Politik
Hans-Olaf Henkel war von 1995 bis 2000 Präsident des BDI.
Hans-Olaf Henkel war von 1995 bis 2000 Präsident des BDI.(Foto: picture alliance / dpa)

Hans-Olaf Henkel über Euro, Demokratie und Markt: "Schäuble hat mich sehr enttäuscht"

"Das Ziel sollte sein, alle reich zu machen", sagt der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel im Interview mit n-tv.de. Sein Rezept gegen die Allmacht der Parteien ist eine Direktwahl des Bundespräsidenten, gegen die Euro-Rettungspolitik setzt er die Forderung nach einer stärkeren Banken-Regulierung. Was dazu führen würde - "halten Sie sich fest!" - dass die meisten Banken verstaatlicht würden.

Manfred Bleskin: Herr Henkel, Sie sprechen von einem Dreieck, das Ihr Leben bestimmt: Liberté, Égalité, Fraternité. Was bedeuten Ihnen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - wobei Sie letzteres ja lieber mit Solidarität übersetzen?

Hans-Olaf Henkel: Fraternité, also für mich Solidarität, bedeutet, den Widerspruch zwischen Freiheit und Gleichheit aufzulösen. Freiheit und Gleichheit sind einander widersprechende Ziele. Nehmen Sie die Steuerpolitik. Bei 100 Prozent Steuern sind alle gleich. Bei null Prozent Steuern sind alle frei. Aber dann ist die Ungleichheit zu groß, und bei einem hundertprozentigen Steuersatz gäbe es keine Freiheit mehr. Eine Gesellschaft muss sich austarieren. Die Französische Revolution entdeckte den Begriff der Fraternité als Kitt zwischen den beiden Polen Liberté und Égalité.

Sie sagen, wer Demokratie will, muss sich für die Marktwirtschaft einsetzen. Nun funktioniert Marktwirtschaft mancherorts ja auch ohne Demokratie. Und wo Demokratie herrscht, gibt es Marktwirtschaft mit großer Inégalité, großer Ungleichheit.

Hans-Olaf Henkel (l.) im Gespräch mit Manfred Bleskin.
Hans-Olaf Henkel (l.) im Gespräch mit Manfred Bleskin.(Foto: n-tv.de)

Marktwirtschaft ist die Voraussetzung für Demokratie. Sie können mir keine Demokratie ohne Marktwirtschaft nennen. Die Frage ist in der Tat, ob dies auch umgekehrt gilt. Die Volksrepublik China hat ein marktwirtschaftliches System eingeführt und trotzdem gibt es dort keine Demokratie. Meine Erfahrung ist: Wenn ein Land erst einmal vom Bazillus der Marktwirtschaft angesteckt ist, geht es irgendwann auch zur Demokratie über. Denken Sie an Lateinamerika. Vor 50 Jahren gab es dort nur Diktaturen. Heute gibt es immer mehr Demokratien. Dieser Prozess begann immer mit der Marktwirtschaft.

Heute sind dort aber vielfach linke Regierungen an der Macht.

Das macht ja nichts. Es sind demokratische Regierungen. Nehmen Sie Brasilien. Das Land wurde von 2003 bis 2011 von Luiz Inácio "Lula" da Silva regiert, der aus der Gewerkschaftsbewegung kam. Vor ihm war aber mit Fernando Henrique Cardoso ein Sozialdemokrat Präsident, und der hat die Grundlagen für den Aufstieg gelegt. Ich glaube auch an ein anderes magisches Dreieck, das aus Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten besteht. Ich engagiere mich ja sehr stark bei Amnesty International. Unterm Strich: Es gibt heute so viele Länder, welche die Marktwirtschaft umarmt haben wie nie zuvor, es gibt so viele Demokratien wie nie zuvor. Der Zustand der Menschenrechte ist vielerorts noch zu beklagen, aber er ist auch so gut wie noch nie. Das alles sind Folgen der Globalisierung.

Dann ist Globalisierung etwas Positives?

Auf jeden Fall. Sie bringt ja nicht nur Waren, Dienstleistungen, Geld und Investitionen um die Welt, sondern auch Ideen und Ideale. Die Idee der Menschenrechte ist mit der Globalisierung genauso um die Welt gegangen wie die der Demokratie. Ob man zu dem Dreieck Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte noch die Kultur hinzunimmt, weiß ich nicht recht. Von Vorteil ist, dass die Globalisierung dem Einzelnen einen fantastischen Zugriff auf kulturelle Angebote aus der ganzen Welt ermöglicht. Andererseits hat man den Eindruck, dass so die kulturellen Unterschiede eingeebnet werden. Fast überall gibt es in den Großstädten inzwischen Hennes & Mauritz und McDonald's, wird Mercedes gefahren. Ich bin mir also unsicher, ob die Globalisierung langfristig ein Vorteil für die kulturelle Vielfalt in der Welt ist.

