übersetzt Rechtszone bedeutet, ist der Name der neuen Organisation. Diese soll eine "Stimme der Gefangenen" werden, wie Tolokonnikowa erklärt. Schon vor der Pressekonferenz hatten die Frauen von ihren Erfahrungen im Lager berichtet. Die Gefangenen erhielten verdorbenes Essen, vor und nach Besuchen hätten sie sich ausziehen und im Intimbereich untersuchen lassen müssen. Dazu gleiche der Aufenthalt in den unterkühlten Räumen mit der dünnen Sträflingskleidung der Folter.

"Wir fühlen uns verantwortlich für die Menschen, die wir in Lagerhaft getroffen haben. Wir haben Freunde dort, um die wir uns kümmern müssen", sagt Tolokonnikowa. Aljochina beschreibt ein generelles Problem des russischen Justizsystems. Häftlinge würden nicht vorbereitet auf ihre Entlassung. "Wenn sie freigelassen werden, wissen sie nicht, wohin sie gehen sollen. Sie sind gar nicht bereit für die Freiheit."

"Wir bewundern Chodorkowski"

Tolokonnikowa und Aljochina wollen ihre Prominenz nutzen, um die Transparenz im Umgang mit den Menschenrechtsverletzungen im Strafvollzug zu fördern. Dazu fehlt ihnen zurzeit etwas Wesentliches, nämlich Geld. Das neue Projekt soll daher via Crowdfunding durch Unterstützer im Internet finanziert werden. Die Aktivistinnen wollen unter anderem mit dem Kreml-Kritiker Alexej Nawalny kooperieren. Lobende Worte finden sie auch für Michail Chodorkowski. "Wir bewundern ihn. Er ist geistig und seelisch ein starker Mensch", sagt Aljochina. Sie sei sogar dafür, dass er für die Präsidentschaft kandidiere.

Tatsächlich dürften sich die beiden Frauen spätestens seit Chodorkowskis öffentlichem Aufritt keine falschen Hoffnungen mehr machen, was eine mögliche Zusammenarbeit betrifft. So einig man sich im Hinblick auf die russische Politik auch sein mag: Nach der Amnestie gehen sie unterschiedliche Wege. Während Chodorkowski wohl den Rückzug ins Private vorzieht, sind Tolokonnikowa und Aljochina offenbar längst noch nicht fertig mit ihrem Kampf gegen Putin.

Quelle: n-tv.de

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