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Am Tropf: Die Wirtschaft Katars ist maßgeblich vom Außenhandel abhängig. Die Blockade könnte das Land empfindlich treffen.
Am Tropf: Die Wirtschaft Katars ist maßgeblich vom Außenhandel abhängig. Die Blockade könnte das Land empfindlich treffen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 06. Juni 2017

Keine Abweichler geduldet: Riad statuiert an Katar ein Exempel

Von Benjamin Konietzny

Wie aus dem Nichts, so scheint es, brechen zahlreiche Nationen unter der Führung Riads mit Katar. Doch das Emirat war den Saudis schon lange ein Dorn im Auge. Und dabei geht es nicht um Terrorismus.

Was war der Auslöser für die diplomatische Krise?

Am 24. Mai veröffentlicht die staatliche Nachrichtenagentur Katars Meldungen, nach denen der Emir von Katar, das Staatsoberhaupt des kleinen Landes, den Iran als "islamische Macht" gepriesen und das Land als Kraft bezeichnet habe, die zur "Stabilisierung der Region" beitrage. Laut den Meldungen soll der Emir gesagt haben, die Terrororganisation Hamas sei der "legitime Repräsentant des palästinensischen Volkes". Außerdem unterhalte Katar "starke Beziehungen zum Iran".

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Kurz danach dementierte Katar die Aussagen. Die staatliche Nachrichtenagentur QNA sei Opfer eines Hacker-Angriffs geworden, hieß es. In der britischen Tageszeitung "Guardian" wurde gar die Veröffentlichung einer Gegendarstellung durchgesetzt.

Katars Nachbarland Saudi-Arabien reagierte mit Härte. Die Aussagen in den Meldungen - ob nun Hacker-Attacke oder nicht - stehen im krassen Gegensatz zu Riads Interessen. Der Iran ist der Erzfeind Saudi-Arabiens und langjähriger Widersacher im Kampf um die Vorherrschaft am Golf. Wenn irgendein Land für die "Stabilisierung der Region" sorgt - das ist das Selbstverständnis der Saudis -, dann sie selbst.

Was passiert nun in Katar?

In einer konzertierten Aktion haben Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Ägypten, Jemen, Libyen und die Malediven die diplomatischen Beziehungen zu Katar unter der Führung Riads abgebrochen. Die Landgrenze zu den Saudis wurde geschlossen, der Schiffs- und Flugverkehr wird eingestellt, diplomatisches Personal wird abgezogen, Bürger Katars müssen die Staaten, die sich nun gegen das Emirat gestellt haben, innerhalb von 14 Tagen verlassen.

Der Vorwurf lautet, Katar finanziere den internationalen Terrorismus, allen voran die Muslimbruderschaft, die Saudi-Arabien als Terrororganisation einstuft. Seit Jahren gibt es Vorwürfe, Katar finanziere radikale Gruppen wie Al-Kaida oder den IS. Die gleichen Anschuldigungen existieren jedoch auch gegen Saudi-Arabien. Riad klagt Katar zudem an, saudi-arabische Milizen mit Kontakten zum Iran zu fördern.

Lokale Medien berichten, dass es im reichsten Land der Erde nun zu Hamsterkäufen kommt. Bürger würden Grundnahrungsmittel wie Reis, Eier oder Milch in Massen kaufen, berichtet etwa "Doha News". In den sozialen Netzwerken kursieren Bilder von leeren Supermarktregalen. Die zwei Millionen Einwohner des kleinen Staates sind extrem abhängig vom Warenverkehr aus dem Ausland. Vor allem Grundnahrungsmittel kamen bisher über die Landgrenze aus Saudi-Arabien.

Worum geht es wirklich?

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Tatsächlich hat Katar vergleichsweise enge Beziehungen zum Iran. Hochrangige Vertreter beider Länder treffen sich regelmäßig, die wirtschaftlichen Verflechtungen sind eng, unter anderem teilen sich beide Staaten das größte Erdgasfeld der Erde. Zehntausende Iraner leben in Katar und gelten als gut integriert.

Saudi-Arabien kämpft mit dem Iran um die Vorherrschaft in der Region und sieht Teheran als Hauptgegner. Bei seinem Besuch in Saudi-Arabien vor zwei Wochen hat US-Präsident Donald Trump den Standpunkt Riads gestützt: Der Iran ist der Feind, Saudi-Arabien ist die Ordnungsmacht am Golf. Trump versprach den Saudis Waffenlieferungen im Wert von über 110 Milliarden Euro - ein größtmögliches Zugeständnis an die Außen- und Sicherheitspolitik Riads.