Lassen Sie mich noch einmal auf Brasilien zurückkommen, das Sie als positives Beispiel für eine funktionierende Marktwirtschaft erwähnten. Einerseits ist das Land ein aufstrebendes Schwellenland. Andererseits steht Brasilien einer jüngst veröffentlichten Studie zufolge bei der sozialen Ungleichheit an letzter Stelle.

Das ist ein Problem des Übergangs. Wenn ein Land entweder von einer sozialistischen Planwirtschaft oder einer rechtsgerichteten, korrupten Diktatur in die Marktwirtschaft hineingeht, kommt es in der Übergangsphase leider zu großen Verwerfungen. Dabei werden die Armen meist aber nicht ärmer. Es geht um den Unterschied zwischen Arm und Reich. Nehmen Sie Indien oder Ceylon, das heutige Sri Lanka, wo ich lange gelebt habe. Den Armen in Indien geht es heute besser als je zuvor. Den Reichen in Indien geht es teilweise besser als den Reichen in Deutschland. Diese zum Teil eklatanten Unterschiede müssen dann in der zweiten Phase des Übergangs zur Markwirtschaft aufgelöst werden. Das ist ein sehr delikater Prozess. Wenn man die Reichen abschafft, wird es über kurz oder lang auch die bürgerliche Mittelschicht treffen und dann auch die Armen. Vereinfacht ausgedrückt: Das Ziel sollte sein, alle reich zu machen. Das ist vielleicht nicht möglich, aber die Politik sollte in dieser Richtung alle Anstrengungen unternehmen.

Einer der Gründe für die gegenwärtige Krise ist die Anhäufung eines ungeheuren Reichtums, der zur Befriedigung von Bedürfnissen gar nicht mehr benötigt wird. Das überschüssige Geld fließt in die Kapitalmärkte und dort in hochspekulative Anlagen. Sollte man nicht steuerlichen Druck ausüben? Nehmen wir die Forderung des französischen Präsidenten François Hollande, der Einkommen über eine Million mit 75 Prozent besteuern will, damit dieses Geld in Investitionen fließt und damit produktiv wird.

Das ist ganz sicher das falsche Rezept. Aber zu den Auswüchsen in der Finanzbranche will ich sagen: Ich habe den Begriff Realwirtschaft erst durch die Finanzkrise gelernt. Den habe ich vorher gar nicht gekannt. Ich komme aus der Realwirtschaft, sage klar und deutlich: Die Mittelständler, die Großbetriebe, deren Aktionäre, deren Management und vor allem deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Opfer der Finanzkrise und nicht etwa Täter. In der Realwirtschaft gibt es funktionierende Instrumente, wie die Kartellbehörde der EU, die verhindert, dass Firmen eine zu große Macht auf dem Markt erlangen. Es gibt die WTO, die Welthandelsorganisation, die sicherstellt, dass ihre Regeln in den Mitgliedsländern eingehalten werden. Wenn nicht, dann gibt es Sanktionen. In der Finanzwirtschaft gibt es diese Aufpasser und diese Regeln nicht.

Sie wurden ja zu einem großen Teil aufgehoben.

Richtig. Bei uns war es ja die rot-grüne Regierung, die nicht alle, aber zu viele Regeln aufgehoben hat. Einer der Hauptgründe der Eurokrise ist ja, dass die Finanzwirtschaft nicht reguliert ist. "Too big to fail", "zu groß, um unterzugehen", so etwas gibt es in der Realwirtschaft nicht. Siehe Schlecker! Die Banken ziehen sich aber dauernd auf dieses Prinzip zurück. Und es gibt immer noch keine Regeln.

Woran liegt das?

Das liegt eindeutig am Versagen der Politik, die immer noch zu sehr auf den Bankensektor hört und sich von den Leuten dort ins Bockshorn jagen lässt. Das beste Beispiel ist die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 2010. Anfangs war Frau Merkel ja noch der Meinung, dass Griechenland aus der Eurozone austreten sollte. Das war richtig ...

Hans-Olaf Henkel bei einem Auftritt mit dem Vorsitzenden der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, in der Bundespressekonferenz am 18. Juni 2012.
Hans-Olaf Henkel bei einem Auftritt mit dem Vorsitzenden der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, in der Bundespressekonferenz am 18. Juni 2012.(Foto: picture alliance / dpa)

... das hat sie aber nicht öffentlich gemacht ...

