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Die Aeroflot-Maschine aus Moskau nach ihrer Landung in Havanna: Viele Journalisten waren an Bord, Snowden konnten sie nicht entdecken.
Die Aeroflot-Maschine aus Moskau nach ihrer Landung in Havanna: Viele Journalisten waren an Bord, Snowden konnten sie nicht entdecken.(Foto: dpa)

Booz Allen nur Mittel zum Zweck: Snowden hatte Enthüllungen lange geplant

Von Hubertus Volmer

Während Edward Snowden "gesund, sicher und guter Laune" ist, regiert in Washington die Wut auf China und Russland. Peking versteckt sich hinter Hongkong, und auch ohne Sonderwirtschaftszone wäscht Moskau die Hände in Unschuld. Snowden bleibt derweil verschwunden, aber über seine Pläne gibt es Neuigkeiten.

Der amerikanische Whistleblower Edward Snowden hat seine Enthüllungen offenbar von langer Hand geplant. Der in Hongkong erscheinenden "South China Morning Post" sagte der 30-Jährige, er habe den Job bei der Technologieberatungsfirma Booz Allen Hamilton nur angenommen, weil er so Zugang zu den geheimen Überwachungsprogrammen der NSA bekommen habe.

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"Mein Stelle bei Booz Allen Hamilton gewährte mir Zugang zu Listen von Rechnern auf der ganzen Welt, die die NSA gehackt hat", sagte er der Zeitung. "Darum habe ich diese Stelle vor drei Monaten angenommen." Booz Allen arbeitet unter anderem für den US-Geheimdienst NSA. Die "South China Morning Post" sprach vor seiner Abreise aus Hongkong mit Snowden.

Bereits im Januar nahm Snowden demnach Kontakt mit der US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras auf und teilte ihr mit, er habe Informationen aus der Geheimdienstszene. Monate später habe er sich mit Poitras und zwei britischen Journalisten in Hongkong getroffen. Bei Booz Allen fing Snowden im März dieses Jahres an.

Snowden sagte weiter, er wolle seine Informationen nicht alle auf einmal veröffentlichen, sondern vorher selbst durchsehen. "Wenn ich Zeit habe, diese Informationen durchzugehen, würde ich sie gern Journalisten in den betreffenden Ländern zur Verfügung stellen, die dann selbst bewerten sollen, unabhängig von meiner Meinung, ob dieses Wissen über die Operationen der USA gegen ihr Land veröffentlicht werden sollte oder nicht."

"Gesund, sicher und guter Laune"

Wo Snowden sich derzeit befindet, ist unbekannt. Wikileaks-Gründer Julian Assange, der sich seit einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhält, sagte am Montag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, er kenne Snowdens Aufenthaltsort. Snowden sei "gesund und sicher" und außerdem "guter Laune". Nach eigenen Angaben unterstützt Wikileaks Snowden bei seiner Suche nach einem sicheren Aufenthaltsort.

Assange deutete an, dass Snowden auch in anderen Ländern als Ecuador um Asyl gebeten haben könnte. Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson sagte, er habe stellvertretend für Snowden eine förmliche Anfrage an die Regierung Islands gerichtet.

Snowden war am Sonntag von Hongkong nach Moskau geflogen. Allgemein war angenommen worden, dass er von dort über Kuba nach Ecuador reisen wird - aus Moskau gibt es keinen Direktflug in das südamerikanische Land. Im Flugzeug nach Kuba, in dem ein Platz für Snowden gebucht worden war, befand sich der Amerikaner jedoch nicht. Am Dienstagmorgen berichtete das russische Staatsfernsehen, es gebe keinen Hinweis darauf, dass Snowden noch in Moskau sei. Aus Moskau geht täglich nur ein Flug nach Kuba.

Peking versteckt sich hinter Hongkong

Die USA zeigten sich stark verärgert über die Hilfe, die China und Russland dem "Verräter" gewähren. "Das kaufen wir ihnen nicht ab, dass es die bürokratische Entscheidung eines Beamten der (Hongkonger) Einwanderungsbehörde war", sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney, über das Verhalten Chinas.

Verärgert, aber ratlos: Obama-Sprecher Jay Carney.
Verärgert, aber ratlos: Obama-Sprecher Jay Carney.(Foto: AP)

Es handele sich um die bewusste Entscheidung der Regierung, den US-Bürger trotz eines gültigen Haftbefehls laufen zu lassen. "Diese Entscheidung hat ohne Frage negative Folgen für das amerikanisch-chinesische Verhältnis", sagte Carney. Hongkong hatte Snowden ausreisen lassen, obwohl die USA die Behörden der Sonderwirtschaftszone gebeten hatten, ihn festzunehmen.

Hongkong seinerseits behauptete, man habe keine Wahl gehabt, als Snowden in ein Drittland ausreisen zu lassen. Als Grund gaben die Behörden an, dass die Unterlagen, die für eine Festnahme und Überstellung an die USA notwendig gewesen wären, unzureichend gewesen seien. Das wiesen die USA als unzutreffend zurück.

"Hongkong hat keine Macht, irgendetwas zu entscheiden"

China bestreitet jede Einflussnahme: "Die Anschuldigungen gegen die chinesische Regierung sind unbegründet", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking zum Carney-Vorwurf. Dennoch sieht es sehr danach aus, als habe Peking bei der Ausreise die Fäden gezogen. Der Hongkonger Politiker und Rechtsanwalt Albert Ho Chun-yan sagte am Montag, ein Mann, der offenbar die Regierung von Hongkong vertreten habe, sei zu ihm gekommen und habe angedeutet, dass Snowden die Stadt verlassen dürfe - und dies auch tun sollte.

"Ich habe Gründe für die Annahme, dass jene, die wollten, dass er geht, die Behörden in Peking repräsentierten", sagte Ho. "Die Regierung von Hongkong hat keine Macht, irgendetwas zu entscheiden oder zu sagen, nicht einmal die Macht, mich (über ihre Pläne) in Kenntnis zu setzen", fügte er hinzu. Peking habe kein Interesse daran, die chinesisch-amerikanischen Beziehungen zu belasten. Die chinesische Regierung habe daher hinter den Kulissen gearbeitet, um Snowden loszuwerden.

Moskau macht es wie Peking

Nach exakt diesem Muster verhält sich auch Russland: Snowden darf durchreisen, aber nicht bleiben. In Ermangelung einer Sonderwirtschaftszone schiebt die Regierung in Moskau die Verantwortung auf den Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo, wo Snowden sich in einem Hotel aufgehalten haben soll und vielleicht noch immer aufhält. Am Montag versprachen die russischen Behörden, einen Auslieferungsantrag der USA "zu prüfen". Zugleich teilten sie mit, Snowden habe russisches Territorium gar nicht betreten. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peschkow, sagte gar, ihm lägen keine Informationen über Snowdens Reisepläne vor.

Die Freude in Moskau und Peking dürfte ähnlich hoch sei wie die Wut in Washington. Über Russlands Regierung sagte der russische TV-Moderator Wladimir Posner, es gebe dort wohl nicht wenige Menschen, "denen es Spaß macht, Amerika ins Auge zu pieksen". Auf der anderen Seite sei ihnen sehr bewusst, dass sie keine Situation herbeiführen dürften, die die Beziehung zu den USA ernsthaft gefährde.

Die Politik in den USA ist dennoch erzürnt. "Was wirklich ärgerlich ist", sagte der demokratische Senator Chuck Schumer, "ist, dass Wladimir Putin bei Snowdens Flucht Beihilfe leistet". Man habe den Eindruck, als wolle Putin den USA "Knüppel zwischen die Beine werfen". Das werde "ernste Konsequenzen haben".

Quelle: n-tv.de

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