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Der Libertäre Ron Paul ist die Hoffnung einer kleinen aber lautstarken Randgruppe.
Der Libertäre Ron Paul ist die Hoffnung einer kleinen aber lautstarken Randgruppe.(Foto: Reuters)

Freiheitskämpfer, Querkopf, Sturkopf: Warum Ron Paul nicht siegen kann

von Sebastian Schöbel

Ron Paul hat mit dem Ausgang der Vorwahl in Florida nichts zu tun. Er tourt bereits durch einige der Staaten, die im Februar abstimmen werden. Der Libertäre wäre eigentlich der perfekte Kandidat für die Republikaner - wenn da nicht die Sache mit der Freiheit wäre.

Seine Fans sind enthusiastischer und loyaler als die von Barack Obama. Er hat fast dreimal so viele Spenden eingenommen wie Newt Gingrich und Rick Santorum. Zusammengenommen, wohlgemerkt. Und wenn es 2012 nur um Steuerpolitik und Schuldenabbau ginge, er wäre der sichere Kandidat der Republikaner.

Ex-Fliegerarzt, Gynäkologe und Präsidentschaftskandidat Ron Paul.
Ex-Fliegerarzt, Gynäkologe und Präsidentschaftskandidat Ron Paul.(Foto: Reuters)

Trotzdem wird Ron Paul nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden. Das ist so sicher wie der Fakt, dass Barack Obamas Geburtsurkunde in Hawaii ausgestellt wurde.

Dabei kann man ihm einen Vorwurf nicht machen: Er verstellt sich nicht, er ist kein Profi-Politiker mit vielen Masken und noch mehr Meinungen - wie zuletzt gesehen in der letzten TV-Debatte in Florida. Alle Kandidaten sollen sich vorstellen: Rick Santorum prahlt mit seiner 93-jährigen Mutter, Newt Gingrich lobt mit militaristischer Nerdigkeit den neuen Flugzeuträgerverband in Florida und Mitt Romney feiert sich selbst als Vater und Großvater eines fast unüberschaubar großen Familienclans.

Spröde, verbissen, ehrlich

Ron Paul, der ehemalige Luftwaffenarzt und Amerikas bekanntester Libertärer, hat das letzte Wort. "Ich heiße Ron Paul, bin seit zwölf Wahlperioden texanischer Kongressabgeordneter", als ob ihn niemand kenne. Und dann redet er von der Rückkehr zum Gold-Standard, von solider weil minimaler Finanzpolitik, von Amerikas Stärke in der Isolation.

Es sind Momente wie diese, in denen man den hageren kleinen Mann mit deutschen Wurzeln fast in den Arm nehmen möchte. Er blickt nervös umher, wenn er persönlich werden soll, scheint lieber eine Vorlesung halten zu wollen, als über sich selbst zu sprechen. Der Mensch Ron Paul ist eine Ansammlung von politischen Bekenntnissen, nicht Anekdoten.

Er steht seit vielen Jahren für die Ideologie, die die Tea Party erst mit der Wahl von Barack Hussein Obama für sich entdeckte: Das Streben nach der ultimativen, absoluten Freiheit, nur den Naturkräften des freien Wettbewerbs unterworfen, nicht aber einer zentralen Regierung.

Voll im Trend und trotzdem chancenlos

Eigentlich liegt er damit voll im Trend. Weil sich die USA massiv verschuldet haben, und der Kongress in ewigem Streit verharrt, beschwören viele Konservative eine altbekannte Formel: Je weniger der Staat tut, desto besser. Paul will zum Beispiel die Zentralbank abschaffen, Staatsausgaben für Sozialversicherung und andere Programme streichen, ganze Behörden einstampfen und Regulierungen in der Wirtschaft größtenteils abschaffen. So soll die Krise bezwungen werden, in dem das Land anknüpft an eine längst vergangene Zeit, in der die USA scheinbar endlos wuchsen. Die Bundesstaaten sollen sich um fast alles, die Bundesregierung um fast nichts mehr kümmern dürfen. Im Mittelpunkt aber steht der Bürger selbst: Er soll tun und lassen dürfen, was er will, so lange er die Freiheit von niemandem stört.

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Vor allem aber sollen sich die USA aus fremden Angelegenheiten heraushalten. Kriege - ob mit Elite-Soldaten im Schatten oder großen Armeen in aller Öffentlichkeit - sollen kein Mittel der Außenpolitik mehr sein. Amerikas Macht soll sich nur durch den Handel vergrößern, nicht aber durch militärische Interventionen.

