Politik
Im Flüchtlingslager Jarmuk, einem Vorort von Damaskus, sind bereits Dutzende Menschen verhungert.
Im Flüchtlingslager Jarmuk, einem Vorort von Damaskus, sind bereits Dutzende Menschen verhungert.(Foto: dpa)
Mittwoch, 19. März 2014

"Könnte einen Horrorfilm drehen": Syriens Heer der Hungernden

Von Gudula Hörr

Vor drei Jahren war es noch undenkbar: In Syrien spielt sich die größte humanitäre Katastrophe weltweit ab. Millionen Syrer sind auf der Flucht, Hunderttausende hausen in Hungerenklaven, wo sie essen, was sie nur auftreiben können - Gras, Wurzeln, Katzen.

WFP Regionaldirektor Muhannad Hadi arbeitet seit Jahren für das WFP.
WFP Regionaldirektor Muhannad Hadi arbeitet seit Jahren für das WFP.(Foto: WFP/Syrien)

Eines stellt Muhannad Hadi, Regionaldirektor des Welternährungsprogramms WFP für die Syrienkrise, bei seinen Gesprächen schnell klar: "Es ist kein fröhlicher Jahrestag." Wenn sich in diesen Märztagen der Beginn des Aufstandes gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zum dritten Mal jährt, gibt es vor allem Verlierer. Nach drei Jahren Bürgerkrieg liegt das Land, das einst als Perle des Orients galt, in Schutt und Asche. "Man könnte einen Film hier drehen", so Hadi. "Einen Horrorfilm."

In den drei Jahren hat sich der anfängliche Aufstand für mehr Demokratie in einen erbitterten Bürgerkrieg verwandelt, in dem die Fronten längst verschwommen sind. Syrische Streitkräfte, Milizen, Rebellen, Dschihadisten – sie alle kämpfen in dem Land, mal mit-, mal gegeneinander. Die Folgen sind verheerend: Rund 150.000 Menschen sind allein bei Kämpfen gestorben, viele von ihnen Zivilisten. Fast die Hälfte der Syrer, 9 Millionen Menschen, befinden sich auf der Flucht. Der größte Teil von ihnen irrt durch das zerbombte Land, 2,5 Millionen konnten sich in die Nachbarländer retten, wo sie ein Dasein als ungeliebte Flüchtlinge fristen. "Syrien ist die größte humanitäre Katastrophe in der jüngsten Geschichte", so Hadi.

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Das WFP bekommt diese Katastrophe besonders zu spüren. Versorgte es im vergangenen Jahr noch 5 Millionen Syrer mit Lebensmittelpaketen und Essensgutscheinen, werden es in diesem Jahr schon 7 Millionen sein - ein Anstieg um 40 Prozent. "Die Bedürfnisse sind riesig, und die Bedürfnisse steigen", so Hadi. 2 Milliarden US-Dollar braucht das WFP allein in diesem Jahr, 40 Millionen Dollar pro Woche. Doch noch fehlt dem WFP der Großteil der benötigten Gelder. In der internationalen Gemeinschaft macht sich angesichts der Dauer-Krise Spendenmüdigkeit breit, allein die Bundesrepublik hat ihre gesamten Syrien-Hilfen für 2014 drastisch reduziert. Für dieses Jahr hat Berlin bisher 80 Millionen Euro zugesagt, im vergangenen Jahr waren es noch 200 Millionen.

Schrumpfende Lebensmittelrationen

Die Folgen der Spendenmüdigkeit sind für die Syrer verheerend: Die Lebensmittelrationen des WFP schrumpfen drastisch. In diesem März wurden sie bereits um 20 Prozent gekappt, im Mai könnten sie sogar, wenn nicht bald Gelder fließen, halbiert werden. Jeder Erwachsene bekommt dann gerade noch 1000 Kilokalorien pro Tag.

Spendenkonten für Syrien

Ärzte ohne Grenzen
Spendenkonto: 97 0 97
BLZ 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: Kontext Syrien

WFP
Kontoinhaber Maecenata Stiftung
Kontonummer 88 78 700
BLZ 700 205 00
Bank für Sozialwirtschaft
Stichwort: WFP – Ihr Name und Ihre Adresse

Nicht immer erreichen die Lebensmittelhilfen überhaupt die Bedürftigen. Allein um von Damaskus nach Aleppo zu fahren, müssen die WFP-Mitarbeiter bis zu 50 Kontrollpunkte passieren. Und sich dabei bisweilen mit schlechtgelaunten Jungen mit Maschinengewehren abgeben, die ihnen manchmal, "nur um ihren Spaß zu haben", wie Hadi sagt, die Durchfahrt verweigern. "Und wenn Ihnen eine Junge eine Kalaschnikow an den Kopf setzt und Sie zum Umkehren auffordert, dann kehren Sie um", so Hadi.

