Politik
Putin ist bei den Russen beliebt, seine Syrien-Mission nicht.
Putin ist bei den Russen beliebt, seine Syrien-Mission nicht.(Foto: AP)

Einsatz in Syrien: Putin muss die Russen erst noch überzeugen

Von Christian Rothenberg

Seit ein paar Tagen kämpft die Luftwaffe von Präsident Putin in Syrien. Die Mehrheit der Russen ist gegen den Militäreinsatz. Ein Fall für die Propaganda der russischen Staatsmedien.

Warum nicht vom Gewohnten abweichen? Der russische Sender Rossijka24 hat es mal ganz anders gemacht als sonst. Der Staatskanal zeigte einen Wetterbericht für Syrien. Mit Bombenvideos und einer ungewöhnlichen Vorhersage: niederschlagsfrei, windstill. Der Oktober sei "günstig für Luftangriffe", erklärte die Meteorologin, im November würden die Bedingungen schlechter sein. Die staatlich gelenkte Presse in Russland unternimmt in diesen Tagen große Anstrengungen. Dass russische Militärs seit einigen Tagen in Syrien kämpfen, stellt die Propagandamaschine vor eine Herausforderung. Es gilt, der eigenen Bevölkerung den Militäreinsatz in Syrien schmackhaft zu machen.

Das Problem ist: Die Mehrheit der Russen unterstützt zwar ihren Präsidenten und ist auch für Waffenlieferungen an Syrien. Einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada zufolge befürworten aber nur 14 Prozent der Menschen ein militärisches Eingreifen in Syrien, 69 Prozent sind dagegen. "Der Einsatz weckt Erinnerungen an die Kriege in Afghanistan und Tschetschenien", sagt Jens Siegert, der langjährige Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau, n-tv.de.

Die russischen Staatsmedien versuchen, dem entgegenzuwirken. Vor einigen Tagen versicherten die Vorsitzenden aller Parteien der russischen Duma vor den Kameras ihre Zustimmung zu dem Einsatz in Syrien. Der Syrien-Krieg hat die Ukraine in der Berichterstattung längst als Hauptthema verdrängt. Viele Korrespondenten wurden nach Syrien geschickt, um mitzuhelfen, die Stimmung zu wenden. Sogar die sonst kritische Tageszeitung "Kommersant" schwärmt von den modernen russischen Einheiten, die zum Einsatz kommen. Die Wirtschaftszeitung RBS berichtete, infolge eines Sieges in Syrien werde sich der geschwächte Rubel erholen und der Ölpreis steigen. Auch könne der Kreml die Beziehungen zu Europa normalisieren. Aus Sicht des liberalen Blattes "Wedemosti" verfolgt Putin das Ziel, aus der Isolation herauszukommen und zur Rolle einer Schlüsselfigur in der Weltpolitik zurückzukommen. Der gemeinsame Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) könne auch helfen, die Sanktionen zu lockern.

"Die Russen wollen ihren Großmachtstatus zum Nulltarif"

Ein TV-Experte sprach im Zusammenhang mit Syrien von "unserem Land" und erklärte, dass von dort aus der orthodoxe Glaube auf Russland ausgeweitet worden sei. Vladimir Komoyedov, der Vorsitzende des Verteidigungsministeriums, sagte der Agentur Interfax-AVN, es sei wahrscheinlich, dass russische Freiwillige die syrische Armee unterstützen. Zu den Motiven sagte er: "Außer ihrer Anschauung? Natürlich geht es auch um Geld." Medienberichten zufolge verdienen Freiwillige 50 Dollar pro Tag - ein Zehntel des monatlichen Durchschnittslohns.

Doch der Vergleich mit der Ukraine hinkt. Das Engagement im Nachbarland leugnete die Regierung, der Einsatz in Syrien ist offiziell. Während die Mehrheit der Russen die Annexion der Krim begrüßte, sind sie in Syrien skeptisch. Die Euphorie im Syrienkonflikt falle deutlich geringer aus als im Zuge der Ukraine-Krise, sagt Dennis Wolkow, Soziologe am Lewada-Zentrum.

Viele Russen haben den Auftritt Putins bei der Uno mit Stolz verfolgt. Russland zählt wieder etwas, wir sind wieder eine Supermacht, das denken viele. "Die Russen wollen ihren Großmachtstatus zum Nulltarif", sagt Wolkow. Propaganda könne sehr effektiv Befindlichkeiten reanimieren, etwa den Geltungswunsch in der Weltpolitik oder die Meinung, die Krim sei ein Teil Russlands. Ein Krieg sei nicht populär. "Die meisten Russen wissen aber sehr wenig, was da genau im syrischen Bürgerkrieg passiert", sagt Wolkow.

Notfalls ist der Westen Schuld

Die russischen Medien nutzen das aus. Hartnäckig betonen sie, dass Russland sich nur auf Bitten Assads in Syrien engagiere. Kollateralschäden werden nur am Rande erwähnt, viel lieber zeigen die Nachrichten Aufnahmen von angeblich erfolgreichen Angriffen auf IS-Stellungen und berichten von zahlreichen Islamisten, die desertieren und fliehen. Der Unterton der Kommentatoren: Ein schneller Sieg ist möglich. Und: "Wir" lösen das besser als die USA, die den IS seit eineinhalb Jahren angreifen. "Es ist ein zweischneidiges Spiel", sagt Siegert. "Man weist auf die Misserfolge der anderen hin, um die eigenen behaupteten Erfolge umso heller erscheinen zu lassen." Nachprüfbar ist das kaum.

Auch die staatlichen deutschsprachigen Nachrichtenportale von "Sputnik" und "Russia Today" verengen den Syrien-Einsatz gern auf den Kampf gegen den IS. Dabei trafen die russischen Bomben in den ersten Tagen Stellungen der Rebellen im Westen des Landes. Putins Sprecher lässt Meldungen wie diese dementieren. Sie gefährden das Narrativ von einer russischen Friedensmission, die in der Bevölkerung noch eher vermittelbar ist.

Einerseits ist die Syrien-Mission riskant für Putin. Die russische Regierung hat den USA immer wieder vorgeworfen, im Irak und in Afghanistan Chaos angerichtet zu haben. Die Strategie für ein mögliches Scheitern in Syrien liegt jedoch schon parat. Notfalls ist der Westen Schuld, der das Angebot für eine gemeinsame Koalition ausgeschlagen hat. Dies wäre der russischen Öffentlichkeit nicht allzu schwer zu vermitteln.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen