Politik
Als dezente Entscheidungshilfen sind Nudges gedacht. Doch mancher fühlt sich von den neuen Methoden gegängelt.
Als dezente Entscheidungshilfen sind Nudges gedacht. Doch mancher fühlt sich von den neuen Methoden gegängelt.(Foto: picture alliance / dpa)

Merkel testet "Nudging": Regierung setzt auf sanfte Schubser

Ein Gastbeitrag von Tobias Vogel

Mit Schubsern möchte die Bundesregierung den Bürger helfen, sich sinnvoll zu verhalten. Vielen macht das Angst vor einem Staat, der seine Bürger bevormundet und manipuliert. Ist das berechtigt?

Haben Sie einen Organspenderausweis? Einen Riester-Vertrag? Essen Sie genügend Obst? Organspende, Altersvorsorge, gesunde Ernährung - die meisten Menschen halten dies für gute, sinnvolle Dinge. Und doch: Die wenigsten halten sich an ihre guten Vorsätze. Und so bleibt alles beim Alten: kein Organspenderausweis, wackelige Altersvorsorge, Schokoladenkuchen und Rotwein statt Bananen und Tee. Wie einfach könnte doch all das sein, wenn der Staat den weniger vernünftigen Bürgern bei diesen Fragen ein wenig auf die Sprünge helfen würde. Nicht durch Verbote oder Pflichten. Sondern durch sanftes Führen und Anregen, ohne Zwang und doch mit dem nötigen Nachdruck.

Bei vielen Lesern läuten jetzt vermutlich die Alarmglocken. Bevormundung, Gängelei, Paternalismus - das sind noch die harmloseren Begriffe, die Kritikern einer solchen Philosophie des Regierens einfallen. Schließlich sei so etwas ein Eingriff in Bereiche, in denen eine Regierung nichts zu suchen hat. Und damit haben sie nicht ganz Unrecht. Doch einige Staaten - etwa die USA oder Großbritannien - machen genau das. Und auch die deutsche Bundesregierung will eine solche Form des Regierens in Zukunft systematisch betreiben. Das Zauberwort der Stunde im Kanzleramt heißt "Nudging". Seit wenigen Wochen ergänzen Psychologen und Ökonomen den Beraterstab von Angela Merkel. Sie sollen prüfen, was mit den neuen Methoden künftig noch möglich sein könnte.

Doch worum geht es hier eigentlich? Psychologie und Ökonomie widmen sich schon seit Längerem der Frage, wie die Menschen dem alten Konflikt zwischen guten Vorsätzen und dem tatsächlichen Verhalten beikommen können. Ein erster Schluss ist so naheliegend wie weitreichend: Der innere Schweinehund reagiert auf äußere Umstände. Ob Menschen als Zwischenmahlzeit Schokoriegel oder Möhren essen, hängt im Wesentlichen davon ab, was besser verfügbar ist.

Organspenden - eine Frage des Standards

Beim Nudging wird die Umwelt so gestaltet, dass die Bürger in die richtige Richtung geschubst werden und die vermeintlich schlechte Alternative links liegen lassen. Die Idee ist nicht neu. In Werbung und Marketing wird das schon seit jeher angewendet: Bunte Verpackungen für Süßigkeiten, platziert in Blickhöhe von Kindern, sind absatzfördernd – jeder Vater und jede Mutter wird davon ein Lied singen können. Und auch deutsche Regierungen auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene gestalten schon heute Umwelten so, dass Menschen sich ihren Vorstellungen entsprechend verhalten. Manche dieser Nudges bestehen aus Aufklärung: Kampagnen weisen auf die Gefahren von HIV oder Übergewicht hin. Fitnessgeräte in städtischen Parks erinnern nicht nur an die Leibesertüchtigung, sondern bieten auch gleich die passende Gelegenheit.