Doch, doch! Einmal hat sie es gesagt. Das können Sie nachlesen. Aber dann hat sie sehr schnell davon Abstand genommen. Nicht nur, weil ihr die französischen Politiker die Pistole auf die Brust gesetzt haben, sondern auch die deutschen Banker. Was man jetzt macht, ist falsch. Eine europäische Bankenaufsicht soll her. Warum keine nationale Aufsicht? Dahinter stecken wieder einmal die Franzosen, welche die Deutschen an der Sanierung ihrer eigenen Banken beteiligen wollen. Das genau ist mit Griechenland passiert. Wir haben den größten Teil der Bürgschaften übernommen, die Franzosen den größten Teil des griechischen Risikos. Wir retten fortwährend den Euro, zumindest tun wir so. In Wahrheit aber retten wir Banken! Was muss gemacht werden? 1. Wir sollten die Banken zwingen, die in ihrem Besitz befindlichen Staatspapiere richtig zu bewerten. 2. Die Banken müssten die Ausstattung mit Eigenkapital dramatisch erhöhen und das würde 3. - halten Sie sich fest! - dazu führen, dass die meisten Banken verstaatlicht werden müssen.

Mit den Parteien haben Sie es nicht so recht. Sie sind aber unerlässlich für das Funktionieren der Demokratie. Brauchen wir aus Ihrer Sicht eine neue Partei? Sie engagieren sich ja bei den Freien Wählern.

Ich unterscheide zwischen zwei Fragen. Einmal ist es eine taktische Frage: Wie stehen die deutschen Parteien zu Euro- und Europapolitik? Da finde ich im Bundestag keine, die ich für wählbar halte. Das Anliegen des Lissabon-Vertrags ist die Subsidiarität, das heißt, die Entscheidungen sollen so nah wie möglich an den Bürger herangetragen werden. Subsidiarität wird durch alle deutschen Parteien jetzt durch Zentralismus ersetzt. Sie ersetzen das Prinzip des Wettbewerbs durch das Streben nach Harmonisierung. Dahinter steckt nichts anderes als Kartellisierung. Mit anderen Worten: Zur Hauptsache wird, dass wir in der Eurozone alle gleich werden. Das wäre so wie bei einem 3000-Meter-Lauf, bei dem sich die Läufer darauf verständigen, gleichzeitig am Ziel zu sein. Zudem wurde das Prinzip der Eigenverantwortung, das für jeden Menschen und jedes Land gilt, über Bord geworfen. Die Schulden in Europa sollen vergemeinschaftet werden. Nur die im Bayerischen Landtag vertretenen Freien Wähler haben sich eine alternative Europapolitik auf die Fahnen geschrieben. Ich habe an der Willensbildung dieser Partei mitgewirkt. Sie hat sich nunmehr ein Alleinstellungsmerkmal verschafft und bewegt etwas. Man sieht das an der hysterischen Reaktion von CSU-Generalsekretär Dobrindt und Bayerns Finanzminister Söder. Zur strategischen Frage: Natürlich brauchen wir Parteien. Aber ich bin viel in der Welt herumgekommen und sage Ihnen: In keiner Demokratie sind die Parteien so mächtig wie bei uns. Und, die Münze einmal umgedreht, nirgendwo gibt es Bürger, die so wenig zu sagen haben wie in Deutschland.

Was ist die Alternative? Volksentscheide, wie in der Schweiz? Das wäre ja auch nicht der Königsweg.

Ich nehme ja auch nicht in Anspruch, dass ich den Königsweg kenne. Ich sage nur: Die Parteien bei uns sind übermächtig. Beispiele: Bundesfinanzminister Schäuble schlägt vor, den EU-Kommissionspräsidenten künftig durch das Volk wählen zu lassen. Das ist völlig absurd. Derselbe Wolfgang Schäuble kämpft vehement dagegen, dass der Präsident auch in Deutschland, wie fast überall in der Welt, vom Volk gewählt wird. Horst Köhler wurde in der Küche von Herrn Westerwelle ausgekungelt, zwischen dem Hausherrn, Frau Merkel und dem damaligen CSU-Chef Stoiber. Dann wurden 1100 Leute in der Bundesversammlung angekarrt, die dann Zettel falten durften, um das einmal in DDR-Terminologie auszudrücken. Das halte ich nicht für demokratisch. Im Grundgesetz steht, dass die Parteien an der Willensbildung mitwirken sollen. Sie haben sich aber die Willensbildung total unter den Nagel gerissen.

Höre ich da eine Kritik am neuen Bundespräsidenten heraus?