Es sind Ideen, die Ron Paul populär machen. Seine Unterstützer beherrschen das Internet (das Paul von jeder Kontrolle befreien will), ihre Videos dominieren auf Youtube und anderen Plattformen, sie engagieren sich in Foren, schreiben Leserbriefe an Journalisten. Und sie halten Ron Paul mit Wahlkampfhilfe und Spenden im Rennen um die Präsidentschaft.

Kein Mann des Militärs

Trotzdem wird er nicht Präsident werden. Nicht nur bei Demokraten, die ihm unter anderem vorhalten, dass der ungezügelte, freie Markt gerade das Ende der individuellen Freiheit bedeutet; dass ohne Steuern eben gar kein Staat existieren kann, der auch die Schwachen schützt; dass sich Amerika in der Welt nicht abschotten und allein zum fahrenden Händler werden dürfe.

Es sind vor allem auch die Republikaner, bei denen er keine Mehrheit erlangt.

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Die stoßen sich nicht an den rassistischen und schwulenfeindlichen Rundbriefen, die einst in seinem Namen verschickt wurden, und von denen er nach eigener Aussage nichts wusste. Es ist auch nicht seine latente Drohung, doch noch als Kandidat einer dritten Partei anzutreten - was mit Sicherheit den Republikanern schaden würde.

Ron Paul und die meisten Konservativen Amerikas haben einfach eine andere Ansicht von Freiheit.

Unbequemer Freiheitskämpfer

Paul ist nicht prinzipiell gegen die Homoehe und stimmte für die Aufhebung der kontroversen Regel zum Ausschluss offen schwuler Soldatinnen und Soldaten. Aus den Vereinen Nationen will er austreten, was selbst Hardliner der Republikaner für unrealistisch halten. Er ist für freie Religionsausübung aber gegen religiöse Staatsführung - was evangelikale Christen empört. Er stimmte gegen die Einschränkung von Bürgerrechten im sogenannten " Krieg gegen den Terror" und war gegen die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan - ein Affront an die "Hawks" vom Schlage Dick Cheneys. Er ist für die Legalisierung von Prostitution und Drogen, und gegen jegliche Internetzensur. Die Liste könnte noch fortgeführt werden.

All das steht im Gegensatz zu dem, was der republikanische Mainstream diktiert: Amerikas Macht auch militärisch in die ganze Welt projizieren zu können, die individuelle Freiheit nur im Rahmen christlicher Wertvorstellungen zuzulassen, das Recht des Einzelnen der Sicherheit des Landes unterzuordnen.

Ron Paul ist vielleicht der ideologisch reinste Republikaner im Rennen (sieht man von seinem klaren Nein zu Abtreibungen ab).  Dass ihn gerade das unwählbar macht für die meisten seiner Parteikollegen sagt auch viel über den Zustand der Republikaner aus: Sie sind so zerrissen wie es die liberalen Demokraten seit jeher waren. Sie schwanken zwischen dem Wunsch nach einer schwachen Regierung in Washington und großen Anti-Terror-Strategien in der Welt. Das US-Militär soll unbezwingbar sein, die Steuern, um das zu bezahlen, hingegen gering. Die Freiheit des Bürgers soll unverletzbar sein - so lange er guter Christ und loyaler Bürger ist.

Kampf um Delegierte

So hat der kleine Mann aus Texas, der im bisherigen Wahlkampf eher vernachlässigt wurde, vielleicht eine Schlüsselrolle: Als ideologisches Memento für eine Partei, die zwischen den Stühlen steht: auf der einen Seite die fiskalischen und sozialen Freiheitsfanatiker wie Ron Paul, auf der anderen Seite die wertkonservativen und militaristischen Republikaner.

Gerade hat Ron Paul angekündigt, bis zum Nominierungsparteitag im Rennen bleiben zu wollen. Die Delegierten, die er bis dahin gewinnt, will er zur Konferenz nach Tampa in Florida mitbringen. Deswegen konzentriert sich seine Kampagne auf Vorwahlen, in denen nicht der Gewinner alle Delegierten gewinnt, sondern nach Prozenten verteilt wird.

Was er dann tut, weiß niemand. Ruhiger schlafen lassen wird Ron Paul die Parteispitze der Republikaner mit dieser Ankündigung aber sicherlich nicht.

Quelle: n-tv.de