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Der Absturzort ist nicht abgesperrt.
Der Absturzort ist nicht abgesperrt.(Foto: AP)

Chaos an der Absturzstelle: Separatisten stellen Forderung

Weggeschaffte Trümmer, verschwundene Flugschreiber, maskierte Rebellen: Die Niederlande empören sich nach dem Absturz der Passagiermaschine in der Ostukraine über "schamlose" Separatisten. Diese zeigen sich nun zur Zusammenarbeit bereit - unter einer Bedingung.

Schwer bewaffnete Separatisten vor einem Trümmerteil der abgestürzten Maschine.
Schwer bewaffnete Separatisten vor einem Trümmerteil der abgestürzten Maschine.(Foto: dpa)

Die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine wollen die Sicherheit der internationalen Ermittler am Ort des Absturzes der malaysischen Passagiermaschine unter der Bedingung garantieren, dass Kiew in einen Waffenstillstand einwilligt. Die ukrainische Regierung werde aufgefordert, ein solches Abkommen mit der "Republik Donezk umgehend einzugehen", erklärte der stellvertretende Ministerpräsident der selbstproklamierten Volksrepubik, Andrej Purgin. Die Waffenruhe müsse "zumindest für die Dauer der Untersuchung" am Absturzort gelten.

Die Lage am Ort des Absturzes ist noch chaotisch. Schwer bewaffnete und teils maskierte Separatisten behinderten die Arbeit der OSZE-Mission am Unglücksort östlich von Donezk, wie deren Sprecher Michael Bociurkiw dem Sender CNN berichtete.

Ähnliche Vorwürfe kommen aus Kiew. Die Sucharbeiten würden von bewaffneten prorussischen Separatisten überwacht und erheblich behindert, sagte ein Sprecher des Zivilschutzministeriums. An den Arbeiten beteiligen sich demnach etwa 380 Mitarbeiter des ukrainischen Bergungsdienstes. Darunter sind auch Taucher, die einen nahen See absuchen. Der Bereich der Bergungsarbeiten sei von 25 auf 34 Quadratkilometer ausgeweitet worden, hieß es.

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An diesem Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Samstag in Kiew gelandet. Der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Die meisten der 298 Passagiere an Bord von Flug MH17 waren Niederländer. Etwa 100 Tote wurden bislang nicht geborgen. Ihre Leichen dürften in einem Umkreis von vielen Kilometern verstreut liegen.

Auch Deutschland beteiligt sich an der Bergung und Identifizierung der Opfer. Zwei Fachleute des Bundeskriminalamtes reisten am Samstag in die Ukraine. Ein BKA-Sprecher sagte, sie wollten sich in Kiew mit einem größeren Team von Identifizierungsexperten treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Sowohl der genaue Einsatzort als auch die Führung der Mission müssten noch geklärt werden. Es besteht die große Sorge, dass es den beteiligten Kräften in der Ostukraine gelingen könnte, eine Aufklärung der Katastrophe zu verhindern und Täter ihrer Strafe entgehen könnten.

Keine Absperrung

"Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren", kritisierte OSZE-Sprecher Bociurkiw. Die Militär-Experten der OSZE-Mission halten sich seit Monaten im Osten der Ukraine auf, um die Gefechte zwischen Rebellen und ukrainischer Armee zu dokumentieren.

Unklar ist am Absturzort der Boeing auch der Verbleib der beiden Flugschreiber. Die Regierung in Kiew warf den prorussischen Separatisten vor, Beweismaterial zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen. Die Separatisten versuchten, "Beweise ihrer Mitwirkung an dem Unglück vertuschen". Zudem hätten die militanten Gruppen 38 Leichen von der Absturzstelle in die Großstadt Donezk gebracht. Die Separatisten wiesen alle gegen sie gerichteten Vorwürfe zurück.

Druck auf Putin

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Unterdessen erhöht der Westen den Druck auf Russland immer weiter. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sagte, er habe mit Russlands Staatschef Wladimir Putin ein "sehr intensives Gespräch" über den Absturz der Maschine mit vorwiegend niederländischen Insassen geführt. Rutte sagte, er habe Putin deutlich gemacht, dass Moskau "jetzt die Verantwortung gegenüber den Rebellen tragen muss". "Ich habe ihm gesagt, dass er der Welt zeigen muss, dass er helfen will", ergänzte er. Der Regierungschef zeigte sich zudem "schockiert" über Bilder von "schamlosen" prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls "schockiert" und "empört" über den Umgang mit den Leichen. Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mit Hilfe Russlands "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören" zu wollen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte lückenlose Aufklärung. Nötig sei eine "unabhängige internationale Untersuchung", sagte er der "Bild am Sonntag". "Die Täter und ihre Hintermänner dürfen nicht davonkommen", fügte er hinzu. Am Samstag forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Putin nach einem Telefonat internationale Ermittlungen.

Moskau: "Abwegige Wahrnehmung Washingtons"

Später warf Moskau dem Westen allerdings Stimmungsmache vor. "Die Mitteilungen der Vertreter der amerikanischen Regierung sind ein Beweis für eine völlig abwegige Wahrnehmung Washingtons dessen, was in der Ukraine vor sich geht", erklärte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Einige Staaten bemühten sich, "ihre Versionen der Katastrophe zu verbreiten" und die Untersuchung zu beeinflussen.

US-Außenminister John Kerry kritisierte in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow die Zustände am Absturzort. Kerry sei "zutiefst besorgt", dass OSZE- und anderen Experten "ein angemessener Zugang" verwehrt werde, wurde nach dem Gespräch mitgeteilt. Kerrys Sprecherin Jen Psaki sprach von einem "Angriff auf all jene, die ihnen liebe Menschen verloren haben, und auf die Würde, die den Opfern gebührt".

Das Passagierflugzeug der Malaysia Airlines war am Donnerstag mit 298 Menschen an Bord im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt. Unter den Toten sind 192 Niederländer; auch vier Deutsche kamen ums Leben. Vieles deutet darauf hin, dass die Boeing 777 mit einer Boden-Luft-Rakete aus dem von Separatisten kontrollierten Gebiet abgeschossen wurde.

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Quelle: n-tv.de

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