Nein. Überhaupt nicht. Der kann ja nichts dafür, dass er so gewählt wurde. Hätte man das Volk befragt, wäre er schon 2010 im ersten Anlauf gewählt worden und nicht erst nach dem Scheitern von Herrn Wulff. Wir dürfen ja nicht einmal die Ministerpräsidenten der Länder selbst wählen. Und Frau Merkel kann nicht einmal ihr Kabinett selbst zusammenstellen. Den Wirtschaftsminister sucht die FDP aus. Als der vormalige Wirtschaftminister Glos von der CSU 2009 zurücktrat, hat er sein Rücktrittsschreiben nicht etwa an die Bundeskanzlerin gerichtet, sondern an seinen Parteichef Seehofer! Im Streit um die Überhangmandate im Bundestag soll der Kompromiss so aussehen, dass die Anzahl der Abgeordneten bis um 50 - 50! - erhöht wird. Jeder davon hat eine Sekretärin, einen Mitarbeiter. Das ist Wahnsinn! Wir haben mit 600 Abgeordneten schon jetzt mehr als das US-Repräsentantenhaus. Auch der Fraktionszwang steht für die absurde Macht der Parteien. Ich mache Ihnen mal ein paar Vorschläge: Die Direktwahl des Bundespräsidenten ist überfällig, was inzwischen in Österreich oder Italien möglich geworden ist. Dann sollten die Ministerpräsidenten direkt gewählt werden. So, wie in vielen süddeutschen Kommunen werden wir dann auch besseres politisches Personal durch Seiteneinsteiger bekommen und nicht immer nur Parteiapparatschiks. Die haben doch vielfach keine Ahnung von der Realität. Und dann stünden vielleicht ein hervorragender Wissenschaftler, ein sozial eingestellter Unternehmer oder ein Schriftsteller auf dem Präsidentenwahlzettel. Ein Quereinstieg in die Politik ist bei unserem gegenwärtigen System nicht möglich, ist aber ganz sicher überfällig.

Themenwechsel: Welche Persönlichkeit hat Sie am meisten beeindruckt?

Meine Mutter. Wir sind drei Geschwister, mein Vater ist im Krieg geblieben. Sie hat die Firma meines Vaters buchstäblich aus den Trümmern wiederaufgebaut. Wir wurden zweimal ausgebombt. Meine Mutter hat eine irrsinnige Leistung vollbracht. Das gilt übrigens auch für viele andere Frauen nach dem Krieg. Sie haben aber sicher nach einem Politiker gefragt. Ich finde die marktwirtschaftliche Unbeirrbarkeit des tschechischen Präsidenten Václav Klaus einfach bewundernswert.

Weil er ein scharfer Kritiker des Euro ist?

Marktwirtschaftliche Unbeirrbarkeit: der tschechische Präsident Václav Klaus.
Marktwirtschaftliche Unbeirrbarkeit: der tschechische Präsident Václav Klaus.(Foto: picture alliance / dpa)

Weil er weiß, wovon er redet. Als jemand, der im Sozialismus aufgewachsen ist, hat er früh erkannt, welch tolle Sachen eine richtig organisierte Marktwirtschaft bewirken kann und welche Probleme man bekommt, wenn man die Regeln verletzt. Ich habe ihn letzte Woche erst wieder getroffen. Keine der Parteien in Tschechien befürwortet den Euro. Übrigens hat sich mittlerweile auch die bulgarische Regierung vom Euro verabschiedet. Die Begründung: keine Vorteile, nur zusätzliche Kosten. Von der Bevölkerung der zehn Nicht-Euro-Länder will heute nur noch die von Rumänien den Euro haben. Das sagt doch alles! Aber ich bin abgewichen: Václav Klaus ist ein internationaler Politiker, der nicht wankt. Ein Beispiel aus Deutschland: Georg Milbradt, von 1990 bis Anfang 2001 sächsischer Finanzminister, dem ich größten Respekt zolle. Was der geleistet hat! Wofür sich Herr Biedenkopf, damals Ministerpräsident, dann teilweise feiern ließ. Der Mut, mit dem er kürzlich beim CDU-Parteitag den grotesken ESM-Vertrag abwatschte, war bewundernswert. Am Beispiel Sachsens kann man sehen, dass eine richtige Politik sozial sein kann und trotzdem nicht zu Lasten der Wirtschaft geht.

Wer hat Sie am meisten enttäuscht?

