Politik
Santorum gilt seit seinem starken Ergebnis in Iowa als Romneys härtester Verfolger.
Santorum gilt seit seinem starken Ergebnis in Iowa als Romneys härtester Verfolger.(Foto: dpa)

Stimmenfänger am rechten Rand: Santorums Chancen

Sebastian Schöbel

Mit christlich-konservativen Inhalten punktet Santorum vor allem bei republikanischen Wertewählern - doch realistische Chancen auf den Sieg hat er nicht. Trotzdem kann er sich für Höheres qualifizieren, wenn er in den kommenden Abstimmungen nicht einbricht.

Es sollte nur eine kleine Diskussion mit Studenten werden, doch sie zeigte, wie viel Überzeugungsarbeit Rick Santorum noch vor sich hat, wenn er Präsident werden will.

Die neuesten Umfragen

New Hampshire Primary

Mitt Romney: 41 Prozent (-2)

Ron Paul: 17 Prozent (-1)

Jon Huntsman: 11 Prozent (+4)

Rick Santorum: 11 Prozent (+/-0)

Newt Gingrich: 8 Prozent (-1)

Rick Perry: 1 Prozent (-1)

 

Stand: 9. Januar 2012

Quelle: WMUR/UNH

Als neulich eine Studentin des New England College in New Hampshire wissen wollte, warum Santorum gegen das Recht auf Heirat von Homosexuellen ist, ging dieser in die Offensive. Statt die Frage zu beantworten, stellte der Ex-Senator von Pennsylvania einfach eine Gegenfrage: "Also sollte jeder auch das Recht haben, mehrere Menschen zu heiraten?" Homoehe seien doch vergleichbar mit Polygamie, wollte Santorum damit sagen. Kurz darauf verließ er unter Buhrufen die Bühne.

Zielscheibe der linken USA

Nur eine von vielen Episoden, in denen Santorum die Wut der nicht christlich-konservativen USA entgegenschwappte. Nicht zum ersten Mal: Bei seinen Wahlkampfauftritten verfolgen ihn schon länger Aktivisten der Schwulenbewegung und Occupy-Demonstranten; auch Fans von Rivale Ron Paul sind dabei, die ihn als verschwenderischen Defizitbefürworter bezeichnen. Liberale Fernsehprogramme wie "Saturday Night Live" oder die "Daily Show" porträtieren Santorum mal als verwirrten Dummkopf, mal als rückwärtsgewandten Spinner mit dem Wunsch, die USA in eine Theokratie zu verwandeln. Sein Nachname ist ohnehin schon zum Running-Gag der Internet-Community geworden.

Will nach ganz oben: Rick Santorum beim Wahlkampf in New Hampshire.
Will nach ganz oben: Rick Santorum beim Wahlkampf in New Hampshire.(Foto: AP)

Doch in Iowa überraschte Santorum mit einem starken zweiten Platz, dicht hinter Spitzenreiter Mitt Romney. Seitdem gilt der konservative Politiker als mögliche Alternative zum gemäßigten Mann aus Massachusetts. Mit dem wird die Parteibasis nämlich bisher nicht warm: Romney kommt auf keine Mehrheit in den eigenen Reihen, die Zustimmung lag nie höher als 20 Prozent. Santorum hingegen, der auf eine Mischung aus christlichen Werten und langjähriger Erfahrung im Washingtoner Politbetrieb setzt, appelliert an die konservativen Grundwerte der Partei. Und er holt langsam auf.

Ohne Chance, trotz Iowa-Momentum

Ins Weiße Haus wird Rick Santorum dennoch nicht einziehen – jedenfalls nicht als Präsident. Denn die Botschaft des Hardliners ist nicht mehr zeitgemäß. Zumal auch viele Republikaner ein großes Problem mit ihm haben.

Umfrage

An Santorums konservativen Überzeugungen zweifelt freilich niemand: Die USA seien eine christliche Nation, so der Vater von sieben Kindern, und die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat interpretiert der Katholik eher als Schutzgarantie für die Gläubigen vor ihrer Regierung – nicht aber umgekehrt. Deswegen will er Abtreibung und Homoehen per Verfassung verbieten, um Schaden vom "traditionellen" Familienmodell abzuwenden, wie er sagt. Die von Obama ausgesetzte "Frag nicht, sag nichts"-Richtlinie des US-Militärs, die zuvor Soldaten verbot, offen über ihre Homosexualität zu sprechen, will er wieder einführen, obwohl sich inzwischen auch US-Generäle dagegen aussprechen.

