Politik
"Wenn Deutsche dabei sind, sagen viele Flüchtlinge, sie seien nicht für aber auch nicht gegen Homosexualität, weil sie wissen, dass sie sonst Probleme bekommen", sagt Ibrahim.
"Wenn Deutsche dabei sind, sagen viele Flüchtlinge, sie seien nicht für aber auch nicht gegen Homosexualität, weil sie wissen, dass sie sonst Probleme bekommen", sagt Ibrahim.(Foto: Barbara Vollebregt)

Homosexuelle Flüchtlinge: "Schwule werden wie Sklaven gehalten"

Von Constantin Schreiber, Köln

Homosexualität - bei wenigen Thema prallen offene Gesellschaft und traditionell islamische Vorstellungen so krass aufeinander wie bei diesem. Mit der Flüchtlingskrise verschärfen sich Konflikte. Es kommt zu Gewalt.

Der Angriff kam wie aus dem Nichts: Als ein homosexueller Flüchtling in einer Unterkunft in Köln über den Flur ging, riss ein Mitbewohner aus Marokko eine Tür auf und ging mit einem Messer auf den Mann los. "Allahu Akbar" - Gott ist größer - habe er gerufen und dem fliehenden Mann hinterher geschrien "du lebensunwertes Leben musst vernichtet werden!" Der Angegriffene konnte sich retten. Die Polizei hat später das Messer gefunden und den mutmaßlichen Täter festgenommen. Jetzt laufen die Ermittlungen.

Angriffe wie dieser sind kein Einzelfall, aber viele Opfer schweigen aus Angst oder Scham. Ibrahim möchte nicht schweigen. Der 29-Jährige ist nach Deutschland geflohen, weil er homosexuell ist und im Libanon schwer körperlich misshandelt und von der Polizei verhaftet wurde. Aber hier angekommen ist er noch lange nicht in Sicherheit. Er wurde in mehreren Flüchtlingsheimen untergebracht und hat dort noch einmal die Diskriminierung erfahren, die er von Zuhause kennt.

Flüchtlinge verschleiern ihre wahren Ansichten

"Wenn Deutsche dabei sind, sagen viele Flüchtlinge, sie seien nicht für aber auch nicht gegen Homosexualität, weil sie wissen, dass sie sonst Probleme bekommen", sagt Ibrahim. Aber sobald sie unter sich in den Flüchtlingsheimen gewesen seien, sei der Ton ein anderer gewesen. "Manche Schwule werden regelrecht als Sklaven gehalten. Da wird gesagt: Du willst wie eine Frau sein, dann bist du jetzt unsere Hausfrau. Dann sollen sie die Wäsche waschen, putzen, aufräumen." Das Schlimme sei, dass viele das Spiel mitspielen. "Ich habe einige gefragt, warum. Sie haben mir gesagt, weil sie hoffen, dann in Ruhe gelassen und nicht misshandelt zu werden."

Flüchtlingshelfer bemängeln, dass in Integrationskursen viel zu wenig über sexuelle Freiheiten in Deutschland aufgeklärt werde. Ibrahim bestätigt diesen Eindruck. "Viele haben Angst, sich gegen Übergriffe zu wehren oder etwa die Polizei zu verständigen. In ihren Heimatländern würde sie die Polizei verhaften. Sie fürchten, dass das in Deutschland auch so sein könnte, weil sie es einfach nicht besser wissen."

Ibrahim möchte seinen Teil dazu beitragen, und hat in Köln das Projekt "Sofra" ins Leben gerufen, eine Begegnungsstätte für homosexuelle Flüchtlinge. Nicht nur Araber kommen hierher, sondern auch Flüchtlinge aus Somalia, Afghanistan oder dem Iran. Viele wurden auch in Deutschland von Mitbewohnern in Unterkünften angegriffen, misshandelt, diskriminiert.

Islam-Gesellschaften innerhalb von Deutschland

Noch nie trafen traditionell islamische Lebensvorstellungen und westliches Lebensmodell in Deutschland so krass aufeinander wie im Zuge der Flüchtlingskrise. "Das verstärkt natürlich die Spannungen" sagt auch Ibrahim. Er findet eine multikulturelle Gesellschaft gut, weil sie dazu anhalte, allen möglichen Lebensmodellen mit Toleranz zu begegnen. Die Gefahr zurzeit sei aber, dass sich Gebiete bilden, in denen das Gegenteil eintritt – Islam-Gesellschaften in Deutschland, in denen unsere Freiheiten dann gerade nicht mehr gelten. "Deshalb ist es wichtig, Zuwanderern klar zu machen: Das sind nicht nur Rechte, die die Menschen hier haben, sondern man macht sich strafbar, wenn man diese Rechte verletzt."

Ob es gelingen kann, muslimische Zuwanderer wirklich zum Umdenken zu bringen, da ist Ibrahim skeptisch. Zu stark sei die kulturelle Prägung, die viele mitbringen. Aber, so sagt er, wenn man es schafft, von 100 Menschen einen dazu zu bringen, dass er seine Ansichten ändert, dann haben wir schon viel erreicht.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen