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(Foto: picture alliance / dpa)

Die Tücken des Generationenvertrags: So beutet das Rentensystem Familien aus

Von Issio Ehrich

Kinder sind ein Segen für das deutsche Rentensystem. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Wer Kinder großzieht, darf trotzdem nicht auf Vorteile hoffen - ganz im Gegenteil.

Eigentlich ist die Idee des Generationenvertrages so einfach, dass sie funktionieren müsste. Weil ihre Eltern sie gesäugt, gewindelt und zu anständigen Bürgern erzogen haben, finanzieren erwachsene Kinder ihren Müttern und Vätern den Lebensabend. Sind sie eines Tages selbst alt, springen ihre Kinder ein. Spätestens seit der Begriff Demografie keine Vokabel mehr ist, mit der sich nur Experten rumschlagen, ist aber allen klar: Die Idee des Generationenvertrages ist zu einfach.

Die sinkende Geburtenrate in Deutschland führt unweigerlich dazu, dass künftig weniger Geld für Rentner zur Verfügung steht oder die schrumpfende Zahl der Erwerbstätigen immer höhere Summen in die Rentenkassen einzahlen muss. Die Last ist nicht mehr gerecht zwischen den einzelnen Generationen verteilt. Das ist hinlänglich bekannt. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt nun aber auch, dass ein Beharren auf dem deutschen Rentensystems, das maßgeblich auf der Idee des Generationenvertrags aufbaut, auch zu Ungerechtigkeiten innerhalb der Generationen führt. Das deutsche Rentensystem bevorzugt Kinderlose und benachteiligt Familien massiv.

Kein Ausgleich für Erziehungsleistungen

Ein Kind, das im Jahr 2000 auf die Welt gekommen ist, zahlt laut der Studie zu Lebzeiten rund 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse ein als es herausbekommt. Selbst wenn man alle 156 familienpolitischen Maßnahmen in Deutschland, wie das Kindergeld, und außerdem noch die staatlichen Bildungsangebote, die die Gemeinschaft trägt, miteinbezieht, verringert sich dieser Überschuss lediglich auf 50.500 Euro. Die Eltern, die das Kind großgezogen haben, haben trotzdem nichts davon - im Gegenteil. Ihre Rentenbeiträge sind genauso hoch wie die von Kinderlosen. Denn anders als bei Steuern gibt es bei Sozialversicherungen keine Möglichkeit, Kinder abzusetzen. Und für die Mühe, die sie in die Erziehung gesteckt haben, und die Kosten eines möglichen Berufsausfalls während der Schwangerschaft gibt es auch sonst keinen Ausgleich. Denn die 50.500 Euro, die ihr Kind für den Staat erwirtschaftet hat, kommen allen Rentnern gleichermaßen zugute.

Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung Jörg Dräger sagt: "Unser Rentensystem benachteiligt Familien - ausgerechnet diejenigen, die das System am Leben erhalten." Er fügt hinzu: Die Politik müsse jetzt handeln und das Rentensystem nicht nur demografiefest, sondern auch familiengerecht machen. Auch das Bundesverfassungsgericht beobachtet argwöhnisch, dass das deutsche Sozialsystem Familien benachteiligt.

Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf

Eine Radikalreform könnte das Problem lösen. Sie würde allerdings die Abkehr vom Generationenvertrag bedeuten. Bei privaten Versicherungen ist es längst üblich, dass man zu Lebzeiten anspart, was man im Rentenalter ausbezahlt bekommt. Jede Generation und jedes Individuum ist in derartigen Modellen für sich verantwortlich. Doch ganz so radikal muss eine Reform gar nicht ausfallen. Davon ist zumindest der Autor der Bertelsmann-Studie überzeugt.

Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum setzt auf eine Mischung aus gesetzlicher Basisrente und verpflichtender Privatvorsorge. Dabei pocht er vor allem auf höhere Rentenansprüche und niedrigere Rentenbeitragssätze für Eltern, die sich zum Beispiel durch Freibeträge pro Kind durchsetzen ließen.

In der Bundesregierung kommen allerdings weder die Abkehr vom Generationenvertrag noch eine Reform im Sinne Werdings wirklich an. Die Vorsitzende des Sozialausschusses des Bundestages, Kerstin Griese, sagte der Deutschen Presseagentur: "Unser Rentensystem ist kein Sparvertrag, in den man einzahlt und später das Entsprechende wieder herausbekommt." Die SPD-Politikerin fügte hinzu: Das deutsche Rentenmodell habe "im Gegensatz zu den Pensionsfonds anderer Länder bislang jede Finanzkrise unbeschadet überstanden". Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums stellte gleich die gesamte Studie Werdings in Frage. Er sagte: Es sei fraglich, ob sich der Sachverhalt so verallgemeinern lasse.

Die einzige Reform der Großen Koalition, die der Kritik Werdings Rechnung trägt, ist die Mütterrente. Die dürfte der Studie zufolge Eltern im Schnitt aber nur 8300 Euro einbringen. Ein ziemlich kleiner Betrag angesichts der Einkünfte, die Kinder dem Staat und seiner Rentenkasse bringen.

Quelle: n-tv.de

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