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Wladimir Putin und Xi Jinping schmieden eine für Russland lukrative Gasallianz.
Wladimir Putin und Xi Jinping schmieden eine für Russland lukrative Gasallianz.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Es geht um Gas und Einfluss: Putin sucht Chinas Nähe

Von Marcel Grzanna, Schanghai

Beim Staatsbesuch von Wladimir Putin in China winken den Russen lukrative Wirtschaftsabkommen. Weil sie dringend darauf angewiesen sind, übernimmt China im Machtgefüge der alten Partner die Führung.

Der Staatsbesuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in China ist Billionen Dollar wert. Putin nimmt in Shanghai an einem Treffen regionaler Staatschef teil. Am Donnerstag werden in Peking wichtige Verträge über Gas- und Öllieferungen aus Russland in die Volksrepublik unterschrieben. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping versprach Putin bei ihren Gesprächen einen "ergiebigen" Aufenthalt. Das hörte der russische Staatschef, der China zum ersten Mal seit dem Amtsantritt von Xi vor über einem Jahr besucht, sicher gerne. Jahrelang hatten beide Seiten um den Preis gefeilscht, endlich ist das Tauziehen beendet.

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Unbezahlbar für beide Seiten ist jedoch ein anderer Aspekt von Putins Besuch. Er bietet eine international sehr aufmerksam beachtete Gelegenheit, Einigkeit und Zusammenhalt zweier kritisch beäugter Regierungen zu demonstrieren, die immer tiefer in Territorialkonflikte mit ihren Nachbarstaaten versinken. Die Russen mit der Ukraine, die Chinesen zurzeit vornehmlich mit Vietnam, aber faktisch mit nahezu allen Anrainern im süd- und ostchinesischen Meer. Wirtschaftsabkommen bilden dabei nur einen Teil der strategischen Partnerschaft, die in der Welt Eindruck machen soll. Im kommenden Jahr soll das Handelsvolumen erstmals 100 Milliarden Dollar erreichen, fünf Jahre später stehen bereits 200 Milliarden Dollar in Aussicht.

Ein anderer Aspekt ist die militärische Kooperation. Denn parallel zur Reise Putins begann im ostchinesischen Meer eine einwöchige Marineübung chinesischer und russischer Kriegsschiffe. Das Manöver richte sich gegen niemand Bestimmtes, heißt es offiziell. Es sei schon lange geplant gewesen und gehe eher zufällig mit Putins Besuch in China zusammen. Doch in Japan denkt man darüber sicher etwas anders. Denn natürlich senden die Chinesen mit den russischen Streitkräften an ihrer Seite eine klare Botschaft in Richtung Tokio. Japan streitet mit der Volksrepublik um eine Inselgruppe in der Region. Russland ist mit sechs Schiffen aus der eigenen Flotte bei der umfangreichen Übung vertreten.

China macht Russland den Hof

Es läge also nahe, dass Peking den Russen bei deren außenpolitischen Abenteuern in der Ukraine ebenfalls zur Seite springt. Doch China hält sich fein heraus. Es betont seinen Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Staaten und verweigert eine klare Position. Das Land hat nicht nur Angst vor Einmischung Dritter, wenn Uiguren, Tibeter oder Mongolen in ihrem eigenen Land den Aufstand proben. Es hat auch massive Interessen in der Ukraine, die als Getreidelieferant wertvolle Nahrung nach China exportiert. Und den Westen will China auch nicht mehr als nötig provozieren, indem es sich unverrückbar an Russlands Seite platziert. Dabei könnte Moskau mehr Unterstützung gut gebrauchen gegen die Europäer und die Amerikaner, die mit Sanktionen drohen. Doch China hält still und wird diese Taktik auch während Putins Besuch beibehalten.

Stattdessen werden dem russischen Präsidenten gute Geschäfte in Aussicht gestellt und rhetorisch der Hof gemacht. Chinesische Medien feiern den Gast als starken Staatsmann, der gegen die Kritik aus dem Westen völlig erhaben sei. Eine Karikatur zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sie an der Seite von US-Präsident Barack Obama mit einer Spielzeugpistole auf den zum Knuddeln süß gezeichneten russischen Bären zielt. Das Bild soll eine lächerliche Bedrohung Russlands durch westliche Sanktionen darstellen. Flankiert wird die Berichterstattung von Kommentaren chinesischen Offizieller, die die russisch-chinesische Freundschaft auf einem neuen Höhepunkt wähnen.

Freund Putin wahrt sein Gesicht

Von seiner Neutralität rückt China dennoch nicht ab. Peking kann sich das deshalb leisten, weil der Ukrainekonflikt das Machtgefüge zwischen beiden Ländern aus der Balance gebracht hat. "Russland sucht Alternativen zu seinen Gasabnehmern in Europa und ist deshalb so sehr wie nie an einer Einigung mit China interessiert", sagt Lin Boqiang vom Energieforschungsinstitut der Universität im südchinesischen Xiamen. Im Klartext: China hat ausreichend Mittel an der Hand, um den alten Freund am ausgestreckten Arm hängen zu lassen. China benötigt zwar langfristig das Gas aus Russland, hat aber weniger Eile als Moskau und einige Alternativen an der Hand, um mögliche Engpässe zu überwinden. China bezieht großen Mengen Gas auch aus Myanmar, Australien oder Teilen Südostasiens. Wenn die Russen keine Zugeständnisse machen, zapft Peking eben andere Zulieferer verstärkt an.

Die Gemengenlage ist auch den Russen bewusst, die froh sein dürften, mit den Unterschriften der Staatschefs am Donnerstag einen Schlussstrich ziehen zu können unter die jahrelangen Verhandlungen. Der Vertrag sieht Gaslieferungen ab 2018 vor. Pro Jahr werden dann 38 Milliarden Kubikmeter vom russischen Energieproduzenten Gazprom aus Sibirien in die Volksrepublik geleitet, in der Zukunft soll die Menge sogar fast doppelt so groß werden. 400 US-Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas sollen die Chinesen zahlen, berichteten staatliche Medien. Man sei damit sehr nah an dem Preis, den die Russen verlangt hätten, hieß es. Das kann richtig sein. Oder es ist nur ein Teil der Wahrheit, weil die Chinesen den Russen einen öffentlichen Gesichtsverlust ersparen wollen und das Entgegenkommen der Russen größer war als die Zahlen vermuten lassen. Die Chinesen haben oft genug bewiesen, dass sie kluge Strategen sind, die Freunde pragmatisch behandeln. Manchmal auch zu deren Ungunsten.

Quelle: n-tv.de

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