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Russische Sicherheitskräfte nahe Krasnaja Poljana. Hier finden die Alpinen Wettbewerbe statt.
Russische Sicherheitskräfte nahe Krasnaja Poljana. Hier finden die Alpinen Wettbewerbe statt.(Foto: REUTERS)

Olympische Spiele in Sotschi: "Putins Siegesgeste ist nicht gelungen"

Die Olympischen Winterspiele finden in einer Region statt, die Kaukasus-Experten als herausragende Gewaltzone Europas bezeichnen. Dazu kommt noch die tscherkessische Frage, der Russland sich strikt verweigert, sagt Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Im russischen Nordkaukasus gibt es sieben Teilrepubliken. Wie viele ethnische oder religiöse Konflikte kann man in dieser Region identifizieren?

Dr. Uwe Halbach ist Kaukasus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Dr. Uwe Halbach ist Kaukasus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.(Foto: SWP)

Uwe Halbach: Aufgrund der beiden Kriege mit mehreren zehntausend Toten, die dort stattgefunden haben, wurde der Nordkaukasus ja lange mit Tschetschenien gleichgesetzt. In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren hat sich die Gewalt von dort allerdings in die gesamte Region ausgebreitet - in Gestalt eines Dschihad, der nicht mehr auf Tschetschenien beschränkt ist, sondern sich vor allem nach Dagestan ausgebreitet hat, aber auch in Regionen, die vorher noch relativ ruhig waren, nach Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien, also bis in die weitere Umgebung von Sotschi. Zu diesem islamistischen Aufstand kommen noch einige ungelöste ethnische Konflikte, etwa der Konflikt zwischen Ossten und Inguschen in Nordossetien.

Auch außerhalb des Kaukasus kommt es in Russland immer wieder zu Anschlägen. Haben die in der Regel einen Kaukasus-Hintergrund?

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Russland rangiert in der Terror-Statistik weit vor den USA und der EU. Mehr als 90 Prozent dieser Gewaltereignisse haben mit dem Nordkaukasus zu tun, die meisten Anschläge finden auch dort statt. Allerdings hat es auch spektakuläre Anschläge im Inneren Russlands gegeben, sogar in Moskau - zuletzt im Januar 2011 auf den Flughafen Domodedowo, bei dem 36 Menschen getötet wurden. Oder denken Sie an die mehrtägige Geiselnahme in einem Moskauer Theater im Oktober 2002, bei deren Beendigung mehr als 120 Menschen ums Leben kamen.

Wie ist die Situation derzeit in Tschetschenien?

In Tschetschenien ist Gewalt noch immer sehr alltäglich. Die Kriege sind zwar vorbei, auch der zweite Tschetschenienkrieg, der 1999 begann und dessen Ende unterschiedlich datiert wird. Unter der Herrschaft von Ramsan Kadyrow hat sich aber alles andere als eine nachhaltige Befriedung ergeben. Tschetschenien ist zu Kadyrows Privatstaat geworden.

Und wie ist die politische Situation in Dagestan?

Nicht so autokratisch wie in Tschetschenien, aber auch noch weniger stabil. Das liegt auch daran, dass es in Dagestan Dutzende Volksgruppen gibt, die von der Politik in einer Art ethnischem Proporz berücksichtigt werden müssen. Seit einigen Jahren haben wir dort aber eine Verschärfung, was die islamistischen Aktivitäten betrifft, auch was die Gegengewalt betrifft, die von den staatlichen Organen ausgeht.

(Foto: Wikipedia / GNU Free Documentation License)

Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow, Oberhaupt des "Kaukasus-Emirats", hat zu Anschlägen in Sotschi aufgerufen. Für wie real halten Sie die Gefahr eines Terroranschlags während der Olympischen Spiele?

Es gab ja schon Anschläge im weiteren Umfeld der Spiele: im Dezember in Wolgograd, zwei Anschläge innerhalb von 24 Stunden mit mehr als 30 Toten. Einen ähnlichen Anschlag gab es ebenfalls im Dezember in Pjatigorsk, der Hauptstadt des nordkaukasischen Föderalbezirks.

Aber kann es auch Anschläge in Sotschi selbst geben?

Das halte ich für fraglich. In Sotschi und Umgebung sind 70.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, das Sicherheitsnetz dort ist also enorm dicht. Aber wir leben in einer Zeit, wo es nicht mehr um großflächige Attacken von Untergrundarmeen geht, sondern um Selbstmordanschläge von Einzeltätern. Außerdem würde es Terroristen ja schon genügen, wenn es im weiteren Umfeld der Spiele zu Anschlägen kommt.