Zu konservativ für Wechselwähler

Landesweit ist er damit aber kaum noch mehrheitsfähig. Die Finanz- und Wirtschaftskrise beschäftigt die Menschen mehr; Angst vor Arbeitslosigkeit und der Rückfall in eine Rezession dominieren die nationale Konversation. Zumal das Land ohnehin toleranter geworden ist gegenüber Schwulen und Lesben: Befürworter und Gegner halten sich inzwischen die Waage, einige wenige Staaten haben die Schwulenehe bereits legalisiert.

Umfrage

Auch in der Außenpolitik schwimmt Santorum eher gegen den Strom der öffentlichen Meinung. Den Abzug der US-Truppen aus dem Irak kritisiert er als Zeichen der Schwäche. Sein Hauptthema aber ist der Iran, dessen Atomprogramm Santorum am liebsten in Grund und Boden bomben will.

Doch die USA sind des Kämpfens müde. Der Ende des Irakkrieges wurde allseits bejubelt, die Geduld für den Afghanistan-Einsatz ist fast aufgebraucht. Eine neues Kriegsabenteuer findet hingegen kaum Unterstützung. Santorums Säbelrasseln gegen das Mullah-Regime und islamistische Terroristen wird Wähler wohl eher abschrecken.

Ein Republikaner in der Kostenfalle

Seine größte Schwäche aber ist die Haushaltspolitik. Seit die "Tea Party" die Republikaner auf einen strikten Sparkurs festgelegt hat, bei dem Staatsausgaben als regelrechtes Verbrechen am eigenen Volk interpretiert werden, haben Politiker wie Santorum ein Problem. Als Senator bediente er sich nämlich häufiger bei sogenannten "Earmarks" - also in Gesetzen versteckte Mehrausgaben für die Bundesstaaten. Auch die Erhöhung des Schuldenlimits und Ausgaben für den "Krieg gegen den Terror" trug er mit.  Vor allem sein libertärer Gegner Ron Paul wirft ihm deswegen nun "Betrug" und "Korruption" vor.

Realistische Siegchancen hat Santorum damit nicht: Für die so wichtigen Wechselwähler der politischen Mitte, ohne deren Stimmen die Republikaner nicht gewinnen können, ist er zu konservativ. Und im republikanischen Lager mißtraut man seiner Fähigkeit zur Haushaltsdisziplin. "Ich bin kein Schulden-Falke", sagte er noch im Jahre 2003. Daran erinnert man sich jetzt.

Vom Rivalen zum Co-Piloten?

Und dennoch könnte Rick Santorum 2013 ins Weiße Haus einziehen - vorausgesetzt, es schließt ihm jemand die Tür auf. Mitt Romney zum Beispiel. Denn spätestens nach seinem Sieg in den Vorwahlen, der nun immer wahrscheinlicher wird, braucht Romney einen Vizepräsidenten.

Als Champion der Konservativen wäre Santorum dann plötzlich wieder attraktiv. Denn den rechten Flügel der Republikaner wird Romney wohl kaum mehr für sich gewinnen, dafür wird er Hilfe benötigen. Ein Job für Santorum: Der könnte dann nützlich sein, um die republikanische Vormachtstellung in den Südstaaten und im Mittelwesten zu festigen - Staaten also, die Romney unbedingt gewinnen muss, wenn er eine Chance haben will.

Die Qualifikation für die Stelle als "VP" könnte Santorum erneut in New Hampshire, vor allem aber in South Carolina eine Woche später nachweisen. Dann nämlich wählt erstmals einer der Südstaaten. Dort hat Santorum inzwischen sogar Aussicht auf den Sieg. Schafft er es, wäre er als Kandidat der Rechten fest etabliert - und wertvoll als Partner im Wahlkampf gegen Obama.

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Quelle: n-tv.de