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Dienstag, 08. November 2011

Berlusconis Götterdämmerung: Sie verlassen das sinkende Schiff

von Udo Gümpel, Rom

Es herrscht Untergangsstimmung im Lager Berlusconi. Einstige Verbündete gehen reihenweise von der Fahne, der italienische Premierminister versucht verzweifelt, die letzten Getreuen um sich zu scharen. Aufgeben will er nicht - ohne den Schutz des Amtes könnte er lange hinter Gitter müssen.

Jetzt, wo es aufs Ende zugeht, kann er einem beinahe leidtun. Ein italienischer Parlamentarier schleppt im Monat mehr als 20.000 Euro nach Hause, nach einer Legislaturperiode darf er sich über eine lebenslange Rente von 3000 Euro freuen, Privilegien haufenweise. Wer in den letzten Monaten zum wankenden Silvio Berlusconi überlief, wurde sofort Vize-Minister, von denen es in Italien bald mehr gibt als Regionen. Und immer wieder Geld, Geld, Geld.

Die Verbündeten laufen ihm weg: Berlusconis Ende naht.
Die Verbündeten laufen ihm weg: Berlusconis Ende naht.(Foto: REUTERS)

Die Abgeordneten sind handverlesen. Das italienische Wahlrecht, erfunden von Berlusconi-Getreuen, kennt keine Wahlkreise mehr, keine Direktwahl, keine Erstellung von Wahllisten per Urwahl: Es gibt, wie im Faschismus, nur eine nationale unveränderliche Liste, da ist nicht zu streichen, und die stellt nur einer zusammen: Der Chef selber. Und dennoch, trotz alledem: 26 Abgeordnete von Berlusconis "Partei der Freiheit" gelten als mögliche Abtrünnige. Wollen die Hand beißen, die sie jahrelang gefüttert hat. Berlusconi ist nicht deprimiert, er schäumt vor Wut. Er kann es nicht fassen. Alle Meldungen aus seiner Nähe berichten von einem Mann, der in seinem "Bunker" im Palazzo Grazioli in Rom die Treuen empfängt, um eine Gegenstrategie zu entwickeln, um auf Entsatz, Berlusconis Armee Wenck, zu hoffen.

Ein Rücktritt komme nicht in Frage, das sei Feigheit vor dem Feind, den Kommunisten. Berlusconis Welt ist schwarz-weiß. Überall lauern "die Kommunisten". Auch wenn die letzte Splitterpartei, die der Welt von Marx, Engels und Lenin nachtrauert, nur Zehntelprozente bekommt: Für Berlusconi sind sie omnipräsent. Den Rücktritt wolle er nicht, er wolle auf der Barrikade fallen, "den Verrätern wolle er bei einer Vertrauensabstimmung ins Auge sehen".

Selbst die Show-Girls flüchten

Es sind Tage, Minuten einer Götterdämmerung, die wir heute, im Gegensatz zu den letzten Stunden anderer Führerfiguren, fast live miterleben können, weil jeder, der den Bunker verlässt, eine neue Anekdote zum Besten gibt.

Die Opposition hat ohnehin schon lange genug vom "Cavaliere".
Die Opposition hat ohnehin schon lange genug vom "Cavaliere".(Foto: REUTERS)

Als die Meldung kam, dass auch das Show-Girl Gabriella Carlucci, die mit ihrer Schwester Milly zusammen eine Ikone des italienischen Abendprogramms ist, den Wechsel in eine Oppositionspartei beantragt habe, soll Berlusconi nur geschwiegen haben. Mehr als hundert abtrünnige Politiker zählen die Carlucci-Sisters für den Patriarchen. Der massive Einsatz seiner Showstars auf allen seinen Sendern hatte Berlusconi im April 1994 den großen Wahlsieg über die Linke beschert. Nun rebellieren also auch die Angestellten, Blut von seinem Blute.

