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Ist Karim Cheurfi doch nicht "Der Belgier", wie der IS nach dem Anschlag von Paris verkündete?
Ist Karim Cheurfi doch nicht "Der Belgier", wie der IS nach dem Anschlag von Paris verkündete?(Foto: AP)
Freitag, 21. April 2017

Erkenntnisse zum Paris-Anschlag : Täter Franzose, aber wer ist "der Belgier"?

Drei Tage vor der Präsidentschaftswahl wird Frankreich erneut von einem Anschlag erschüttert worden. Ein mehrfach vorbestrafter Franzose tötet auf dem Pariser Boulevard Champs-Élysées einen Polizisten, bevor er selbst erschossen wird. Der Islamische Staat beansprucht den Anschlag für sich. Die Terrororganisation verkündet, dass es sich bei dem bei der Attacke getöteten Mann um "den Belgier" handele. Ein Belgier stellt sich wenig später - der hat mit der Tat wohl nichts zu tun, aber ein üppiges Waffenarsenal und ein Zugticket nach Paris. Ein Überblick

Was ist am Donnerstagabend in Paris passiert?

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Auf den berühmten Champs-Élysées mitten in Paris hält ein Mann mit seinem Auto neben einem Mannschaftswagen der Polizei, steigt aus und eröffnet gegen 21 Uhr mit einer Automatikwaffe sofort das Feuer. Er tötet einen Polizisten und verletzt zwei weitere Beamte sowie eine deutsche Passantin leicht, bevor er erschossen wird. Auf den Champs-Élysées bricht Panik aus, die Polizei rückt mit einem Großaufgebot an. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Angreifer allein handelte.

Wer war der Täter?

Bei dem erschossenen Angreifer handelt es sich um einen mehrfach vorbestraften Franzosen namens Karim Cheurfi. Er war erst vor zwei Monaten, am 23. Februar, wegen des Verdachts festgenommen worden, Polizisten töten zu wollen. Er wurde aber mangels Beweisen schnell wieder freigelassen. Dabei hat Cheurfi, der im östlich von Paris gelegenen Chelles bei seiner Mutter wohnte, ein langes Vorstrafenregister: Er wurde 2005 in einem Berufungsprozess wegen mehrfachen versuchten Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Cheurfi hatte 2001 bei einer Verfolgungsjagd auf einen Polizeischüler und dessen Bruder geschossen.

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Zwei Tage später entwendete er in Gewahrsam einem Polizisten die Dienstwaffe und versuchte, ihn zu töten. Seine Haftstrafe saß er nicht vollständig ab und kam 2013 auf freien Fuß. Nur drei Monate später verübte er einen Raub und wurde erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er wurde dann 2015 aus der Haft entlassen. Im März wurden zwar vorläufige Terrorermittlungen gegen ihn eingeleitet. In einer Datenbank mit radikalisierten Islamisten wurde er nach Ermittlerangaben aber nicht geführt. Nachbarn beschreiben einen Mann mit psychischen Problemen, der aber nicht als radikalisiert aufgefallen war.

War es ein Anschlag des IS?

Wahrscheinlich, Ja. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) beanspruchte die Tat jedenfalls schnell für sich. "Der Angreifer von den Champs-Elysées im Zentrum von Paris ist Abu Yussef der Belgier, und er ist einer der Kämpfer des Islamischen Staates", erklärte das IS-Propagandasprachrohr Amak. Allerdings passt die Bezeichnung nicht zu Cheurfi. Gleichwohl wurde nahe der Leiche des Angreifers ein Schreiben mit Bezug auf den IS gefunden.

Die belgischen Behörden hatten ihre französischen Kollegen am Donnerstag indes vor einem "sehr gefährlichen" Mann gewarnt, der den vom IS genannten Vornamen trägt und sich womöglich nach Frankreich begeben wollte. Bei einer Wohnungsdurchsuchung waren Waffen, Sturmhauben und ein auf den Tag des Anschlags datiertes Zugticket für eine Fahrt nach Frankreich gefunden worden.

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Der 35-Jährige meldete sich aber am Freitag in der belgischen Stadt Antwerpen bei der Polizei. Den Behörden zufolge ist vollkommen unklar, ob es eine Verbindung zu dem Pariser Anschlag gibt.

Wirkt sich der Anschlag auf die Wahl aus?

Mit dem Anschlag ist das passiert, wovor alle politischen Beobachter in Frankreich seit Wochen warnen: Direkt vor der Präsidentschaftswahl sind Angst und Verunsicherung wieder ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. So zynisch es klingt: Der Angriff auf Polizisten könnte der Rechtspopulistin Marine Le Pen beim ersten Wahlgang am Sonntag entscheidende Prozentpunkte einbringen. Aber auch ein anderer Politiker könnte davon profitieren.

Schon der Zeitpunkt des Anschlags wirkt wie ein merkwürdiger Zufall: Gegen 21 Uhr richtete der womöglich islamistische Angreifer seine Automatikwaffe gegen die Polizisten. Nur wenige Minuten zuvor hatte Le Pen bei ihrem letzten großen Fernsehauftritt vor der Wahl vor der "totalitären Ideologie" der Islamisten gewarnt und der sozialistischen Regierung völliges Versagen im Kampf gegen den Terrorismus vorgeworfen. "Es gibt kein Risiko Null, aber man darf das Risiko nicht bei hundert Prozent lassen".

Werden die Sicherheitsmaßnahmen vor der Wahl erhöht?

Ja, sogar drastisch. Wegen der anhaltenden Terrorgefahr findet die Wahl im Ausnahmezustand statt. Die Sonderbefugnisse für die Sicherheitsbehörden, die nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 verhängt wurden, gelten nach jetzigem Stand bis Mitte Juli. Der Ausnahmezustand umfasst damit beide Runden der Präsidentschaftswahl am 23. April und 7. Mai sowie die Parlamentswahl am 11. und 18. Juni. Mit Beginn der ersten Wahlrunde am Sonntag steht der Schutz der 69.000 Wahllokale im Mittelpunkt. Die Polizeigewerkschaft SCPN/UNSA erklärte, die Wahllokale seien "extrem symbolische Ziele" für mögliche Attentäter. Allerdings dürfen sich bewaffnete Sicherheitskräfte nur im Notfall in unmittelbarer Nähe der Wahlbüros aufhalten, wie Innenminister Matthias Fekl betonte.

Sind die Sicherheitskräfte gut vorbereitet?

Rund um die Wahl sind landesweit mehr als 50.000 Polizisten und Gendarmen im Einsatz. Sie werden unterstützt von 7000 Soldaten der Anti-Terror-Mission "Sentinelle" (Wachposten). Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Unité SGP-FO, Yves Lefebvre, zeichnete nach dem Anschlag auf den Champs-Elysées allerdings ein düsteres Bild von der Stimmung der Sicherheitskräfte: "Wir können nicht mehr, wir sind am Ende", sagte er dem Sender France Info. Wegen der nicht abreißenden Serie von Anschlägen seit 2015 sind Polizei und Armee am Limit, Gewerkschaften klagen seit langem über einen Mangel an Kräften und eine unzureichende Ausstattung.

Quelle: n-tv.de

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