Politik
Marokkanische Muslime wenden sich hier in Venedig gegen den Terror.
Marokkanische Muslime wenden sich hier in Venedig gegen den Terror.(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Muslime sind in der Pflicht: Terrorismus ist Teil des Islam

Ein Kommentar von Constantin Schreiber

Terrorangriffe im Westen schüren die Angst vor dem Islam als Religion. Das ist mehr als verständlich: Denn Muslime unternehmen viel zu wenig gegen radikale Tendenzen innerhalb ihrer Gemeinden.

Ich kann es nicht mehr hören. Nach Madrid, London, Paris, Brüssel melden sich die, die sagen: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun." Das Morden, Bomben, Angst machen. #Notinmyname twittern entsetzte Muslime. Der Zentralratsvorsitzende der Muslime, Aiman Mazyek, sagte nach den Anschlägen von Brüssel: "Die Religion spielt dabei keine Rolle." Falsch. Wenn Muslime sich im Namen des Islam in die Luft sprengen, dann hat das sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun.

Vor ein paar Tagen saß ich nach den Brüsseler Anschlägen in einer Talkrunde bei Markus Lanz. Einer der Gäste redete sich in Rage und warf dem belgischen Staat Versagen vor, weil es den Sicherheitskräften nicht gelungen sei, die Täter früher zu finden. Ich finde, die dringendere Frage ist: Wie kann es denn sein, dass ein gesuchter Islamist monatelang im Herzen Europas untertauchen kann, ohne dass jemand etwas gesehen, gehört, mitbekommen haben will? Dass eine muslimische Parallelgesellschaft offenbar einen potentiellen Massenmörder absorbiert, anstatt dass nur ein einziger die Polizei informiert? Kein Anruf, kein Hinweis? Es will keiner etwas davon mitbekommen haben, wer sich da mitten in der muslimischen Community von Brüssel aufhielt? Das fällt mir schwer zu glauben.

Es spielt keine Rolle, ob der Koran Gewalt predigt oder nicht, ob der Islam eine gewalttätige Religion ist oder nicht. Religion ist das, was Menschen daraus machen. Die Klage, Muslime würden unter Generalverdacht gestellt, ist schrecklich – und wahrscheinlich zum Teil sogar richtig. Natürlich möchte ich nicht, dass irgendjemand schief angeschaut wird, weil er "Arabisch" aussieht. Eine Bekannte - weitgereist, weltoffen, liberal - erzählte mir kürzlich, dass sie in Berlin die U-Bahn verließ, weil drei Arabisch sprechende Männer seltsam an ihren ausgebeulten Jacken herumnestelten. Schlimm, dass es so weit gekommen ist. Aber: Kann man das ihr oder anderen verängstigten Menschen vorwerfen? Wenn das erste, was Menschen im Westen heute mit dem Islam verbinden, "Gewalt" ist, dann kann doch niemand mehr behaupten, all jene sähen das falsch.

Wenn Muslime bei uns beklagen, sie stünden unter Generalverdacht, dann müssen sie das dem richtigen Adressaten sagen: Es sind die muslimischen Gemeinden in Brüssel, Berlin oder sonst wo. Und zwar nicht nur die Extremisten, Islamisten, Salafisten, sondern jeder einzelne muslimische Mitbürger. Ruhig sein, wegsehen, es dulden - dass es in Teilen ihrer Community, zu denen wir längst den Kontakt verloren haben, normal ist, Hass zu verbreiten, funktioniert nicht mehr. Wer, wenn nicht die Muslime selbst können sagen: "Es reicht!" Von wem, wenn nicht von muslimischen Verbänden, kann man erwarten, die eigene Community zur Räson zu bringen – mit deutlichen Worten, mit Ausgrenzung, mit null Toleranz gegenüber extremem Gedankengut. Sätze wie "Die Religion spielt dabei keine Rolle" möchte ich nicht mehr hören.

Quelle: n-tv.de

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