Politik
Claudia Roth nach ihrer Wiederwahl als Grünen-Chefin im November 2012.
Claudia Roth nach ihrer Wiederwahl als Grünen-Chefin im November 2012.(Foto: REUTERS)

Fukushima und der umstrittene Facebook-Eintrag: Shitstorm überzieht Claudia Roth

Von Christian Rothenberg

Zwei Jahre nach dem Tsunami in Japan gedenken weltweit Menschen der Opfer. Auch Claudia Roth. Doch mit ihrem Facebook-Kommentar macht sich die Grünen-Chefin an diesem 11. März viele Feinde. Roth, vor vier Monaten noch Ziel eines Candystorms, trifft plötzlich die volle Breitseite der digitalen Entrüstung.

(Foto: www.facebook.com/ Screenshot)

Der aufmerksame Internetnutzer ist empfindsam. Und sind die Emotionen erst einmal da, verschwinden sie auch so schnell nicht wieder. Und wie sich das anfühlt, so ein Sturm der Entrüstung, in der modernen Welt auch Shitstorm genannt, das darf Claudia Roth am eigenen Leib erfahren. Genau zwei Jahre nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan will die Grünen-Chefin wohl nichts anderes als viele andere rund um den Kontinent, die an diesem Tag der Menschen gedenken, die an jenem 11. März 2011 den Folgen der Unglücke zum Opfer fielen. Sie veröffentlicht also einen Kommentar auf Facebook, doch dabei unterläuft ihr ein folgenschwerer Fehler.

In ihrem Beitrag erinnert Roth an die "verheerende Atom-Katastrophe von Fukushima, die nach Tschernobyl ein weiteres Mal eine ganze Region und mit ihr die ganze Welt in den atomaren Abgrund blicken ließ. Insgesamt starben bei der Katastrophe in Japan 16.000 Menschen". Logische Folge aus Sicht der Grünen-Politikerin: Die Katastrophe von Fukushima habe einmal mehr gezeigt, "wie unkontrollierbar und tödlich die Hochrisikotechnologie Atom ist". Man müsse daher alles daran setzen, den Atomausstieg weltweit so schnell wie möglich umzusetzen. So weit, so gut und historisch korrekt?

Wohl kaum. Eine nicht unerhebliche Kleinigkeit übersehen Roth und ihre Mitarbeiter. So war vor zwei Jahren ein Erdbeben Auslöser der Katastrophe gewesen, nicht der Reaktorunfall im Atomkraftwerk in Fukushima. Denn tatsächlich starben die Menschen in Japan im Frühjahr 2011 in den Fluten. Sie fielen dem Tsunami zum Opfer und nicht der Kernschmelze. Durch die atomare Strahlung starb niemand. Roths Beitrag verdreht also die Tatsachen und sät somit den Nährboden für die digitale Entrüstung.

"Die zweite Fettnapf-Suchmaschine"

Der Shitstorm, der Roth daraufhin überzieht, lässt nicht lange auf sich warten. Er kommt: schnell, unmittelbar und gnadenlos. "Wer keine Ahnung hat, sollte einfach die Fresse halten", schreibt ein User. Ein weiterer höhnt: "Frau Roth scheint nach Steinbrück die zweite Fettnapf-Suchmaschine zu sein." Für andere ist der vermeintliche Fauxpas wohl kalkuliert: "Dies war weder Dummheit, Platzmangel oder Zufall zuzuschreiben, sondern voll beabsichtigt. Sie biegen sich die Wahrheit so schief, dass Sie die untersten Propagandaschublade aufgemacht haben." Über 1500 Kommentare laufen unter dem Beitrag ein. Der Tenor ist fast einhellig. Kritisch, unversöhnlich und wütend.

Jedenfalls reagiert Roth auf die Schelte im Netz. Bei Facebook meldet sie sich schließlich noch ein weiteres Mal zu Wort. Kleinlaut und zerknirscht ist der Ton und mit eindeutigem Ziel: Schadensbegrenzung. "Es tut uns leid, dass wir aufgrund der Knappheit des Textes leider den Eindruck erweckt haben, als wären die insgesamt rund 16.000 Toten in Folge des Reaktorunfalls in Fukushima gestorben. Richtig ist natürlich, dass sie in Folge des am 11. März 2011 durch ein schweres Erdbeben ausgelösten Tsunamis gestorben sind, der auch zu den drei Kernschmelzen in Fukushima führte. Wir bitten diesen unbeabsichtigten Fehler zu entschuldigen." Das schreibt um 20.30 Uhr das "Team Roth".

Vor dem Sturm war alles Candy

Für die Grünen-Chefin ist der Shitstorm am Fukushima-Gedenktag eine neue Erfahrung. Dass sie polarisiert und mit ihrer temperamentvollen Art oft sogar Beschimpfungen hinnehmen muss, ist sie inzwischen gewöhnt. Aber mit den Emotionen des Internets hatte Roth zuletzt eher gute Erfahrungen gemacht. Erst vor wenigen Monaten hatte sie hier sogar Geschichte geschrieben. Denn im Herbst 2012 prägt Roth den Begriff Candystorm.

Das ist der Auslöser: Als die Grünen ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 wählen, erhält Roth ein enttäuschendes Ergebnis: Mit nur 26,2 Prozent liegt sie am Ende weit hinter Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Doch in der Stunde der Niederlage erlebt sie eine Welle der Sympathie. Roth erfährt gigantischen Zuspruch. Und die Solidaritätsbekundungen per Telefon und im Netz motivieren sie. Die Parteichefin beendet daraufhin die Spekulationen über ihren Rückzug aus dem Parteivorsitz. Am 12. November sagt sie: "Besonders berührt, weil ich das auch nicht kannte bisher, hat mich ein Candystorm, in dem ich direkt aufgefordert werde, zu kandidieren."

Quelle: n-tv.de

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