Politik
Nemzow und Putin 2000 bei einer Begegnung im Kreml: Nemzow war damals Chef der Partei "Union der Rechten Kräfte.
Nemzow und Putin 2000 bei einer Begegnung im Kreml: Nemzow war damals Chef der Partei "Union der Rechten Kräfte.(Foto: picture alliance / dpa)

Boris Nemzow in Moskau erschossen: "Putins Beileid ist fast zynisch"

Die russische Opposition verliert eine ihrer populärsten Figuren. Boris Nemzow sei dem Kreml schon lange ein "Dorn im Auge" gewesen, sagt n-tv-Reporter Dirk Emmerich im Interview. Dass die Hintergründe des Mordes aufgeklärt werden, glaubt er nicht.

n-tv.de: Was sagen die Schüsse auf den Oppositionellen Boris Nemzow über das politische Russland im Jahr 2015 aus?

Reporter Dirk Emmerich berichtet für n-tv aus Russland und der Ukraine.
Reporter Dirk Emmerich berichtet für n-tv aus Russland und der Ukraine.

Dirk Emmerich: Sie sagen eine Menge über die Stimmung im Land aus. Darüber, dass die Opposition unglaublich in die Enge gedrängt wird, weil Putin große Angst hat, dass sie Gehör finden könnte. Nemzow war dem Kreml schon lange ein Dorn im Auge. Er hat immer wieder deutlich gemacht, dass der Kreml unglaubliche Sorge hat, in Russland könnte eine Maidan-Bewegung wie in Kiew entstehen.

Welche Stellung hatte Nemzow in Russland?

Er war eine der wenigen Persönlichkeiten der Oppositionen, die überhaupt noch wahrgenommen worden ist. Nemzow hatte zuletzt an einer Studie gearbeitet, die den russischen Krieg in der Ukraine aufs Korn genommen hat und eine Reihe von Indizien und Beweisen vorlegen sollte, welche Rolle Putin dabei spielt. Nemzow hat lange gegen das korrupte System gekämpft. Der Kreml hat seit Jahren alles unternommen, um Figuren wie ihn ins Abseits zu stellen.

Wie gefährlich war Nemzow für Putin?

Nemzow bei den Protesten 2012
Nemzow bei den Protesten 2012(Foto: AP)

Als politische Person war er nicht gefährlich. Putin sitzt trotz der Ereignisse in der Ukraine so fest im Sattel, wie lange nicht mehr. Aber er weiß natürlich, welche Menschen in der Lage sind, Hintergründe aufzudecken. Wobei Putin nicht befürchten musste, dass die Opposition um Nemzow wie vor der Präsidentschaftswahl 2012 eine Bewegung auf die Beine stellt, die über Monate Hunderttausende mobilisieren kann. Davon ist Russland im Augenblick weit entfernt.

Putin hat den "brutalen Mord" an Nemzow als politische "Provokation" verurteilt und den Angehörigen sein Beileid ausgesprochen. Nehmen Sie ihm das ab?

Nein. Das ist ein politischer Reflex. Man muss sich mal vergegenwärtigen, dass dieser Auftragsmord, von dem man ja sprechen muss, in unmittelbarer Kreml-Nähe stattgefunden hat. In einer Gegend, die ständig durch unzählige Kameras bewacht ist. Der Kreml ist das Symbol von Russland und ausgerechnet dort findet dieser Mord statt. Diese Tat setzt eine Zäsur, die Russland in die Zeit davor und danach teilt. Es ist das System Putin, das eine Atmosphäre geschaffen hat, in der Personen wie Nemzow ausgeschaltet werden.

Politowskaja, Litwinenko, Beresowski, Nemzow - viele bekannte Putin-Kritiker sind tot. Ein Zufall?

Nein. Der Fall Nemzow reiht sich nahtlos ein. Vor diesem Hintergrund ist Putins Beileid ja fast schon zynisch. Man muss vorsichtig sein und juristisch exakt bleiben. Putin und seinen engsten Gefolgsleuten wird man natürlich nie nachweisen können, dass sie hinter dem Mord stehen könnten. Ich glaube auch nicht, dass Putin den Mord persönlich in Auftrag gegeben hat. Dafür gibt es in autokratischen Staaten Geheimdienste und andere Instrumentarien. Wie bei den vorherigen Fällen wird am Ende ein Täter präsentiert werden, der verurteilt wird, aber nur ein Bauernopfer ist. Meine Befürchtung ist groß, dass die politischen Hintergründe wieder nicht zum Vorschein gebracht werden.

Was bedeutet der Tod Nemzows für die russische Opposition?

Das ist ein schwerer Schlag für die russische Opposition. Mit seinem Tod stirbt ein Stück Hoffnung, dass sich in Russland in nächster Zeit etwas ändern kann.

Mit Dirk Emmerich sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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