Politik
Der eigentliche Volkssport in Kiew: Angeln am Fluss.
Der eigentliche Volkssport in Kiew: Angeln am Fluss.(Foto: dapd)

Realität und Surrealismus in der Ukraine: "Timoschenko ist kein Engel"

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Korruption, prügelnde Parlamentarier und ein Präsident, der verspricht, das Leben in der so unsicher wie möglich zu machen - Politiker in der Ukraine bieten bisweilen ein seltsames Bild, meint der Schriftsteller Andrej Kurkow. Mit n-tv.de spricht er auch über den Sinn und Unsinn eines EM-Boykotts, demokratische Werte und Krankenwagen, die nicht kommen.

n-tv.de: Herr Kurkow, in Kürze beginnt die EU in der Ukraine. Freuen Sie sich schon?

Andrej Kurkow: Ich bin kein Fußball-Fan, aber ich freue mich auf die Spiele. Schließlich bieten sie der Ukraine die Möglichkeit, mehr an europäischem Sportveranstaltungen teilzunehmen. Es wird ein größeres Interesse an der Ukraine geben, und zwar nicht nur für die EM, sondern auch für die allgemeine politische Lage. Ich hoffe, dass die ausländischen Besucher dann mehr über die Ukraine erfahren.

Was können sie denn dann erfahren?

Die Städte, in denen die Spiele stattfinden, sind wunderschön, besonders Kiew und Lemberg. Auch das alltägliche Leben in der Ukraine ist sehr angenehm. Wer sich für Osteuropa und die Geschichte der Sowjetunion interessiert, kann sich natürlich mit den Menschen unterhalten und viel über das Leben hier lernen. Gerade viele junge Leute sprechen Englisch, Französisch oder Deutsch.

In Ihren Büchern zeichnen Sie ein recht skurriles Bild der Ukraine: Pinguine, die in Badewannen leben, junge Mütter, die ihre Milch an Molkereien verkaufen ...

Das alltägliche Leben der meisten Menschen ist recht normal. Um die anderen Seiten des ukrainischen Lebens zu entdecken, muss man dann doch hier leben. Ich kenne mich ganz gut im politischen Leben aus, deshalb kann ich viele Witze über Politiker reißen und eine Mischung aus Realität und Surrealismus erschaffen.

Gibt es denn eine surreale Seite des Lebens in der Ukraine?

Im Parlament in Kiew sprechen gelegentlich die Fäuste.
Im Parlament in Kiew sprechen gelegentlich die Fäuste.(Foto: REUTERS)

Man kann natürlich immer viele seltsame und lustige Dinge entdecken. Wir haben nur sehr wenige professionelle Politiker. Viele von ihnen sind ungebildet und haben keine Ahnung, worum es in der Politik eigentlich geht. Das wurde erst jüngst deutlich, als sich "Der Parlamentarismus ist tot" . Und das zeigen alle Skandale, die letzten Patzer des Präsidenten Viktor Janukowitsch, als er in einer Rede sagte, er werde alles nur Erdenkliche tun, um das Leben in der Ukraine und das der Gäste so unsicher wie nur irgend möglich zu machen. Später entschuldigte man sich natürlich im Präsidentenpalast für den Fehler, schließlich sprach der Präsident Ukrainisch und ist kein großer Redner. Wir haben Parlamentarier, die früher Fahrer oder Sport-Wrestler waren. Sie wurden auf Parteilisten gesetzt, weil die Parteien keine klugen Leute brauchen, sondern jemanden, den sie kontrollieren können.

In Ihren Büchern spielt auch immer wieder die Mafia eine Rolle. Wie gefährlich ist es denn in der Ukraine?

Das Leben ist sicher hier, sicherer als in London oder Paris. Natürlich, wenn jemand nach Abenteuern sucht und um vier Uhr morgens an die falschen Orte geht, gibt es keine Garantie, dass nichts passiert.

Für viele Westler scheint die Ukraine so weit weg zu liegen wie Sibirien ...

Das liegt dann eher an einem Mangel an Informationen und Interesse. Die Ukraine war ein Teil der Sowjetunion, und die Sowjetunion war das größte Land der Erde. Wenn dann ein Teil des größten Landes plötzlich ein einzelner Staat ist, kann dieser für Leute, die sich nicht in Geografie auskennen, überall liegen.

