Politik
Ein Kind und sein Vater vor der Volksabstimmung gegen Präsident Nicolás Maduro - der lässt seine Gegner verfolgen.
Ein Kind und sein Vater vor der Volksabstimmung gegen Präsident Nicolás Maduro - der lässt seine Gegner verfolgen.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 24. September 2017

"¿Persecución política, sábes?": Tausende Venezolaner fliehen nach Miami

Von Roland Peters, Miami

Wer kann, flieht: Der mit Abstand größte Anteil von Asylsuchenden in den USA kommt aus Venezuela. Organisationen in Miami helfen den Neuankömmlingen aus dem Krisenland mit dem Nötigsten. Doch auch Geld fließt nach Florida.

Jorge möchte kein Spanisch reden, sondern Englisch, er will üben. Wie es ihm hier gehe? "Toll, fantastisch, besser könnte es nicht sein!" Der junge Mann dreht seine Handflächen nach oben in Richtung Lenkrad, lässt seinen Blick über die Armaturen des nagelneuen SUVs schweifen und zeigt ein strahlendes Lächeln. "Sieh, ich habe ein solches Auto. Als ich hierher kam, konnte ich mir nur ein altes leisten. Nachts habe ich mich irgendwo an den Straßenrand gestellt und darin geschlafen."

Warteschlange an einer Bank in Caracas.
Warteschlange an einer Bank in Caracas.(Foto: REUTERS)

Vor neun Monaten wusste Jorge, dass es nun schnell gehen muss. Da war plötzlich dieser Brief von der venezolanischen Polizei. Drei Tage lang verabschiedete er sich, lieh sich 500 US-Dollar zusammen. Dann verließ er seine Heimat, seine Familie und Freunde, und auch den Hunger. Lebensmittel waren knapp. Die Grenzer am Flughafen von Caracas hielten ihn nicht auf, Jorge hatte Glück. Vier Stunden später war er in einer anderen Welt, in Miami. Ein Viertel der Bevölkerung hier besteht aus Latinos.

Während die USA über eine Mauer zu Mexiko diskutierten, über muslimische Einwanderer und White Supremacists, ist die Zahl der Flüchtlinge mit venezolanischer Staatsangehörigkeit gestiegen, die Asyl in den USA beantragen. Aus keinem Land kommen mehr: Seit Anfang des Jahres suchen monatlich rund 3000 Venezolaner Zuflucht in den USA, das sind 19 bis 22 Prozent aller Anträge. Ein Viertel davon werden in Miami gestellt. Dazu kommt die Dunkelziffer, denn viele reisen mit Touristenvisum ein. Jorge machte es genauso, aber inzwischen ist er offiziell Asylsuchender. "Wie heißt das nochmal auf Englisch? Persecución política, sábes?"

Stetiger Exodus

Einmal die Woche öffnet das Lager in Miami seine Tür für Venezolaner, die Haushaltswaren brauchen.
Einmal die Woche öffnet das Lager in Miami seine Tür für Venezolaner, die Haushaltswaren brauchen.(Foto: Raíces Venezolanas)

Seit Januar 2016 gibt es in Miami das Hilfsprogramm "Raíces Venezolanas", das Neuankömmlinge jeden Freitag mit dem Nötigsten versorgt, etwa mit gespendeten Decken, Matratzen, Töpfen, oder Handtüchern. Die katholische Gemeinde in der Nähe gibt ihnen zu essen. Die Menschen fliehen vor dem Hunger, wegen fehlender Medikamente oder vor dem Staat. "Ganze Familien kommen hierher, ohne Geld und nur mit einer Tasche", sagt Patricia Andrade, die 14 weitere ehrenamtliche Mitarbeiter der NGO "Venezuela Awareness" für Menschenrechte koordiniert.

Die gebürtige Venezolanerin ist seit drei Jahrzehnten in Florida und arbeitet den Rest der Woche in einem Anwaltsbüro. "Ständig höre ich schreckliche Geschichten aus meinem Geburtsland", berichtet die 55-Jährige, wie etwa von dem Jungen, dessen Freund bei einer Demonstration gegen die Regierung von der Militärpolizei getötet wurde. Danach gingen die Uniformierten von Haus zu Haus und suchten nach seinen Freunden. Sie alle versteckten sich mit Todesangst im Haus des Jungen, und bei der ersten Gelegenheit floh er mit seinem Vater nach Norden.