Wolfgang Schäuble. Ich habe früher extrem viel von ihm gehalten. Ich habe auch immer zu ihm gehalten. Ich erlebe ihn jetzt in der Eurokrise zunehmend als fanatisch. Er will den Euro buchstäblich um jeden Preis retten. Koste es, was es wolle. Es ist ihm wahrscheinlich egal, welche dramatischen Auswirkungen diese Eurorettungspolitik nicht nur für uns, sondern für ganz Europa hat. Er macht das in einer Weise, die ich inzwischen auch moralisch nicht mehr in Ordnung finde. Seine Erklärungen sind doppeldeutig und oft auch so trickreich, dass die Presse meist auch darauf hereinfällt. Ich schon lange nicht mehr. Er sagt zum Beispiel, dass eine europäische Bankenunion natürlich nicht zu einer Vergemeinschaftung der Schulden führen darf. Jeder Deutsche hat dann das Gefühl, ach, der vertritt ja unsere Interessen. Nein, nein! Schäuble unterstützt die Bankenunion, und das nicht nur obwohl, sondern weil sie zur Vergemeinschaftung der Schulden führt. In seiner Rhetorik tut er leider immer öfter so, als ob das Gegenteil von dem der Fall wäre. Es gibt unzählige weitere Beispiele. Er bereitet die Deutschen sukzessive und langsam auf die Schuldenunion vor. Er führt uns immer tiefer in die Reuse wie ein Angler die Fische. Ganz am Ende wird er dann zu Recht sagen können: Aus dieser können wir jetzt nicht mehr raus. Wir sollten uns dann aber daran erinnern, wer uns da hinein getrieben hat.

Bedeutet das Inflation?

Ja, mit Sicherheit. Wer aber profitiert davon? Der Schuldner! Also hat der ein großes Interesse an der Inflation, nicht derjenige, der Werte besitzt. Der Schuldner kann seine Schulden leichter zurückzahlen. Der Staat ist mit 2,2 Billionen Euro der größte Schuldner. Im Nachtragshaushalt 2012 kann man nachlesen, dass die Schulden durch die Eurorettung immer höher werden.

Was hat Otto Normalverbraucher zu erwarten? Es gibt ja Gerüchte, die besagen, im Herbst ginge es los.

Nein, so schnell geht das nicht. Das hat auch mit dem Euro zu tun: Die wirtschaftliche Dynamik lässt nach. Die Unternehmen können deshalb nicht die Preise erhöhen, sondern werden gezwungen, Arbeitsplätze abzubauen. Wir haben in der Eurozone mit 18 Millionen Erwerbslosen den höchsten Stand seit ihrem Bestehen. Die Sparmaßnahmen von Griechenland über Frankreich und demnächst auch bei uns führen dazu, dass die Wirtschaft abgewürgt wird. Die Inflation wird ausgelöst werden durch den Staat, auch durch dramatische Steuererhöhungen. Nach meiner Überzeugung ist die Inflation in Deutschland schon jetzt viel zu hoch. Wenn man bei einer angepeilten Ziel-Inflationsrate von 3 Prozent für Staatsanleihen nur noch 1 Prozent bekommt, dann dauert es nicht lange bis Ihr Geld weg ist. Wir leiden jetzt schon unter der Inflation.

Wie müsste Europa aussehen? Ein Europa der Vaterländer, eines der Regionen, ein Bundesstaat oder ein Staatenbund, wie es der frühere französische Präsident Charles de Gaulle vor 50 Jahren formuliert hat?

Auf jeden Fall ein Staatenbund. Ich finde die Formulierung von de Gaulle wunderschön: Ein Europa der Vaterländer. Ich würde sogar sagen: ein Europa der Regionen. Im Zeitalter der Globalisierung wollen die Menschen mehr Bezug zu ihrer Heimat.

Sie wollen aber doch nicht, wie unser Bundesverkehrsminister, dass jede Gemeinde ihr eigenes polizeiliches Autokennzeichen erhält?

