Politik
Philipp Rösler musste viel aushalten in Stuttgart.
Philipp Rösler musste viel aushalten in Stuttgart.(Foto: dpa)

Mobbing in der FDP: Röslers Flamme erlischt

Von Issio Ehrich, Stuttgart

"Wer an der Spitze der FDP steht, weiß, was Krieg bedeutet." Das sagte einst Philipp Röslers Vorgänger im Amt des Parteichefs. Nach dem Dreikönigstreffen weiß nun auch der 39-jährige Wirtschaftsminister, was damit gemeint ist.

Auch die Jungen Liberalen vermissen eine klare Richtung in ihrer Partei.
Auch die Jungen Liberalen vermissen eine klare Richtung in ihrer Partei.(Foto: REUTERS)

Es sind vielleicht nur die Blasen einiger Gäste, die Philipp Rösler  für seine Rede beim Dreikönigstreffen der FDP stehende Ovationen bescheren: Der Parteivorsitzende lässt seinen Blick von der Bühne der Stuttgarter Oper aus über die Sitzreihen schweifen. "Ich glaube, wir sollten jetzt dieses Dreikönigstreffen dazu nutzen, um ein Signal zu senden, dass wir gemeinsam bereit sind zu kämpfen", sagt er ins Halbdunkel. "Für Niedersachsen, für den Bund, für eine freie Gesellschaft." Er fügt hinzu: "Für die Freie Demokratische Partei" Und: "Für die Freiheit... Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

Der Applaus hat kaum eingesetzt, als sich eine Handvoll Gäste von ihren Sitzen erhebt – und Richtung Ausgang drängt. Der Bewegungsimpuls, der so plötzlich den Raum durchflutet, erfasst auch die anderen in den Rängen. Einige trippeln kurz vor und zurück, die meisten bleiben dann aber doch stehen. Ihr Klatschen allerdings ist viel zu fad, um die Geste der stehenden Ovationen ernsthaft zu untermauern.

Das Finale des Dreikönigstreffens ist der Schlusspunkt eines fatalen Wochenendes für Philipp Rösler. Jetzt versteht der 39-Jährige, was sein Vorgänger Guido Westerwelle meinte, als er sagte: "Wer in der FDP an der Spitze steht, weiß, was Krieg bedeutet."

"Sind sie morgen noch Parteivorsitzender?"

Rösler umringt von den Sternsingern.
Rösler umringt von den Sternsingern.(Foto: dpa)

Alles begann mit dem Dreikönigsball am Samstagabend: Umringt von Kameraleuten und mit Mikrofonen, die wie Tentakel vor seinem Mund hin- und herzucken, betritt Rösler das Foyer der Stuttgarter Reithalle. Aus dem Pulk der Reporter prasseln Fragen auf ihn nieder. Eine lautet: "Sind sie morgen noch Parteivorsitzender?" Die Dauerkritik an Rösler, die vor allem aus den eigenen Reihen kam, hat auch manch einem Journalisten die letzten Hemmungen genommen. Doch Röslers Wochenende hat eben erst begonnen. Er lächelt die Respektlosigkeit weg. Eine Strategie, die er im Ballsaal fortzusetzen versucht.

Mit der Hamburger FDP-Hoffnung Katja Suding, die in ihrem roten Kleid wie eine Girlande an Röslers Seite wirkt, sitzt er da. Die Liberalen, die in den vergangen Wochen zu ihm standen, ergänzen die Runde: Generalsekretär Patrick Döring, Fraktionschef Rainer Brüderle und Gesundheitsminister Daniel Bahr. An Röslers Tisch herrscht demonstrative Zufriedenheit. Für Kameras gibt es breites Grinsen, für die Mikrofone heiteren Smalltalk.

"Einer muss es ja machen"

Solms kandidiert nicht mehr und kann damit wohl mehr sagen als andere in der Partei.
Solms kandidiert nicht mehr und kann damit wohl mehr sagen als andere in der Partei.(Foto: picture alliance / dpa)

Für Hermann-Otto Solms gibt es an dieser Tafel keinen Platz. Das Präsidiumsmitglied sitzt am Nachbartisch. Solms war der Erste, der einen vorgezogenen Parteitag forderte, um die Personalie Rösler zu klären, bevor die Führungsdebatte der Partei schadet.

Im Gespräch mit n-tv.de wird er später am Rande des Balls zu seinem Vorstoß sagen: "Einer muss es ja machen." Und er werde dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören. "Ich bin insoweit auch nicht mehr angreifbar. Deswegen sage ich einfach, was ich denke."

Solms will seine Kritik nicht als persönlichen Angriff auf Rösler verstanden wissen. Der mache gute Arbeit, sagt er, sei ein honoriger und liebenswerter Mann. Es sei ihm nur nicht gelungen, die Inhalte der Partei allgemeinverständlich zu übermitteln. Dann fügt er noch hinzu. "Es kann durchaus sein, dass er wieder ein starkes Votum bekommt, es kann aber eben auch anders sein. Wichtig ist nur, dass die Entscheidung jetzt bald fällt."

Im Bierdunst ist Röslers Ende greifbar

Dirk Niebel sitzt nicht einmal am Nachbartisch Röslers – obwohl er in die FDP-Ministerriege gehört. Ein weiterer Tisch trennt ihn von seinem Parteivorsitzenden. Niebel hatte Rösler wiederholt in Frage gestellt und gesagt, ein Parteivorsitzender müsse nicht zwingend auch Spitzenkandidat für die Bundestagwahl sein.

