Politik
Wladimir Putin.
Wladimir Putin.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Aus dem Innenleben des Kremls: Putin, der Pate

Von Thomas Müller

"Für Sie ist Russland gesperrt", erfährt Luke Harding bei der Passkontrolle am Moskauer Flughafen Domodedowo. Damit gehen vier verstörende Jahre zu Ende, in denen sich der Korrespondent des "Guardian" richtig unbeliebt gemacht hat. Mit n-tv.de spricht Harding über sein Buch "Mafiastaat", Wladimir Putin, bizarre Geheimdienstmethoden und Gerhard Schröder.

Was ist Russland? Eine Autokratie? Oligarchie oder Plutokratie? Oder doch eine gelenkte Demokratie? Luke Harding zieht einen anderen Begriff vor: Mafiastaat. Der Journalist war vier Jahre Moskauer Korrespondent des britischen "Guardian", bevor er im vergangenen Jahr aus Russland ausgewiesen wurde. Sein Buch "Mafiastaat – Ein Reporter in Putins Russland" ist nun auf Deutsch erschienen.

Es ist ein verstörendes Bild, das Harding zeichnet. "Zwischen Regierung und Kriminalität gibt es im Grunde keinen Unterschied", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. "Organisiertes Verbrechen und Sicherheitskräfte sind eine Einheit geworden." Im Prinzip gehe es im Machtapparat nur um eines: Stehlen. Demnach gibt es an der Spitze des Staates auch keinen Kampf zwischen Reformern und Hardlinern um den zukünftigen Weg Russlands. In Wirklichkeit streiten zahlreiche rivalisierende Gruppierungen um ihren Anteil am Profit aus den immensen Rohstoffvorkommen des Riesenreichs. "Wenn wir nicht stehlen, wird es ein anderer tun", so denke die russische Elite, sagt Harding. Sie bereichere sich nach Kräften und versuche, das angehäufte Vermögen zu schützen. Dabei gehe es um Summen, die die normale Vorstellungskraft übersteigen.

Und Wladimir Putin? "Putin ist der Klebstoff, der dieses korrupte System zusammenhält", so Harding. "Die Machtelite ist davon überzeugt, dass er der Einzige ist, der dafür sorgen kann, dass dieses System weiterhin funktioniert." In seinem Buch zitiert er den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow, der Putin mit dem Paten aus den Mafia-Romanen von Mario Puzo vergleicht – und von einem "Netz aus Verrat, Geheimnissen und verwischten Trennlinien zwischen Geschäft, Politik und Verbrechen" spricht.

Geld als Fetisch

"Mafiastaat - ein Reporter in Putins Russland" von Luke Harding ist in der Edition Weltkiosk erschienen und kostet 19,90 Euro.
"Mafiastaat - ein Reporter in Putins Russland" von Luke Harding ist in der Edition Weltkiosk erschienen und kostet 19,90 Euro.

Putin sei möglicherweise einer der reichsten Menschen überhaupt, sagt Harding. "Im Jahr 2007 schätzten Quellen aus dem Kreml sein Vermögen auf etwa 40 Milliarden Dollar." Ob diese Summe tatsächlich stimmt, lasse sich aber nicht beweisen. Die Sache sei außerordentlich kompliziert, sagt Harding. "Putin ist nicht alleine. Er hat ein Team, darunter einige bekannte Namen. Sie dürfen aber aus juristischen Gründen nicht genannt werden. Das kontrollierte Vermögen ist kollektiv. Nehmen wir einmal an, dass es eine Größe von 300 Milliarden Dollar hat."

Nach dieser Lesart bereichert sich eine heterogene Machtelite nach Kräften - inmitten von mafiösen Strukturen; Russland als gigantische Kleptokratie rivalisierender Gruppen, der Alltag geprägt von Korruption und Vetternwirtschaft. Prägender Teil dieses Systems sind die Sicherheitskräfte – allen voran der Inlandsgeheimdienst FSB.