Na ja. Ich segle seit 1962 auf dem Bodensee und bin jeden Sommer beim Weinfest in Konstanz. Damals gab es eines für die ganze Stadt. Heute feiert man Stadtteilfeste. Ich finde es richtig, dass die Leute einen Bezug zu ihrem Kiez haben wollen. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen: Die Politik schafft, nicht als Ergebnis einer breiten Diskussion, sondern als Nebenprodukt der Eurorettung, ein zentralisiertes Europa. Die Nationen sollen nach den Bedürfnissen einer Währung geformt werden! Stattdessen sollte man die Währung den Bedürfnissen der Nationen anpassen. Ich bin für ein dezentrales, föderales, subsidiäres Europa, wie es im Vertrag von Lissabon vereinbart wurde. Lassen Sie mich noch Folgendes sagen: Seine ökonomischen Ziele hat der Euro schon verfehlt. Jetzt verfehlt er seine politischen Ziele. Der Zwist zwischen Geber- und Nehmerländern in der Eurozone ist so heftig wie noch nie. Deutschland war in Griechenland vor der Krise die am meisten angesehene Nation. Heute sind wir die meistgehasste. Die Beziehungen zu Frankreich sind so schlecht wie noch nie seit dem Besuch von de Gaulle in der Bundesrepublik vor einem halben Jahrhundert. Aber auch der Graben zwischen den Euro- und den Nicht-Euro-Ländern in der EU wird immer breiter. Ich war jetzt in Dänemark, Schweden, den drei baltischen Staaten, Tschechien und in Großbritannien und sage Ihnen: Dort ist man entsetzt darüber, wie der Euro Europa zertrümmert. Ich bin für Europa und meine deshalb, wir sollten einen Schritt zurückgehen und den Euro passend zu den beiden vorherrschenden Finanz-, Budget- und Wirtschaftskulturen machen. Dann sollten die Nicht-Euro-Länder zum Beitritt in einen Nord-Euro eingeladen werden. Dies würden sie teilweise auch annehmen. Vielleicht kann man ja in 20 Jahren wieder zusammenkommen, dann, wenn sich die Verhältnisse angeglichen haben. Die Südländer einschließlich Frankreichs könnten mit einem abgewerteten Euro wieder wachsen. Wir hätten den Nachteil, dass unsere Exporte wieder schwieriger wären. Aber daran waren wir auch zu D-Mark-Zeiten gewöhnt. Dieser Weg ist besser, als Griechenland rauszuschmeißen. Das birgt unkalkulierbare Risiken in sich wie Bankensturm, dort und in anderen Ländern. Bei einem Nord-Euro, mit dem gleichzeitigen Austritt von Deutschland, Finnland, Österreich und Holland, wäre das nicht der Fall. Da würden Dänemark, Schweden, Tschechien und Polen mitmachen. Ich bekomme immer mehr Unterstützung für diese Idee aus diesen Ländern. Jetzt ist auch der ehemalige EU-Kommissar Frits Bolkestein aus den Niederlanden dafür. Irland könnte relativ leicht vom Euro in den Nord-Euro überwechseln. Frankreich könnte mit dem verbleibenden Euro die Politik machen, die es immer machen wollte, mit einer von der Politik abhängigen Zentralbank und gelegentlichen Währungsabwertungen. Aber der zwanghafte Trieb, den gemachten Fehler nicht zugeben und jetzt einfach weitermachen zu wollen, der führt uns ins Verderben. Davon bin ich fest überzeugt.

Ihr Leben ist als Manager von IBM eng mit dem Siegeszug des Computers verbunden. Heute sind PCs und Mobiltelefone Normalität. Man spricht deshalb gern von Kommunikations- oder Informationsgesellschaft. Bleiben wir nicht aber trotzdem eine Produktionsgesellschaft? Werden Computer und Kommunikation überhaupt nicht fetischisiert?

Das sehe ich anders. Als ich 1995 zum BDI kam, war man dort der Auffassung, Industrie bestünden nur aus Firmen, die Produkte herstellen, die man auch anfassen kann. Mit Software hatten die nichts am Hut. Ich brauchte einige Jahre, bis dann endlich mit dem Bitkom ein Verband für die Software- und Kommunikationsindustrie gegründet wurde. Das ist von der Beschäftigtenanzahl her mittlerweile der zweitgrößte Verband im BDI, der zudem am stärksten wächst. Herr Bleskin, wenn Sie sich heute in einen Mercedes setzen, dann ist das ein fahrender Computer.

Was aber auch die Anfälligkeit erhöht.

Manchmal. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Wie Ihre Kamera hier auf dem Tisch. Die Softwaretechnik ist jetzt eine Querschnittstechnik, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasst. Mit riesigen Vorteilen. Ich denke nur an die Medizintechnik. Die Technik birgt aber auch Risiken. Denken Sie an Cyberwar oder Computerattacken, die von den Geheimdiensten Chinas, aber auch westlicher Staaten, durchgeführt werden. Eine Welt ohne Computer wäre eine Dritte Welt, in der ich nicht mehr leben möchte.

Es gibt ja eine Partei, die auf diesen Zug aufspringt, die Piratenpartei. Brauchen wir die?

Nein. Die Piratenpartei ist ein Ausdruck dessen, was wir vorhin diskutiert haben: die Unzufriedenheit mit diesem übermächtigen Parteienstaat. Das Verrückte ist, dass man, um die Macht der Parteien zu brechen, Parteien braucht. Sie können ja keinen Putsch anzetteln und die Verfassung außer Kraft setzen. Sie müssen Parteien finden, die den Wechsel tragen. Die Wähler der Piraten wollen mit der Wahl einer Protestpartei das System ändern. So kann man es nicht ändern. Wissen Sie, was mir die allergrößte Sorge bereitet? Die größte Partei, die der Nichtwähler. 40 Prozent der Stimmberechtigten haben sich aus dem politischen Prozess verabschiedet! Da gibt es eine Volksbefragung über einen Bahnhof in Stuttgart. Alle finden das prima. Aber eine Volksbefragung über den Euro oder den Euro-Rettungsschirm ESM dürfen wir nicht machen. Das ist absurd! Die Parteien spielen mit den Wählern. Immer dann, wenn sie nicht weiterkommen, werfen sie ihnen einen Brocken hin. Dann dürfen sie mal über etwas abstimmen, wie über den Stuttgarter Bahnhof. Aber über die wirklich entscheidenden Dinge dürfen sie nicht abstimmen. Wenn man den ESM dem Volk zur Abstimmung vorlegen würde, käme der nicht. Ebenso wie der Euro nie gekommen wäre.

