Politik

Wasserwerfereinsatz in Stuttgart: Rentner bleibt blind

Das Bild von Dietrich Wagner, der nach dem Einsatz von Wasserwerfern mit blutigen Augen am Stuttgarter Schlossplatz steht, ist zum Symbol für die umstrittene Härte des Polizeieinsatzes geworden. 14 Tage nach dem Einsatz steht fest, Wagner hat sein Augenlicht verloren.

Wagner mit seinen offenbar sehr schweren Verletzunge am Tag des Einsatzes.
Wagner mit seinen offenbar sehr schweren Verletzunge am Tag des Einsatzes.(Foto: dpa)

Der mit seinen blutüberströmten Augen zum Symbol der Eskalation der Proteste gegen "Stuttgart 21" gewordene Rentner Dietrich Wagner wird lebenslang auf einem Auge blind bleiben. Eine Sprecherin des behandelnden Stuttgarter Katharinenhospitals sagte, auf einem Auge werde definitiv keine Sehfähigkeit mehr eintreten. Beide Augen waren durch einen Wasserwerfereinsatz der Polizei schwer verletzt worden. Den Angaben zufolge wird der zuvor sehfähige 66-Jährige auch auf dem zweiten Auge schwer sehbehindert bleiben. Wagner werde auch mit diesem Auge nie mehr eine Sehfähigkeit erreichen können, die zum Autofahren oder Lesen reiche.

Vor knapp zwei Wochen war die Polizei massiv gegen die Gegner des Bahnhofsneubaus in Stuttgart vorgegangen und hatte unter anderem Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Nach offiziellen Angaben waren die Beamten zuvor von Demonstranten provoziert worden. Den Polizeiangaben zufolge war Wagner von der Polizei immer wieder gewarnt worden und hatte sich selbst in den Strahl des Wasserwerfers gestellt. Im "Stern" hatte der ehemalige Ingenieur aber gesagt, "nur zwei oder drei Kastanien" geworfen zu haben.

Mehrere OPs

Nach Angaben der Krankenhaussprecherin wurde Wagner am Montag erneut operiert, er werde in einigen Monaten nochmals an beiden Augen operiert werden müssen. Mit dem Auge, bei dem die Sehfähigkeit noch erhalten sei, könne er "grob" Menschen erkennen. Es bestehe die Hoffnung, dass hier zumindest soviel Sehfähigkeit zurückkehre, dass er wieder einigermaßen selbstständig werde und etwa ohne Begleitung gehen könne.

Verstärkung aus dem Wendland

Derweil kündigte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg an, sich den Protesten gegen "Stuttgart 21" auch vor Ort anschließen zu wollen. Die seit Jahren gegen ein Atommüll-Endlager in Gorleben kämpfenden Demonstranten werden demnach mit ihren eigenen Traktoren an der nächsten Montagsdemo in der kommenden Woche teilnehmen. Die Traktoren sollen per Tieflader nach Stuttgart gebracht werden, ein Bus wird die Aktivisten der Bürgerinitiative demnach nach Stuttgart bringen.

"Wir demonstrieren den Schulterschluss, denn Stuttgart 21 und Gorleben stehen symbolisch für das Vorgehen der politischen Klasse, die Profit- und Renommierinteressen gegen die Bürgerinnen und Bürger durchsetzt", erklärte die Bürgerinitiative. Diese bereitet sich derzeit auf den für Anfang November erwarteten nächsten Atommülltransport ins Wendland vor.

Forderung nach Bau- und Vergabestopp

Grünen-Chef Cem Özdemir wiederholte unterdessen seine Aufforderung an die Verantwortlichen von "Stuttgart 21", die Bauarbeiten für Gespräche mit den Gegnern zu unterbrechen. "Selbstverständlich haben die Gespräche nur dann einen Sinn, wenn sie ergebnisoffen sind, die Bagger ruhen und keine neuen Aufträge vergeben werden", erklärte Özdemir. Deshalb sei die Forderung nach einem Bau- und Vergabestopp keine Radikalforderung, sondern schlichtweg ein logisches Gebot der Friedenspflicht, die während der Gespräche gelten soll.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) geht davon aus, dass die Schlichtung an diesem Donnerstag oder Freitag beginnt. Das sagte der Regierungschef im SWR  nach einem Gespräch mit dem Schlichter Heiner Geißler. Die Entscheidung über den Beginn der Gespräche zwischen Gegnern und Befürwortern der umstrittenen Umwandlung des Stuttgarter Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation liege beim früheren CDU- Generalsekretär. Mappus betonte, dass ab sofort Friedenspflicht gelte. "Friedenspflicht heißt: Alle sitzen an einem Tisch, alles muss auf den Tisch."

"Stuttgart 21" sieht vor, dass der bisherige Stuttgarter Kopfbahnhof als Durchgangsbahnhof in den Untergrund verlegt wird. Die Gegner warnen vor hohen Kosten, negativen ökologischen Folgen und Sicherheitsgefahren durch das Milliardenprojekt. Am Montagabend gingen erneut tausende Menschen auf die Straße, um gegen das Bauvorhaben zu protestieren.

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Quelle: n-tv.de

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