Hardings Begegnungen mit dem FSB gehören zu den beunruhigendsten Passagen des Buches. Er beschreibt, wie Geheimdienstler immer wieder in seine Wohnung eindringen, als er und seine Familie nicht zu Hause sind – und ihm deutlich zu verstehen geben, dass sie da waren. Einmal steht das Fenster des Kinderzimmers im zehnten Stock offen, einmal wird ein Wecker so gestellt, dass er um vier Uhr morgens klingelt, ein anderes Mal werden Käfer in der Wohnung zurückgelassen. Dieser Psychokrieg hat – so ist sich Harding sicher – nur einen Zweck: ihn aufgrund seiner kritischen Artikel zum Schweigen oder zum Verlassen des Landes zu bringen. Diese kafkaesken Besuche seien keine Einzelfälle, versichert Harding. Der Sicherheitschef der britischen Botschaft habe einen ganzen Stapel entsprechender Berichte, und auch die Wikileaks-Depeschen der US-Diplomaten berichten von ähnlichen Schikanen.

"Nach dem Eindringen schalten die Agenten Kühlschränke aus; sie benutzen Toiletten, ohne nachzuspülen; manchmal stehlen sie die Fernbedienung des Fernsehers, um sie Wochen später zurückzubringen. Eine weitere beliebte Taktik ist es, einen Gegenstand von geringem Wert hineinzuschmuggeln, der vorher nicht dagewesen ist – ein flauschiges Spielzeug oder einen Stoffelefanten", schreibt Harding. Das Ziel sei psychologischer Natur: das Opfer zu schikanieren und davon zu überzeugen, dass es verrückt wird.

Luke Harding
Luke Harding(Foto: (c) Alistair Hall)

Deutsche Journalisten oder Botschaftsangehörige sind davon offensichtlich nicht betroffen – oder reden öffentlich nicht darüber. "Wer keine Tabus bricht, wird in Ruhe gelassen", sagt Harding. Zu den Tabus gehöre unter anderem, über das Vermögen Putins zu berichten. Außerdem möge Putin Deutschland, betont Harding. Er spreche Deutsch und pflege eine Männerfreundschaft mit Gerhard Schröder.

Kritik an Schröder

Auf den ehemaligen Bundeskanzler ist Harding nicht sonderlich gut zu sprechen. Schröder ist Aufsichtsratschef von Nordstream, jenem von Gazprom dominierten Konsortium, dass eine Gaspipeline durch die Ostsee von Russland nach Deutschland betreibt. Das sei schäbig und unsauber, urteilt Harding. Aber immerhin sei Schröder besser als Tony Blair. Der ehemalige britische Premier berät den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew – und dort gebe es noch nicht einmal eine erfundene Opposition.

Der deutsche Umgang mit Russland stößt bei Harding auf wenig Gegenliebe. "Ich war vier Jahre Korrespondent in Deutschland und ich mag dieses Land wirklich. Ich möchte nicht auch noch hier auf der schwarzen Liste stehen, weil ich das wunderbare Außenministerium kritisiere", versichert er. "Da wird großer Wirbel um Julia Timoschenko in der Ukraine gemacht. Aber über die Menschenrechtssituation in Russland, die noch schlimmer ist, wird kein Wort verloren – auch von Außenminister Guido Westerwelle nicht. Deutschland ist das Land in Europa, das Russland am weitesten entgegenkommt."

"Das Frustrierende ist, dass Putins korrupte Methoden effektiver sind als die demokratischen Methoden Westeuropas. Spalte und herrsche – das ist sein Motto", kritisiert Harding. "Wer sein Spiel akzeptiert, wird belohnt und bekommt eine Pipeline und Gas zu einem anständigen Preis.  "Europa – und damit auch Deutschland - sollte das Spiel nicht mitspielen", fordert Harding. "Wir sollten aufrichtig und anständig im Umgang mit Russland sein – auch wenn Putin es nicht ist." Sein Buch lässt daran keinen Zweifel.

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Quelle: n-tv.de

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