Hadi weiß nur zu gut um die Begrenztheit der Hilfsanstrengungen von NGOs in Zeiten des Krieges: "Wenn die Kugeln über den Kopf fliegen, wenn das Personal gekidnappt wird, wenn die gepanzerten Wagen entführt werden und fast alle Autos Einschusslöcher vorweisen, gibt es keine perfekte Operation." Er selbst saß schon in Fahrzeugen, die beschossen wurden. Etliche Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, mit denen das WFP in Syrien zusammenarbeitet, wurden in den vergangenen Jahren getötet.

Rund 500.000 Bedürftige in Syrien müssen ganz ohne Lebensmittelhilfen auskommen. Sie erreicht weder das WFP noch eine andere Hilfsorganisation. In drei Provinzen im Nordosten des Landes kann das WFP mittlerweile gar nicht mehr vordringen. Und dann gibt es noch jene belagerten Orte, jene Hungerenklaven, in denen rund 250.000 Menschen gefangen sind: In Homs, Aleppo, Deir Ez-Zor und im palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk.

Auf den Märkten nur Gewürze und Stärke

Diese Frauen und Kinder hatten Glück: Sie durften im Februar Jarmuk verlassen.
Diese Frauen und Kinder hatten Glück: Sie durften im Februar Jarmuk verlassen.(Foto: dpa)

Wie verzweifelt die Lage in den Hungerenklaven ist, zeigt beispielhaft der jüngste Bericht "Das Leben aus Jarmuk herausquetschen" von Amnesty International. Allein in Jarmuk, das gerade mal 15 Autominuten von Assads Präsidentenpalast in Damaskus entfernt liegt und seit dem Sommer 2013 belagert ist, hausen 18.000 Menschen in den Trümmerbergen. Außer Gewürzen und einer Art grünem Stärkemehl gibt es auf den Märkten nichts mehr zu kaufen. Die Menschen essen alles, was sie auftreiben können: Unkraut, Wurzeln, Kaktusblätter, Katzen oder streunende Hunde. Sie trinken die Milch von Hunden und kochen sich eine Wasserbrühe, in der ein paar Gewürze schwimmen. Dabei ist selbst die Suche nach Nahrung lebensgefährlich - immer wieder werden die Hungernden Ziel von Scharfschützen der Regierung.

Mindestens 128 Menschen sind laut Amnesty in Jarmuk bereits verhungert. Viele leiden unter Lebensmittelvergiftungen. "Sie werden krank, nachdem sie, vom Hunger getrieben, Stängel von Pflanzen gegessen haben, die nicht immer essbar waren", beklagt Amnesty.

Die Menschenrechtsorganisation wirft dem Assad-Regime - nicht nur in Jarmuk - ein gezieltes Aushungern der Bevölkerung vor. Die Streitkräfte der Regierung würden bewusst die Versorgungswege für Arznei und Nahrung abschneiden. "Zivilisten werden wie Schachfiguren benutzt in einem tödlichen Spiel, über das sie selbst keine Kontrolle haben", beklagt Philip Luther, Direktor des Amnesty Programms für den Nahen Osten und Nordafrika.

"Verlorene Generation"

Die Folgen dieser Politik des Aushungerns bekommt Hadi bei seiner Arbeit zu sehen: Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt, und besonders für Kleinkinder ist die Mangelernährung katastrophal. "Gerade die ersten 1000 Tage im Leben eines Kindes sind am kritischsten" so Hadi. "Wenn es dann keine ordentliche Nahrung bekommt, macht sich das für den Rest seines Lebens bemerkbar". Der Anblick der ausgehungerten und verzweifelten Menschen, sei "herzzerreißend", sagt Hadi, der sich vor wenigen Jahren noch um Schulprogramme für syrische Mädchen kümmerte und diese nun bettelnd durch die Straßen von Damaskus irren sieht.

Die UN-Kinderhilfsorganisation Unicef warnt längst vor einer "verlorenen Generation". Kaum ein Kind in Syrien, das nicht traumatisiert heranwächst, das nicht täglich mit den Explosionsgeräuschen des Krieges aufwacht. Viele Schulen sind zerbombt, Kinder suchen in den Kellern zerbombter Häuser Zuflucht oder helfen gar selbst beim Bauen von Bomben. Andere, so beklagen es die UN in einem Bericht, werden als Kämpfer missbraucht oder misshandelt.

Ein Ende des Dramas in Syrien rückt in immer weitere Ferne. Schon bei den gescheiterten Verhandlungen in Genf Anfang des Jahres zeichnete sich dies ab, die Krim-Krise trägt nun das ihre dazu bei, Syrien aus dem Fokus der Öffentlichkeit weiter zu verdrängen. Selbst Hadi, der sich als optimistischen Menschen bezeichnet, muss feststellen: "Diese Krise wird nicht so bald enden." Auch wenn er - offenbar wider besseren Wissens - doch noch die Hoffnung hegt, dass es einen weiteren Jahrestag dieses Bürgerkriegs nicht geben wird.

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Quelle: n-tv.de

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