Der Schriftsteller Andrej Kurkow lebt seit seiner frühester Kindheit in Kiew. In zahlreichen Romanen und Drehbüchern zeichnet er in ironisches Bild der postsowjetischen Gesellschaft.
Der Schriftsteller Andrej Kurkow lebt seit seiner frühester Kindheit in Kiew. In zahlreichen Romanen und Drehbüchern zeichnet er in ironisches Bild der postsowjetischen Gesellschaft.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ist das Land denn noch sehr sowjetisch geprägt?

Es kommt drauf an, wo Sie sich befinden. Im Westen finden Sie nichts Sowjetisches oder Postsowjetisches. In der Mitte des Landes gibt es einige Spuren, doch im Osten, an der Grenze zu Russland, auf der Krim herrscht natürlich eine Menge postsowjetischer Nostalgie. Die Menschen sprechen über die alten Zeiten, erinnern sich, es gibt sowjetische Monumente. Die Straßen heißen noch Sowjet- oder Leninstraße.

Und sehnt sich dort die Mehrheit nach dem alten System zurück?

Nein, nein. Den Leuten ist es egal. Aber weil viele Wähler im Osten pro-russisch eingestellt sind, zücken Politiker gerne die sowjetische Propaganda-Karte.

Im Vorfeld der EM war in Deutschland viel von einem Boykott die Rede ....

Natürlich können die Politiker Treffen mit ukrainischen Politikern boykottieren. Das ist nicht schlimm, das ist ihr gutes Recht. Aber es hat keinen Sinn, die Spiele zu boykottieren und Sport und Politik zu vermischen. Der Sport ist die letzte Verbindung zwischen Ländern, die nicht freundschaftlich miteinander verkehren. Sogar nordkoreanische Sportler nehmen an den Olympischen Spielen teil. Auch wenn natürlich die Ukraine weit entfernt ist von Ländern wie Nordkorea und Weißrussland (lacht).

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Der Westen sorgt sich zurzeit besonders um die inhaftierte Oppositionsführerin . Sollte er sich mehr für sie einsetzen?

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Der Westen sollte mehr für die Demokratie in der Ukraine tun, nicht für die Opposition von Frau Timoschenko. Die Opposition war fünf Jahre an der Macht, und in dieser Zeit wurde die Korruption schlimmer als zuvor. Timoschenko ist kein Engel. Wenn sie jetzt Präsidentin wäre, wäre die Lage auch nicht besser. Jemand anderes säße dann im Gefängnis.

Was muss dann getan werden?

Das Wichtigste ist, die demokratischen Werte zu unterstützen und mehr Druck auf die Ukraine auszuüben. Diese muss zivilisierter werden, die Integration nach Europa muss gestärkt, die Justizreformen müssen angepackt werden. Dabei geht es nicht nur um neue Gesetze, vielmehr müssen die bestehenden auch befolgt werden. Wir haben eine Menge guter Gesetze, aber niemand schert sich um sie. Es gibt eine Menge anderer Dinge, die angepackt werden müssen. Wir hatten erst kürzlich etliche Skandale im Gesundheitssystem. Sechsmal wurden Rettungskräfte zu einem verwundeten Jungen gerufen, niemals kam jemand. Was hat es für einen Sinn, von Demokratie zu reden, wenn das Land nicht die grundlegende Gesundheitsversorgung sichert?

Haben Sie die Hoffnung, dass die Ukraine nach der EM näher an Europa heranrückt?

Ich habe das Gefühl, dass nach der EM Europa die Ukraine erst einmal vergisst und sich wieder mit den Problemen der Eurokrise beschäftigt. Ohne die EM ist natürlich auch das Druckmittel vorbei, dann  zieht auch ein potenzieller Boykott nicht mehr. Wenn es keine EM mehr gibt, was können Sie noch boykottieren?

Bei allem Absurden zeichnen Sie in Ihren Bücher doch auch ein sehr liebevolles Bild der Ukraine. Was mögen Sie besonders?

Die Leute sind äußerst nett und gastfreundlich. Als die ukrainischen Hotels wegen der EM die Preise extrem anhoben, entschlossen sich beispielsweise viele, ihre Zimmer oder Wohnungen umsonst EM-Gästen zur Verfügung zu stellen. Kaum einer ist aggressiv, wie das in manchen Gegenden in Russland der Fall ist. Das Leben ist sehr bequem, generell herrscht hier eine beinahe mediterrane Atmosphäre. Wenn Sie nicht gerade in Politik involviert sind, können Sie ein völlig normales Leben führen wie in anderen Ländern auch.

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Mit Andrej Kurkow sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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