Sie sind ständig unterwegs, kommen gerade woher, reisen morgen irgendwo hin und finden noch Zeit für Hobbys. Wie machen Sie das? Sie haben, wenn ich richtig rechne, drei Bücher geschrieben.

Sieben!

Okay. Aber drei davon habe ich gelesen. Wie kann man das Schreiben und die Hobbys in einen so intensiven Tagesablauf einbauen?

Ich bin ja eigentlich seit meinem vierundfünfzigsten Lebensjahr ehrenamtlich tätig. Mein Amt im BDI habe ich sechs Jahre ehrenamtlich innegehabt. Ich war der erste ehrenamtliche Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Für einen Euro pro Jahr. Einmal hat mir jemand bei einer Leibniz-Veranstaltung einen Dollar überreicht.

Hans-Olaf Henkel, seine Frau Bettina (l.) und deren Zwillingsschwester Almut 2009 beim Bundespresseball.
Hans-Olaf Henkel, seine Frau Bettina (l.) und deren Zwillingsschwester Almut 2009 beim Bundespresseball.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe Ihnen einmal eine D-Mark überreicht.

Die habe ich noch. Ich habe wegen meines letzten Buches auch von anderen Markstücke bekommen. Also: Seit ich 53 wurde, habe ich keine operative, hauptamtliche bezahlte Tätigkeit mehr ausgeübt. Aber ich war immer beschäftigt.

Wie kann man da Geld verdienen? Oder ist das ein Geheimnis?

Nö. Ich hatte erst einmal sehr viel Glück und vielleicht auch Erfolg bei IBM. Und habe auch ganz gut investiert. Als ich dann bei IBM aufhörte, habe ich gedacht: Noch mal so etwas Ähnliches? Sowohl mit BMW als auch mit Springer habe ich damals über das Angebot gesprochen, dort CEO zu werden. Mit Springer sogar zweimal. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, in keiner Partei oder bei keinem Konzern engagiert zu sein, um etwas in Deutschland zu bewegen. Und zu verhindern! Da war das BDI-Amt gerade richtig. Das Amt bei der Leibniz-Gemeinschaft war vielleicht das schönste, das ich je hatte. In diesen viereinhalb Jahren habe ich mehr gelernt als je zuvor in einer solchen Zeitspanne. 86 Forschungsinstitute, die ich zum Teil mehrmals besucht habe! Bei diesen Besuchen habe ich gemerkt, dass ich nichts wusste. Ich sag’s mal so: Seit meinem vierundfünfzigsten Lebensjahr widme ich mich nur meinen Hobbys. Fragen Sie mal die Leute: Trotz meines Ein-Euro-Jobs bei Leibniz und beim BDI war ich dort immer zu 100 Prozent im Einsatz. Morgens gekommen, abends gegangen. Ich bin wie ein Wirbelwind durch die BDI-Verbände und die Leibniz-Institute gerast. Mein Vorgänger war nur zu 30 Prozent da. Der musste eine Firma leiten. Ich muss aber sagen, man kann solche Ämter auch mit wesentlich weniger Zeitaufwand gut führen.

Sie haben noch andere "Hobbys". Die Musik zum Beispiel. Sie sind in einem musikalischen Haushalt groß geworden. Ihr leiblicher Vater hat Cello gespielt, Ihr Stiefvater hat Musik gemacht.

Er war in Hamburg ein sehr erfolgreicher Sänger und Komponist.

Sie spielen Saxophon.

Ich habe ein Saxophon. Würde ich mehr sagen, dann könnte ich den dauernden Angeboten, irgendwo aufzuspielen, nicht mehr widerstehen. Meine Ansprüche an die Musik sind zu hoch, als dass ich jemandem zumuten könnte, Hans-Olaf Henkel anhören zu müssen.

Sie hatten mal eine Sendung im Jazzradio Berlin, "Jazzbrunch mit Hans-Olaf Henkel". Anspruchsvolle Musik, dazu ein gehöriges Gestänker über die Politik.

Ich habe das mehr als hundertmal gemacht. Ich habe mich aber über die Reaktionen einiger Hörer geärgert. Die Toleranz gegenüber Meinungen, die nicht den eigenen entsprechen, ist in diesem Land nicht sehr hoch.

