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IS-Kämpfer nähern sich Bagdad: Tausende fliehen aus Ramadi

Der Vormarsch fanatischer Dschihadisten im Irak treibt eine Welle an Flüchtlingen vor sich her: In Bagdad bereiten sich Helfer auf die Ankunft entwurzelter Einwohner aus dem nahen Ramadi vor. Der Iran bietet dem Irak militärische Hilfe an.

Die Kämpfe im Irak drohen eine weitere Flüchtlingskrise in dem Land auszulösen: Aus der von Anhängern der IS-Miliz eroberten irakischen Stadt Ramadi sind nach UN-Angaben fast 25.00 Menschen geflohen. Die meisten von ihnen seien auf dem Weg in die nahe gelegene Hauptstadt Bagdad, teilten die Vereinten Nationen mit. Die UN und weitere Hilfsorganisationen hätten damit begonnen, Lebensmittel, Wasser und Medikamente an die Flüchtlinge zu verteilen. Zur Aufnahme der Flüchtlinge werden demnach auch Lager errichtet.

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Die Islamistenorganisation "Islamischer Staat" (IS) hatte Ramadi am Wochenende erobert. Die Stadt liegt am Ufer des Euphrat und zählt rund 300.000 Einwohner. Bis zur irakischen Hauptstadt im Osten sind es nur knapp 100 Kilometer. Einheiten des IS kontrollieren bereits weite Teile des Irak sowie große Gebiete im Nachbarland Syrien.

Tausende Menschen aus Ramadi müssten im Freien übernachten, weil sie kein Obdach gefunden hätten, erklärte die Koordinatorin der UN-Hilfe im Irak, Lise Grande. "Wir könnten mehr für sie tun, wenn wir mehr finanzielle Mittel dafür hätten."

Derzeit unterstützen die UN und andere Hilfsorganisationen bereits mehr als 2,5 Millionen Menschen im Irak, die vor der Gewalt des Krieges auf der Flucht sind. Die Mittel dafür seien aber nahezu erschöpft, heißt es in einer Mitteilung. Im Juni müssten voraussichtlich 56 Gesundheitsprogramme beendet werden, und spätestens im Juli breche wohl die Lebensmittelversorgung durch die UN zusammen, teilte die UN-Organisation im Irak mit.

Der Irak zerfällt

Flucht im eigenen Land: Tausende lassen in Ramadi alles hinter sich, um der IS-Herrschaft zu entgehen (Archivbild).
Flucht im eigenen Land: Tausende lassen in Ramadi alles hinter sich, um der IS-Herrschaft zu entgehen (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Während die Helfer versuchen, die neue Welle an Flüchtlingen zu versorgen, laufen auf internationaler Ebene Vorbereitungen für einen militärischen Gegenschlag. Der Iran bot dem Irak Hilfe zur Befreiung der strategisch wichtigen Stadt Ramadi an. Sein Land würde einer entsprechenden Bitte der Regierung in Bagdad nachkommen, sollte diese gestellt werden, sagte Ali Akbar Velajati, ein Berater des obersten geistlichen Führers Ajatollah Ali Chamenei. Dem Iran als Schutzmacht der Schiiten werden enge Verbindungen zu den Milizen nachgesagt, die vor einigen Wochen bereits an der Rückeroberung von Tikrit maßgeblich beteiligt waren.

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Die Einnahme Ramadis trägt den Krieg näher heran an die Hauptstadt: Im Irak rüsten sich mittlerweile auch Schiitenmilizen zum Kampf um die Großstadt am Euphrat, die der IS am Sonntag überrannt hatte. Erste schiitische Stammeskämpfer trafen laut Behörden auf einem Militär-Stützpunkt in der Nähe der Stadt ein. Mit zunehmender Dauer werden die anhaltenden Kämpfe gefährlich: Dem Irak droht der Zerfall in einen kurdischen Norden, einen sunnitischen Westen und einen schiitischen Süden.

Teheran will mitkämpfen

IS-Kämpfer töteten in Ramadi Dutzende Sicherheitskräfte und erbeuteten Panzer. Bei den Kämpfen wurden laut des Gouverneurs von Anbar etwa 500 Menschen getötet. Die Einnahme der Stadt ist der größte militärische Erfolg der Miliz seit Beginn der Gegenoffensive vergangenen Sommer. Für die Armee und das von den USA geführte Bündnis, das die irakischen Soldaten mit Luftangriffen, Waffen und Ausbildung unterstützt, ist die Eroberung der Stadt ein schwerer Rückschlag.

Ramadi war eine der letzten großen Bevölkerungszentren in Richtung der Grenze zu Saudi-Arabien, Syrien und Jordanien, die die Regierung in Bagdad noch unter ihrer Kontrolle hatte. "Ich bin mir ganz sicher, dass irgendwann auch Ramadi, wie Tikrit, aus der Hand der Extremisten befreit werden wird", sagte der iranische Regierungsberater Velajati.

Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi hatte den Einsatz von Schiiten-Milizen zur Rückeroberung des vorwiegend sunnitischen Ramadi zunächst abgelehnt, da er ein Wiederaufflammen der Gewalt zwischen Anhängern beider Konfessionen befürchtete. Nun akzeptierte er den Marschbefehl für die schiitischen Kämpfer. Die Zentralregierung in Bagdad ist durch den Macht- und Landgewinn des sunnitischen IS geschwächt.

Wirkungslose Luftschläge

Das von den USA angeführte Bündnis gegen den IS verstärkte unterdessen auf Bitten der irakischen Sicherheitskräfte seine Luftangriffe, wie ein Sprecher mitteilte. US-Außenminister John Kerry zeigte sich überzeugt, dass es den Islamisten nicht gelingen werde, Ramadi zu halten. Die Truppen würden den IS wieder vertreiben, sagte er.

Das US-Verteidigungsministerium sagte Unterstützung bei der Rückeroberung der Stadt zu. Der Fall Ramadis bedeute keine Trendwende zugunsten des IS, hieß es aus Washington. Die Anti-IS-Allianz ging ihrerseits bislang davon aus, dass sie mit ihren Luftangriffen den IS entscheidend schwächen kann.

Auch die Einnahmen der Islamisten schrumpften zuletzt deutlich: Vor Beginn der Luftangriffe habe der IS etwa 65 Millionen Dollar pro Monat eingenommen, heißt es aus Geheimdienstkreisen. Mehr als 90 Prozent davon hätten aus Ölverkäufen gestammt, der Rest aus Zwangssteuern und Lösegeldern. Inzwischen seien die Einnahmen auf etwa 20 Millionen Dollar pro Monat gefallen - 70 Prozent davon aus dem Ölgeschäft, der Rest aus Zwangssteuern und Lösegeldern.

Quelle: n-tv.de

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