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Rainer Brüderle auf der Grünen Woche in Berlin.
Rainer Brüderle auf der Grünen Woche in Berlin.(Foto: dpa)

"Der spitze Kandidat": "Stern" wirft Brüderle Sexismus vor

Eine "Stern"-Journalistin wirft FDP-Fraktionschef Brüderle vor, ihr an einer Hotelbar mit aufdringlichen Sprüchen zu nahe gekommen zu sein. Einen Vorwurf an Brüderle, der über dämliche Witze und plumpen Sexismus hinausgeht, formuliert die Reporterin nicht. Dennoch ist ihr Unbehagen nachvollziehbar.

Der erst gerade ausgerufene FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle hat vermutlich ein Problem. Im neuen "Stern" wird ihm Sexismus vorgeworfen.

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Unter der Überschrift "Der spitze Kandidat" kündigt der "Stern" den Artikel auf seiner Webseite bereits an. Im Magazin selbst schreibt dann die Journalistin Laura Himmelreich über eine Begegnung mit dem FDP-Fraktionsvorsitzenden am Abend vor dem Dreikönigstreffen der FDP im vergangenen Jahr. Die von ihr geschilderte Szene spielt an der Bar des Maritim in Stuttgart - in diesem Hotel findet alljährlich am 5. Januar der sogenannte Dreikönigsball der FDP statt. Die Bar liegt direkt neben dem Ballsaal, hier kommen Journalisten und Politiker regelmäßig ins Gespräch.

Nach Darstellung der heute 29 Jahre alten Journalistin wurde Brüderle dort zudringlich. "Brüderles Blick", schreibt Laura Himmelreich in ihrem Artikel, "wandert auf meinen Busen. 'Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.' Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. 'Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.' 'Herr Brüderle', sage ich, 'Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.' 'Politiker verfallen doch alle Journalistinnen', sagt er. Ich sage: 'Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.' 'Am Ende sind wir alle nur Menschen.'"

Himmelreich zufolge wurde Brüderle um ein Uhr nachts von seiner Sprecherin daran erinnert, dass es Zeit zum Aufbruch sei: "Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: 'Herr Brüderle!', ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: 'Das tut mir leid.' Zu ihm sagte sie: 'Zeit fürs Bett.'"

Brüderle gilt als "Hoffnungsträger" in der FDP.
Brüderle gilt als "Hoffnungsträger" in der FDP.(Foto: dpa)

Klar ist: Laura Himmelreich hat Brüderle ganz offenbar als unangenehm und aufdringlich empfunden. Unterstellt, die Szene hat sich so abgespielt, wie die Reporterin sie beschreibt, dürfte dieser Eindruck auch für Männer höchst nachvollziehbar sein.

Himmelreich beschreibt Brüderle als Politiker, der auch bei anderen Gelegenheiten sexualisierte Witze reißt. Ihr Fazit: "Der FDP-Hoffnungsträger befindet sich selbst in einem Zustand von Dauererotisierung. Er gefällt sich als Verkörperung des wandelnden Herrenwitzes." So ist der Artikel im "Stern" auch überschrieben: "Der Herrenwitz". Einen Vorwurf an Brüderle, der über dämliche Witze und plumpen Sexismus hinausgeht, erhebt Himmelreich nicht.

Stern.de stellt den Artikel von Laura Himmelreich in einen Kontext mit einer Geschichte aus dem aktuellen "Spiegel". Darin beschreibt die Journalistin Annett Meiritz, wie Mitglieder der Piratenpartei Gerüchte über sie verbreiteten - ihr wurde unterstellt, ein Verhältnis mit einem prominenten Piraten zu haben. Sie schreibt in dem Artikel auch, es sei nicht schön, "wenn mich ein amtierender Bundesminister zur Begrüßung extrafest an die Taille packt".

Es geht also vorrangig nicht um Brüderle, sondern um ein grundsätzliches Problem. Dennoch dürfte der Artikel dem FDP-Politiker schaden. Erst am Montag war er in einem Coup von Rösler als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl im September installiert worden. Trotz seines fortgeschrittenen Alters gilt er nach wie vor als Hoffnungsträger der Liberalen (genau dieses Thema hatte Himmelreich am Rande des Dreikönigsballs mit ihm diskutieren wollen).

Zugleich entspricht die Darstellung im "Stern" durchaus Brüderles Image: Im Mai 2012 sagte Brüderle beim Parteitag der hessischen FDP Sätze, die nur als Anspielung auf Rösler, der bekanntlich in Vietnam zur Welt gekommen ist, zu verstehen waren: "Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche." Dann sinnierte Brüderle, dass in Deutschland deshalb auch die Eiche heimisch sei "und nicht das Bambusrohr" - Bemerkungen, die dem Niveau des Hotelbar-Sexismus durchaus entsprechen. Eine Bitte um Stellungnahme an Brüderles Bundestagsbüro blieb unbeantwortet.

Quelle: n-tv.de

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