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Vier Rekruten der deutschen Wehrmacht schwören während der NS-Zeit in Deutschland den feierlichen Fahneneid.
Vier Rekruten der deutschen Wehrmacht schwören während der NS-Zeit in Deutschland den feierlichen Fahneneid.(Foto: picture alliance / dpa)

Buch über Wehrmacht erschüttert: SS lädt zum Judenschießen ein

Sie haben "Spaß" am Töten, machen "Treibjagd" auf Juden - Forscher haben Abhörprotokolle der Alliierten ausgewertet, in denen gefangene Wehrmachtsoldaten über ihre "Arbeit" berichten. Der Mythos der "sauberen Wehrmacht" wird mit dem Archivmaterial endgültig zerstört.

Die Lektüre des Buchs "Soldaten" kostet Überwindung, ist fast unerträglich: "Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen", erzählt da ein Wehrmachtssoldat. "Richtig auf die Fresse, die kriegten die Schüsse alle ins Kreuz und liefen wie wahnsinnig", sagt Leutnant Pohl. "Die SS hat eingeladen zum Judenschießen ... Hat sich jeder aussuchen können, was für einen er wollte", erzählt Oberstleutnant von Müller-Rienzburg.

Der Historiker Sönke Neitzel machte bei Recherchen in London und Washington sensationelle Funde: Er stieß auf insgesamt rund 150.000 Seiten Abhörprotokolle der Alliierten von gefangenen Wehrmachtsoldaten. Sie wurden in speziellen Lagern von Briten und Amerikanern belauscht. Die Soldaten ahnten nichts und sprachen so unverstellt vom Töten, Vergewaltigen, Foltern und von Massenhinrichtungen, wie sie es in Feldpostbriefen, Verhören oder Memoiren niemals getan hätten.

Schnelle Gewöhnung an Brutalität

Krieg "in Echtzeit" liefern die Protokolle, die Neitzel zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer auswertete und jetzt als Buch vorlegte. Da breitet sich das Alltagsleben der Wehrmachtssoldaten in unzähligen Gesprächen und Plaudereien aus. Es wird auch mal geprotzt, Massenvergewaltigungen sind ebenso Thema wie Preise in Bordellen. Besonders erschütternd sind die Berichte über "technische Optimierungen" bei Massenerschießungen und Stapeln von Leichen in Massengräbern.

Der Historiker Sönke Neitzel: "Töten ist das normale Handwerk der Soldaten".
Der Historiker Sönke Neitzel: "Töten ist das normale Handwerk der Soldaten".(Foto: picture alliance / dpa)

Die Forscher räumen dabei gründlich mit dem Klischee auf, dass jeder Soldat im Krieg eine Phase der Brutalisierung benötige. Die Gewöhnung an brutalste Gewalt dauerte oft nur wenige Tage. "Am dritten Tag war es mir gleichgültig und am vierten Tage hatte ich meine Lust daran", erzählt Leutnant Pohl. "Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehren durch die Felder zu jagen."

Gewalt wird Alltag

Die Gespräche hören sich manchmal an wie Party-Plaudereien - immer wieder kommt auch das Wort "Spaß" vor: "Dann haben wir hineingeschossen in die Stadt, du, auf alles was herumrannte, auf Kühe und Pferde ... auf Straßenbahnen ... alles, das macht Spaß", erzählt der Bomberbordschütze Küster im Januar 1943.

Auch Frauen und Kinder mit Kinderwagen wurden "umgelegt". Keine noch so extreme Gewaltgeschichte bringe die Männer aus der Fassung, resümieren die Autoren. Dies spreche die deutlichste Sprache über den Alltag der Gewalt. Gemeinsam lacht man über die Erzählung des Obergefreiten Sommer, der das Verhalten seines Oberstleutnants beschreibt: "Auch in Italien, in jedem Ort, wo wir hinkamen, sagte der immer: "Erst mal ein paar umlegen ... Also, zwanzig Mann umlegen, dass wir erst mal Ruhe haben hier, dass die nicht auf dumme Gedanken kommen ..."".

Ideologie spielt untergeordnete Rolle

Auch Kinder werden zu Terroristen gezählt. So berichtet der Obergefreite Dieckmann über Erschießungen in Frankreich kurz nach der Invasion der Alliierten: "Wir haben mal 30 Terroristen geschnappt, da waren Frauen und Kinder dabei, die haben wir in den Keller gesteckt ... an die Wand gestellt und abgeknallt." Die Wissenschaftler verweisen auf vergleichbare Aussagen von Soldaten im Vietnamkrieg, die selbst Babys für Vietcong hielten.

Das Buch wirft damit die entscheidende Frage auf, wie ideologisch und wie nationalsozialistisch der Krieg der Wehrmacht geprägt war. Nach Ansicht der Autoren spielt Ideologie eine eher untergeordnete Rolle. Viele Soldaten hatten nach ihren Erkenntnissen detaillierte Kenntnis über die Judenvernichtung. Sämtliche Details des Massenmordes, bis hin zur Tötung durch Abgase in Lastwagen, kommen in den Protokollen vor.

Ähnlichkeit mit Irak-Krieg

Am Ende vergleichen die Forscher das Wehrmacht-Material mit dem von Wikileaks veröffentlichten Protokoll des tödlichen Beschusses einer Gruppe von Zivilisten in Bagdad durch US-Hubschrauber. Es zeigen sich erstaunliche Ähnlichkeiten.

Und sie spannen einen Bogen nach Afghanistan: "Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich ein Scharfschütze der Wehrmacht und ein Scharfschütze des Kommandos Spezialkräfte (KSK) groß unterscheiden", sagt Neitzel. Krieg ist nach Ansicht der Wissenschaftler vor allem Arbeit, ein Job. "Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist", beschließen sie ihr Buch.

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Quelle: n-tv.de

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