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Gefährlich ist es nach offizieller Darstellung nur im Sperrbereich (Aufnahme aus dem Kernkraftwerk Krümmel).
Gefährlich ist es nach offizieller Darstellung nur im Sperrbereich (Aufnahme aus dem Kernkraftwerk Krümmel).(Foto: picture-alliance/ dpa)

"800.000 Kinder weniger" nach Tschernobyl: Radioaktivität gefährlicher als gedacht?

von Till Schwarze

Ist niedrige radioaktive Strahlung gefährlicher als bislang angenommen? Diesen Verdacht legen Studien deutscher Wissenschaftler nahe. Sie haben nachgewiesen, dass nach Tschernobyl und in der Nähe von Atomanlagen die Geburtenrate sinkt und weniger Mädchen zur Welt kommen.

Im Fall von Tschernobyl sind die Zahlen für Hagen Scherb eindeutig. "Nach dem Reaktorunfall wurden in den belasteten Regionen 800.000 weniger Kinder und dabei vor allem weniger Mädchen geboren", sagt der Biomathematiker des Helmholtz-Zentrums München. "Da gibt es keine Zweifel, weil die Effekte so deutlich sind." Zusammen mit seiner Kollegin Kristina Voigt hatte Scherb das Geburtenverhalten in den vom Super-GAU betroffenen Regionen Europas untersucht und unter anderem mit den USA verglichen. Dabei stießen die Wissenschaftler auf enorme Geschlechterauffälligkeiten in der Statistik: Nach dem Reaktorunglück 1986 gab es einen regelrechten Einbruch in der Geburtenzahl und das ansonsten konstante Verhältnis von Mädchen und Jungen wurde empfindlich gestört: Es kamen deutlich weniger weibliche Babys zur Welt.

Überdenken? Die Strahlung im Umkreis von Atomkraftwerken wird bislang als unbedenklich eingestuft (im Bild das Kernkraftwerk Unterweser, an das Greenpeace-Aktivisten 2009 einen Totenschädel gemalt hatten).
Überdenken? Die Strahlung im Umkreis von Atomkraftwerken wird bislang als unbedenklich eingestuft (im Bild das Kernkraftwerk Unterweser, an das Greenpeace-Aktivisten 2009 einen Totenschädel gemalt hatten).(Foto: REUTERS)

Scherb war alarmiert, denn ähnliche Beobachtungen hatte es bereits für Regionen gegeben, in denen einst überirdische Atomtests vorgenommen wurden. Nun hat er zusammen mit Kristina Voigt und dem Bremer Kollegen Ralf Kusmierz in einer vorläufigen Studie untersucht, ob sich ähnliche Effekte auch im Umfeld von Atomreaktoren und anderen kerntechnischen Anlagen in Deutschland und der Schweiz feststellen lassen. Das Ergebnis: "In der Umgebung von Nuklearanlagen sind in Deutschland und der Schweiz circa 15.000 weniger Kinder als erwartet geboren worden, die Mehrzahl davon Mädchen."

Schädigung von X-Chromosomen?

Die Wissenschaftler haben sich für ihre Untersuchung einen Zeitraum von 40 Jahren vorgenommen. Von 1969 bis 2008 werteten sie die Geburtenstatistik um 28 Atomanlagen in Deutschland und der Schweiz aus und bezogen dabei das statistische Geschlechterverhältnis und die zu erwartende Geburtenzahl ein. Normalerweise beträgt das Verhältnis von Jungen und Mädchen bei Neugeborenen relativ konstant 105:100. Doch dieses Verhältnis war bei der Untersuchung signifikant gestört. Rechnerisch fehlten 8400 Mädchen. Was ist da los?

Statistischer Geburtenknick: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl führte zu Auffälligkeiten in Europa, fanden die Wissenschaftler heraus.
Statistischer Geburtenknick: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl führte zu Auffälligkeiten in Europa, fanden die Wissenschaftler heraus.

"Es gibt Hinweise, dass die X-Chromosomen des Vaters anfälliger für Störungen sind als die X-Chromosomen der Mutter", erklärt Scherb im Gespräch mit n-tv.de. Da das X-Chromosom vom Vater an die Tochter vererbt wird, könnten die Geschlechterauffälligkeiten in der Geburtenstatistik also ein Hinweis auf die Schädigung des männlichen Erbguts sein. In jedem Fall sind sie für Scherb ein Hinweis darauf, dass die als unbedenklich eingestufte Strahlung im Umkreis von Atomkraftwerken gefährlicher ist als bislang angenommen.

Sind 15.000 fehlende Kinder in der Geburtenstatistik nicht aber eine vernachlässigbare Größe innerhalb eines Zeitraums von 40 Jahren? Scherb verneint das und erklärt, dass es sich immerhin um einen Effekt im Promille- bis Prozentbereich handelt: Nach dem geltenden Strahlenschutz in Deutschland dürfe auch nicht 1 Fall unter Tausend betroffen sein. Schließlich gilt die Umgebung von Atomkraftwerken offiziellen Angaben zufolge als ungefährlich. Selbst der Zusammenhang mit höheren Krebsraten ist umstritten. Auch wenn das Bundesumweltministerium den statistischen Zusammenhang nach Studien 2007 eingeräumt hat.

"Muss alarmieren"

Für die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW ist der Fall allerdings klar. Die Studien von Scherb und seinen Kollegen sind für die Organisation nur ein weiterer Beleg in einer Reihe von Hinweisen auf die Gefahr für Menschen auch bei niedriger radioaktiver Strahlung. IPPNW-Vorstandsmitglied Reinhold Thiel betont, dass mit der Kinderkrebsstudie 2007, den fehlenden Geburten um Atomkraftwerke, den fehlenden Kindern nach Tschernobyl und nach den Atomwaffentests nunmehr zahlreiche Arbeiten auf Gefahren durch die Freisetzung von radioaktiven Isotopen hinweisen würden. "Dass möglicherweise bereits durch den Normalbetrieb von Atomkraftwerken in Deutschland und der Schweiz viele tausend Geburten ausbleiben, muss alarmieren.“ Was folgt daraus? "Es ist die Frage, ob die bestehenden Grenzwerte für die Strahlenbelastung noch stimmen", sagt Thiel n-tv.de.

Wissenschaftler Scherb will mit seinen Kollegen die Ergebnisse ihrer vorläufigen Studie nun ergänzen und in wissenschaftlichen Journalen publizieren, um sie stichfest zu machen. Grundsätzliche Zweifel an den Ergebnissen hat er aber nicht. So ließen sich ähnliche Effekte etwa auch um die Asse und Gorleben festmachen. Und die Zahlen im Fall von Tschernobyl ließen keinen Zweifel zu. "Die müssen das akzeptieren", sagt er in Richtung seiner Kritiker, die an den Ergebnissen seiner Studien zweifeln.

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Quelle: n-tv.de

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