Doch mit dem Verweis auf das, was schon praktiziert wird, können berechtigte Bedenken nicht einfach weggewischt werden. Schließlich ist es strittig, ob eine Regierung für seine Bürger entscheiden darf, was gut und richtig ist. Ein genauer Blick auf die Konzepte, die hinter Nudging stehen, könnte aber zu einer etwas sachlicheren Debatte beitragen. Denn dass Befürworter von sanften Schubsern, Kritiker dagegen von rüden Remplern reden, hängt mit dem Umstand zusammen, dass Nudging ein sehr vager Begriff ist. Es gibt viele verschiedene Arten von Schubsern, von sanften bis knüppelharten, von unvermeidbaren bis unnötigen. Und so können sich beide Seiten auch die Argumente zurechtlegen, die zu ihrer grundsätzlichen Haltung passen.

"Nudging" geht auf zwei Wissenschaftler aus den USA zurück. Der Ökonom Richard Thaler von der Chicago University und der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein von der Harvard Law School wählten den Begriff als Titel eines populärwissenschaftlichen Bestsellers. Er enthält eine Reihe einfacher Entscheidungshilfen: Besucher einer Cafeteria werden etwa Obst Schokoriegeln vorziehen, wenn es im Regal weiter vorne angeboten wird. Oder: In einigen Ländern, zum Beispiel in Spanien, sind die Bürger standardmäßig Organspender. Obwohl jederzeit die Möglichkeit besteht, sich gegen diesen Status zu entscheiden, tun dies nur wenige. In anderen Ländern, etwa in Deutschland, ist der Bürger nur dann Organspender, wenn er sich dafür aktiv entscheidet. In Deutschland ist die Anzahl der Organspender nicht mal halb so hoch wie in Spanien.

Das Für und Wider der Transparenz

Cass Sunstein, der derzeit mit dem Nudging der Obama-Regierung betraut ist, wird nicht müde, auf zwei Dinge hinzuweisen:

  • Nudges müssen dem Bürger stets die Entscheidungsfreiheit lassen – anders als bei staatlichen Pflichten und Verboten. Dabei ist der Übergang von Wahlfreiheit zu Einschränkung fließend. Dass Rauchen zwar nicht verboten, aber auf bestimmte ausgewiesene Bereiche beschränkt ist, wäre so eine Form des Nudgings. Raucher, die ein öffentliches Gebäude verlassen müssen, um ihre Sucht zu befriedigen, werden sich jedoch nur bedingt frei fühlen.
  • Nudges müssen transparent sein. Die Bürger müssen wissen, wie geschubst wird und warum. Tatsächlich ist das nicht immer so. Und das aus einem einfachen Grund: Manche Nudges verlieren an Wirkung, wenn die Menschen deren Wirkungsweise erkannt haben. Im Extremfall empfinden Menschen, dass sie manipuliert werden sollen, und reagieren abwehrend. Dann verhalten sie sich mitunter genau entgegen der beabsichtigten Handlung.

Vielleicht widerspricht die Forderung nach Aufklärung sogar einem zentralen Ziel der Schubser: Nämlich die Welt für den Bürger einfacher zu machen, ohne ihn mit bewussten Entscheidungen zu belasten. Wenn sich die Politik für die kleinen Stubser entscheidet, muss sie dennoch erklären, was sie mit ihnen bewirken will. In einer Demokratie haben die Bürger ein Recht darauf, zu erfahren, was ihre Regierung von ihnen fordert. Ob die Ziele dann durch Gebote, Verbote oder eben durch Nudges verfolgt werden, ist schließlich egal. Legitimierungsbedürftig sind lediglich die Ziele. Nudging selbst ist dagegen keines – sondern lediglich eine Methodensammlung.

Tobias Vogel ist Dozent für Konsumentenpsychologie an der Universität Mannheim. In seinen Forschungsarbeiten befasst er sich mit der Entstehung und der Veränderung von Einstellungen und menschlichem Entscheidungsverhalten.

Quelle: n-tv.de

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