Nur der harte Kern bleibt

Politisch ist Berlusconi erledigt, die Frage ist nur: wann gesteht er sich das auch selbst ein? Alle Verbündeten sind ihm weggelaufen. Zuerst liefen die Mitgründer seiner damals noch "Forza Italia" heißenden Partei weg, die Liberalen, die unabhängigen Unternehmer. Dann liefen die verbündeten Parteien aus dem ehemals christdemokratischen Spektrum weg. Seit drei Jahren regiert Berlusconi mit dem treuesten Verbündeten, Umberto Bossi, und seiner radikal Ausländer- und Süditaliener-feindlichen Partei Liga Nord. Zuletzt kündigte ihm auch die katholische Kirche die Gefolgschaft auf. Jahrelang hatte er sie in Italien mit Steuererleichterungen um Milliarden Euro reicher gemacht. Doch als die Intimfreundin Nicol Minetti mit einem Schwesternkostüm Striptease machte, mochte auch der Vatikan nicht mehr.

Nun gehen Berlusconi selbst die eigenen Leute von der Fahne.
Nun gehen Berlusconi selbst die eigenen Leute von der Fahne.(Foto: AP)

Nun sind die Prätorianer Berlusconis dran. Die Liga Nord, deren Parteisymbol schon per notariellen Akt an Berlusconi verkauft wurde, im Tausch gegen die Tilgung aller Parteischulden, ist an der Basis strikt gegen Berlusconi: Jeder Tag an seiner Seite kostet sie Stimmen. Die christliche Wochenzeitung "Famiglia Cristiana" veröffentlichte nun eine Umfrage, wonach nur noch 19 Prozent der Italiener Vertrauen in Berlusconi hätten. Natürlich stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass immer noch jeder fünfte Italiener Berlusconi vertraut. Das ist nur mit dem Umstand zu erklären, dass 30 Prozent aller Italiener die Steuern umgehen oder hinterziehen, ein Zehntel der Wählerschaft der Südregionen direkt unter Kuratel der Mafia steht. Das ist der harte Kern Berlusconi, weniger dürften es nicht mehr werden.

Unternehmer wie der Tod’s-Eigner Diego della Valle schalten ganzseitige Anzeigen und fordern seinen Rücktritt. Kaum geht die Meldung von einem möglichen Rücktritt um, gibt es ein Kursfeuerwerk an der Mailänder Börse. Kaum kommt das Dementi, brechen die Kurse wieder ein. Ganz Italien wartet auf die befreiende Nachricht: Rücktritt! Es ist vorbei! Warum klammert sich dieser Mann so an die Macht?

Keine guten Aussichten

Der Grund ist einfach. Verliert er den Schutz seiner Stellung als Regierungschef, muss Berlusconi damit rechnen, den Rest seines Lebens vor Gericht und womöglich auch noch hinter Gittern, oder wenigstens in der milderen Form des Hausarrests zu verbringen. Justizbestechung, Anstiftung zur Prostitution, Missbrauch der Amtsfunktion, Korruption, Bestechung – die Liste seiner Prozesse ist ellenlang und in vielen von ihnen sind seine Mitangeklagten längst rechtskräftig verurteilt. Die Aussichten sind also düster für ihn. Dazu muss er fürchten, dass die drei Kinder aus zweiter Ehe zusammen mit deren – heute verhasster – Mutter Veronica Lario einmal das Kommando im Haus Berlusconi führen dürfen.

Berlusconi ist kein normaler Politiker, er ist in seinem Einfluss auf die Italiener nur mit Benito Mussolini zu vergleichen. Beide haben ihre Landsleute zwei Jahrzehnte lang verhext. "Die Italiener sind ein noch unreifes Volk, sie suchen sich immer noch einen neuen Volkstribun, dem sie dann blindlings folgen können," so sagte es einmal Indro Montanelli, der Dekan des italienischen Journalismus, einst ein Freund Berlusconis. Montanelli fügte dann hinzu: "Damit die Italiener von ihrer Berlusconitis geheilt werden, müssen sie richtig krank werden an ihm." Hohes Fieber müssten sie bekommen, fast daran sterben. Erst dann würden sie begreifen, wieder gesund werden, Antikörper entwickeln. Ist es jetzt soweit?

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Quelle: n-tv.de

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