Sotschi gehört zum historischen Siedlungsgebiet der Tscherkessen, die die Winterspiele zum Anlass nehmen, auf ihre Vertreibung aus der Region im 19. Jahrhundert aufmerksam zu machen. Wie reagiert der russische Staat darauf?

Russland hätte die Olympischen Spiele dazu nutzen können, die tscherkessische Frage aufzugreifen und sich mit der eigenen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen, wie es Kanada gemacht hat bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. Damals wurde die indianische Urbevölkerung ganz bewusst mit einbezogen. Russland dagegen legt Wert darauf, dass tscherkessische Aktivisten in Sotschi möglichst gar nicht in Erscheinung treten. Das ist ein etwas unkluges Verhalten; Russland wäre besser beraten gewesen, sich dieser Frage zu öffnen.

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Gibt es denn Tscherkessen, die eine terroristische Bedrohung darstellen?

Die tscherkessische Bewegung, die an das Schicksal dieses Volkes erinnern will, agiert vor allem aus der Diaspora, es leben ja einige Millionen Nachfahren der vor 150 Jahren vertriebenen oder vernichteten Tscherkessen in der Türkei und in Dutzenden anderen Ländern. Ihnen geht es um die Erinnerungskultur, für sie ist Terrorismus tabu. Das Gleiche gilt auch für die Tscherkessen vor Ort, die in den Teilrepubliken mit tscherkessischer Restbevölkerung leben, in Kabardino-Balkarien, in Karatschai-Tscherkessien und in Adygeja. Es gibt einige junge Tscherkessen im Nordkaukasus, die sich vom "Kaukasus-Emirat" angesprochen fühlen. Das hat aber nichts mit der tscherkessischen Frage zu tun.

War die Vertreibung und Vernichtung der Tscherkessen ein Völkermord?

Das kommt darauf an, wie man diesen Begriff definiert. Wenn man ihn an der Absicht festmacht, eine ganze Volksgruppe zu vernichten oder zu vertreiben, dann kann man das als Genozid bezeichnen. Die Tscherkessen hatten während des Kaukasuskriegs, mehr als 100 Jahre lang, Widerstand gegen die Armee des Zaren geleistet. Dieser Widerstand wurde mit der Vertreibung der Tscherkessen beendet. Nur ein Rest von weniger als 100.000 Tscherkessen ist in den alten Siedlungsgebieten geblieben. Der ganz große Teil, mehr als 90 Prozent, wurde im Krieg vernichtet oder danach vertrieben. Die Tscherkessen sind mit Booten über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich geflohen, sie waren gewissermaßen die ersten Boat People der neueren Geschichte.

Die Gegend um Sotschi ist kein klassisches Skigebiet. Hätte es in Russland nicht bessere Standorte gegeben, um Winterspiele auszurichten?

Es sind in der Tat die ersten Olympischen Spiele, die in einer subtropischen Zone stattfinden. Sotschi ist eher ein Badeort. Krasnaja Poljana, wo die Ski-Wettkämpfe ausgetragen werden, ist zwar jetzt zu einem Skiort ausgebaut worden. Aber ein klassisches Skigebiet ist die Region um Sotschi nicht gerade.

War es unterm Strich eine gute Idee, Sotschi als Austragungsort für die Olympischen Spiele zu wählen?

Offenbar war es keine so gute Idee. Sotschi ist zwar wunderschön und selbst auch keine Zone der Unsicherheit. Aber es liegt in einem regionalen Umfeld, das schon im Jahr 2007, als die Entscheidung für Sotschi fiel, eine breitere Aufstandszone war. In einigen Sicherheitsanalysen wird der Nordkaukasus als die herausragende Gewaltzone Europas bezeichnet. Außerdem wird ja selbst im Olympischen Komitee mittlerweile über Korruption bei der Errichtung des olympischen Areals diskutiert. Auch die klimatischen Bedingungen in Sotschi setzen ein Fragezeichen hinter die Entscheidung. Und schließlich die tscherkessische Frage, der sich Russland verweigert. Alles zusammen wirft schon einen Schatten über die Olympischen Spiele.

Will Putin demonstrieren, dass er den Terrorismus im Griff hat? Ist es eine Sieges-Geste, die Spiele nach Sotschi zu holen?

So war es wohl gemeint. Es war eine Geste, die sagen sollte: Wir haben alles im Griff. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Olympischen Spiele in einem Belagerungszustand durchgeführt werden müssen, ist diese Geste nicht gelungen.

Mit Uwe Halbach sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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