Die Hemmschwelle im Internet ist sehr viel geringer als in den Druckmedien. Da drücken sich manche auf Gossenniveau aus.

Furchtbar! Ich habe dazu einmal etwas geschrieben. Entweder macht man mich als Person fertig oder man beschäftigt sich mit Positionen, die ich gar nicht einnehme. Dann streiten die untereinander. Absurd! Wenn ich eine bestimmte Zeitung aufschlage, sind die Leserbriefe oft besser als die Zeitungsartikel, was nicht für die Zeitung spricht. Die Schreiber geben sich Mühe, sie müssen gar nicht unbedingt meine Meinung wiedergeben. Aber die Briefe sind niveauvoll. Denn die Verfasser müssen mit ihrem richtigen Namen unterschreiben. Online geben die sich irgendwelche Fantasienamen und laden ihren Mist ab. Das geht soweit, dass mir kürzlich jemand eine kriminelle Handlung unterstellt hat! Ich hätte Insiderhandel getrieben! Ich besitze keine Aktien an Firmen, bei denen ich im Aufsichtsrat bin, damit mir niemand diesen Vorwurf machen kann. Warum erlauben elektronische Medien anonyme Zuschriften, aber Druckerzeugnisse nicht? Damit sich die Leute im Internet auskotzen können? Oder damit sie den Werbeträgern viele Klicks nachweisen, um Geld zu verdienen?

Zu Ihrer Familie: Frau, vier Kinder, Bruder, Schwester. Wie kommen die damit zurecht, dass Sie ständig auf Achse sind?

Die Kinder sind ja schon erwachsen. Ich bin in zweiter Ehe verheiratet und mit meiner jetzigen Frau seit mehr als 20 Jahren zusammen. Meine erste Frau ist auch schon wieder liiert. Mit den drei Kindern aus erster Ehe und den drei Enkelkindern bin ich regelmäßig zusammen. Da ist dann auch meine erste Frau dabei. Zu Weihnachten auf jeden Fall. Dann nehme ich den Oliver auch mit.

Ihren Sohn aus zweiter Ehe.

Ja. Wenn ich das Ganze aber nachträglich betrachte, mache ich mir schon Vorwürfe, dass ich mich zu wenig um meine Kinder gekümmert habe, besser hätte kümmern können. Natürlich habe ich sie überallhin mitgenommen, auch mit ins Ausland. Wenn ich sie heute frage, sagen sie, was für eine tolle Zeit das war. Sie sprechen alle Englisch, perfekt Französisch. Das hätten sie mit einem Vater, der nur in Hamburg-Harburg bei Siemens gearbeitet hat, nicht gehabt. Ich bin in meinem Leben 18 Mal umgezogen. Von Hamburg nach Sindelfingen, dann nach Berlin, von dort nach Böblingen, zurück nach Berlin, wieder nach Sindelfingen, dann nach New York, von dort nach Böblingen, dann nach Kalkutta, Colombo, von da aus nach München nach Paris, von Paris nach Connecticut, dann wieder zurück nach Paris, dann Stuttgart, Paris, Stuttgart, Köln und schließlich nach Berlin.

Sie sind aber immer ein Hamburger Jung' geblieben.

Jo. Heimat ist für mich unheimlich wichtig. Ich bin Hamburger in Deutschland, Deutscher in Europa, und außerhalb Europas bin ich Europäer.

Sie haben eine Wohnung in Berlin, ein Anwesen in der Normandie und eines am Bodensee, wo Ihre Jacht liegt. Sie könnten sich zur Ruhe setzen. Aber nein.

Ich habe mich ja zur Ruhe gesetzt (lacht). Ich pflege nur meine Hobbys. Das einzige, was dies stören könnte, wäre die Gesundheit. Ich war vor ein paar Jahren einmal krank. Als ich wieder gesund war, wollte ich nur noch segeln. Ich habe mich neulich wieder getestet, bei einem einstündigen Vortrag. Im Stehen! Klappte großartig. Das zeigt mir: Ich kann's! An den Reaktionen des Publikums merke ich, dass es nötig ist, aufzuklären und Vorschläge zu verbreiten, die nach meiner Überzeugung verbreitet werden müssen. Wenn die nicht unter die Leute kommen, dann laufen die Politiker völlig ohne Kontrolle und Kritik wie Lemminge übers Cliff. Das ist wie Sporttreiben. Das hält einen am Leben, gesund und geistig frisch.

Dann wünsche ich Ihnen recht viel Gesundheit, damit Sie recht lange Ihre Hobbys pflegen können.

Danke!

Mit Hans-Olaf Henkel sprach Manfred Bleskin

Quelle: n-tv.de

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