Saudi-Arabien lässt mit dem diplomatischen Eklat die Muskeln spielen und will demonstrieren, dass es auf der arabischen Halbinsel keine Abweichler der eigenen Außenpolitik duldet. Die guten Beziehungen Katars nach Teheran sind dem saudischen Königshaus schon länger ein Dorn im Auge. Die aktuellen Zugeständnisse Katars an den Iran - ob nun gefälscht oder nicht - haben das von Riad tolerierbare Maß überschritten.

Katar unterhält traditionell Verbindungen in alle möglichen Richtungen. Handelsbeziehungen und diplomatische Kontakte gab es von Doha auch bereits nach Israel. Der Großteil der Bevölkerung Katars ist wahhabistisch-sunnitischen Glaubens, folgt also dem auch in Saudi-Arabien dominanten Glauben. Und auch wenn es in Katar eine große iranische Diaspora und viele Schiiten gibt, gilt das Land nicht als Iran-Verbündeter.

Welche Konsequenzen drohen Katar?

Gestrandete Passagiere am Flughafen von Doha
Gestrandete Passagiere am Flughafen von Doha(Foto: AP)

Katar gehört mit einem Durchschnitts-Einkommen von fast 130.000 US-Dollar pro Kopf zu den reichsten Staaten der Erde. Dennoch ist die Wirtschaft des Wüstenstaates stark vom Außenhandel abhängig. Fast 90 Prozent der benötigten Lebensmittel etwa müssen importiert werden - ein Großteil über Land aus Saudi-Arabien. Die diplomatische Eskalation könnte das Land empfindlich treffen.

Die Staaten, die sich nun gegen Katar stellen, haben den Luftraum für Qatar Airways geschlossen und lassen keine Schiffe aus Katar mehr passieren. Wichtige Fluggesellschaften wie Etihad oder Emirates fliegen den Großflughafen Hamad in Doha nicht mehr an. Allein im ersten Quartal 2017 fertigte der Airport knapp zehn Millionen Passagiere ab. Viele davon kamen aus den Nachbarstaaten.

An den Finanzmärkten kam es bereits zu Unruhe. Der Aktienhandel in Doha brach um über 7 Prozent ein, der Ölpreis gab nach. Saudi-Arabien rief international Investoren dazu auf, Katar zu meiden. Das Emirat hat sich in den vergangenen Jahren im großen Stil an europäischen Konzernen beteiligt. Der Staatsfonds Qatar Investment Authority hält etwa über eine Tochter 17 Prozent an den Stimmrechten im VW-Konzern, rund 6 Prozent sind es bei der Deutschen Bank. Staatliche Investoren halten Anteile an Solarworld, dem Juwelier Tiffany, dem englischen Nobelkaufhaus Harrods und an Großbanken wie Barclays und Credit Suisse.

Katar ist mit einem Weltmarktanteil von über 30 Prozent der größte Exporteur für Flüssiggas. An den Börsen herrscht bisher Uneinigkeit, wie sich die aktuellen Entwicklungen auf den Preis für den Rohstoff auswirken könnten. Das meiste Gas geht aber ohnehin in Staaten, die an der diplomatischen Blockade nicht beteiligt sind: Indien, Japan und Südkorea.

Schifffahrtsrouten nach Katar könnten in Zukunft durch iranische Gewässer verlaufen, auch Flugrouten nach Doha wären durch iranischen Luftraum denkbar. Inwieweit auch die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln aus dem Iran über den Seeweg eine möglicherweise andauernde Blockade der Landgrenze nach Saudi-Arabien ersetzen könnte, wird sich zeigen. Der Vorsitzende des Verbands für landwirtschaftliche Exporte im Iran, Reza Nourani, sagte, iranische Lebensmittelexporte könnten Katar binnen 12 Stunden erreichen.

Ist eine militärische Eskalation möglich?

In Katar sind tausende US-Soldaten und Truppen anderer Nationen stationiert. Der Al-Udeid-Stützpunkt im Süden von Doha dient der US-Luftwaffe als Ausgangspunkt für Luftangriffe in Syrien und im Irak. Die meisten westlichen Staaten, darunter die USA, haben beste Beziehungen nach Katar - und ebenso nach Saudi-Arabien. Dass Saudi-Arabien militärisch gegen das Emirat vorgehen könnte, gilt als sehr unwahrscheinlich.

Die US-Regierung bekräftigte zwar die Kritik an Katar - viele Handlungen des Emirats seien "einigermaßen besorgniserregend", hieß es im Weißen Haus - doch grundsätzlich rief die Trump-Regierung zu Mäßigung auf. Auch der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan riefen nach einem Telefonat zu einem Dialog zwischen den Konfliktparteien auf. Es müsse einen Kompromiss geben "im Interesse der Bewahrung von Frieden und Stabilität in der Golf-Region", erklärte das russische Präsidialamt.

Quelle: n-tv.de

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