Jede Woche kommen mindestens 100 Menschen zu der Einrichtung. "Sie alle reisen mit Touristenvisa ein und beantragen danach politisches Asyl", sagt Patricia Andrade. Seit Jahresbeginn kämen 90 Prozent der Hilfesuchenden aus der Mittelschicht, und der Anteil der politisch Verfolgten sei ebenso groß. Es sind Ingenieure, Ärzte, oder Journalisten die fliehen, ein stetiger Exodus der Gebildeten in die Vereinigten Staaten. Sie kommen mittellos, denn in Venezuela gibt es US-Dollar nur auf dem Schwarzmarkt und die landeseigene Währung ist kaum etwas wert: Für 25.000 Bolívar gibt es einen Dollar. Der monatliche Mindestlohn liegt seit Anfang Juli bei umgerechnet vier Dollar.

Die Straßenhändler diktieren in Venezuela den Wechselkurs.
Die Straßenhändler diktieren in Venezuela den Wechselkurs.(Foto: REUTERS)

Andere Venezolaner leben schon länger in Florida und haben trotzdem Asyl beantragt, um sich vor dem Griff der heimatlichen Behörden zu schützen. Im August verkündete Venezuelas Geheimdienst Sebin im Fernsehen, dass mehrere Staatsbürger des südamerikanischen Landes gesucht würden, die sich in Florida aufhielten. Die Namen seien an Interpol weitergeleitet worden. Darunter ist auch die Journalistin Patricia Poleo, die seit zwölf Jahren in Miami lebt und der politisches Asyl gewährt wurde. Poleo sagte dem "Nuevo Herald", die Regierung in Caracas wolle erreichen, dass die USA ihren Schutzstatus entziehe und sie festsetze, damit sie nicht mehr arbeiten könne.

Venezuela und die Vereinigten Staaten haben zwar ein Auslieferungsabkommen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, aber es ist schwer vorstellbar, dass die US-Behörden im derzeitigen Zustand der Beziehungen politische Gegner Maduros an das sozialistische Land übergeben könnten. Nach der Entmachtung des gewählten und von der Opposition dominierten Parlaments in Caracas hatte US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen Venezuela verhängt, lehnt direkte Gespräche mit Maduro ab und sprach sogar von einer möglichen Militärintervention gegen das Land. Bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung erneuerte er seine scharfe Kritik.

Vermögen fließt seit Jahren ab

Veppex zufolge, einer Organisation für Exil-Venezolaner in Süd-Florida, sind Schuldzuweisungen der linken Regierung an Staatsangehörige im Ausland eine bekannte Vorgehensweise. Inzwischen gebe es aber auch Anhaltspunkte dafür, dass venezolanische Behörden unliebsame Aktivisten in den USA entführen und zurück nach Südamerika bringen wollten. Veppex gibt es bereits seit 2009. Schon unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez flüchteten manche Venezolaner nach Florida, weil sie mit den Behörden in Konflikt geraten waren.

Neben den Menschen kommt auch ihr Geld in den Süden Floridas. Schon seit Jahren fließt Vermögen aus Venezuela ab, das meiste sei schon in den USA, schreibt die "US News". Trotzdem investierten demnach in Miami im vergangenen Jahr Venezolaner noch über eine Milliarde US-Dollar in Immobilien, das waren 17 Prozent aller ausländischen Ausgaben am Markt. Manche tauschten auch ihre südamerikanischen Häuser und Wohnungen unter Wert gegen ein Objekt in Florida. Der Einwanderungsanwalt Stephen Bander sagte dem Blatt, in den vergangenen fünf Jahren habe er 50 Visa für Klienten besorgt, die sich zu mindestens 500.000 US-Dollar Investitionen verpflichtet haben, und die Mehrzahl davon seien Venezolaner gewesen.

Auch Menschen, die im vergangenen Jahr aus Protest auf die Straße gingen und Polizeigewalt gegen sich oder ihre Freunde und Familie erlebt haben, suchen ihr Heil weiter nördlich, und die kommen nicht nur aus der Mittelschicht. "Jeden Drecksjob habe ich gemacht am Anfang, wirklich jeden", sagt Jorge. Sein Startkapital waren 500 Dollar, davon gab er 300 für das Auto aus, was auch seine Wohnung war. Seither hat er sich hochgearbeitet. Nun fährt er für Uber, wie viele seiner Landsleute. Er hat auch ein kleines Zimmer, das gefällt ihm besser. Und jeden Monat geht Jorge zur Post, gibt von seinem Verdienst 30 Dollar aus und schickt ein großes Paket nach Caracas. Darin sind Lebensmittel für seine Familie.

Quelle: n-tv.de

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