Rösler dürfte die Präsenz seiner Kritiker trotz der geschickten Sitzordnung gespürt haben. Doch das war noch nichts im Vergleich zu dem, was manch ein Liberaler zu später Stunde an der Bar sagte.

Die Liberalen lassen die Tafeln des Ballsaals schnell hinter sich, drängen sich um die Theke als Mitternacht naht. Und im Bier- und Weindunst ist die Gewissheit greifbar, dass Röslers Tage als Parteivorsitzender der FDP gezählt sind. Optimisten geben ihm bis zum Parteitag im Mai Zeit. Einige rechnen schon vor der Niedersachsenwahl am 20. Januar mit dem Ende seiner politischen Karriere. Auch, weil sie fürchten, ein allzu gutes Ergebnis in Hannover, könnte Rösler auf die Idee bringen, es noch einmal zu versuchen.

Der Parteichef selbst lässt sich nur selten an der Bar blicken, und steht dann meist am Rande.

"Es zerreißt mich innerlich"

Vor dem Opernhaus in Stuttgart.
Vor dem Opernhaus in Stuttgart.(Foto: dpa)

Eine kurze Nacht später muss Rösler sich seinen Weg zur Oper vorbei an Demonstranten bahnen. Ein Leichenwagen steht dort mit einem Sarg davor – und Männer mit Plakaten. "Suizidhelfer" steht darauf und "§ 217". Ein anderer Trupp kritisiert, dass die FDP es nicht geschafft hat, die Union dazu zu bewegen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe gleichzustellen.

Überdies ist die Distanz zu manch einem Parteikollegen in der Nacht weiter gewachsen. Während Vize-Fraktionschefin Birgit Homburger die Auftaktrede hält, scheint es Entwicklungsminister Niebel kaum zu reichen, dass zwischen ihm und Rösler nur ein leerer Stuhl steht. Er biegt sein Kreuz, schiebt seine Schultern zur Seite, lehnt sich so weit wie irgendmöglich von seinem Parteivorsitzenden weg.

In leisen emotionalen Worten ebnet Niebel Röslers Abgang und bringt Brüderle in Position.
In leisen emotionalen Worten ebnet Niebel Röslers Abgang und bringt Brüderle in Position.(Foto: dpa)

Dann schreitet Niebel selbst zum Rednerpult. Er sagt Sätze wie: "So wie jetzt kann es in der FDP nicht weitergehen. Es zerreißt mich innerlich." Er spricht sich wie Solms dafür aus, nicht länger mit Entscheidungen zu warten. Und fügt hinzu: "Wir dürfen sie nicht von den Landtagswahlen abhängig machen." Rösler räuspert sich wiederholt, presst ein Husten hervor, ganz so, als wolle er sich von einem Frosch im Hals, befreien.

Niebel lobt derweil "ganz besonders" die Arbeit des Fraktionsvorsitzenden Brüderle. Dem gelingt es nicht nur kurz darauf, die Gäste in der Stuttgarter Oper mit seiner Rede zu berauschen wie kein zweiter an diesem Sonntag. Brüderle ist auch noch der Wunschparteichef der Mehrzahl der FDP-Wähler und wird längst als aussichtsreichster Nachfolger des Parteichefs gehandelt. Und dann kommt Rösler.

Liberaler Rundumschlag

Statt eines kämpferischen Appells à la Brüderle, der gegen die "Grüne Vermögenssteuer-Stasi" wettert und vor "Tugendjakobinern" warnt, die entgegen aller liberalen Werte den Menschen vorschreiben wollen, was sie essen, lesen und fahren dürfen, bleibt es bei Rösler bei leisen Plattitüden. "Wir Liberale stehen für die Freiheit – und damit sind wir einzigartig", sagt er und vergleicht diesen höchsten Wert der Liberalen mit einer Flamme, die zu erlöschen droht.

Ein Gast setzt unterdessen einen lauteren Akzent. Er springt vor die Bühne und ruft: "Herr Rösler, sie sind ein Arschloch." Ob es sich bei ihm um ein FDP-Mitglied handelt oder um einen der Demonstranten von draußen, lässt sich nicht ausmachen. Rösler lässt sich in seinem Redefluss so oder so nicht beirren – auch nicht, als ein weiterer Gast Flugblätter von einer der Logen auf das Publikum regnen lässt.

Rösler will sich möglichst nicht auf die Kritik an seiner Person einlassen und setzt stattdessen ganz auf liberale Inhalte. Er fordert die Schuldenbremse und eine Steuerschranke im Grundgesetz, warnt vor den Risiken der Inflation und appelliert daran, die NPD nicht juristisch, sondern politisch zu bekämpfen – ein liberaler Rundumschlag. Um dabei nicht den Ariadnefaden zu verlieren, kehrt er immer wieder zu seiner bedrohten "Flamme Freiheit" zurück.

Rösler beendete seine Rede nach 45 Minuten – die übrigen Redner begnügten sich mit der Hälfte der Zeit. Einer der Gäste, die sich nach dem Schlusswort Röslers aus der Halle zu quetschen versuchten, sagte bevor er verschwand nur noch: "Viel zu lang, viel zu lang."

Quelle: n-tv.de

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