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Ein Gaddafi-Gegner rüstet sich zum Kampf.
Ein Gaddafi-Gegner rüstet sich zum Kampf.(Foto: dpa)

Gaddafi wittert Verschwörung: USA erwägen Bodenoffensive

Tote, Chaos, Flüchtlinge: Die Lage in Libyen zwingt die internationale Gemeinschaft zu Reaktionen. Die USA denken inzwischen offen über eine Bodenoffensive nach - zumindest als eine mögliche Option. Unterdessen geht es bei den Vereinten Nationen um ein eindeutiges Mandat für ein Eingreifen. Doch es ist umstritten.

Ein Radar-Aufklärungsflugzeug der NATO.
Ein Radar-Aufklärungsflugzeug der NATO.(Foto: dpa)

Angesichts der schärfer werdenden Kämpfe in Libyen wächst der Druck auf die internationale Gemeinschaft. Die USA schließen inzwischen die Entsendung von Bodentruppen nach Libyen nicht mehr gänzlich aus. Dies stehe aber nicht ganz oben auf der Liste möglicher Maßnahmen, erklärte das US-Präsidialamt. Eine andere Option wäre die Durchsetzung eines von den Vereinten Nationen (UN) verhängten Waffenembargos. Zu den Optionen gehöre allerdings auch die Bewaffnung der Aufständischen.

Großbritannien bemüht sich derweil nach den Worten von Außenminister William Hague zusammen mit anderen Staaten um ein UN-Mandat für eine Flugverbotszone in Libyen. Grund dafür seien Informationen, dass Libyen Kampfhubschrauber und -flugzeuge gegen Aufständische einsetze.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte, die Organisation bereite sich auf alle Eventualitäten vor. Sie habe aber nicht die Absicht, in Libyen zu einzugreifen und wenn, dann nur mit UN-Mandat. Russland hat aber bereits signalisiert, dass es gegen eine Militärintervention in Libyen ist. Auch eine Zustimmung Chinas gilt als eher unwahrscheinlich.

Die NATO warnte Revolutionsführer jedoch  Muammar al-Gaddafi. "Wenn Gaddafi und seine Militärs weiterhin die libysche Bevölkerung systematisch angreifen, kann ich mir nicht vorstellen, dass die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen tatenlos dabei zuschauen", so Rasmussen.

Zur Diskussion um die Einrichtung einer möglichen Flugverbotszone in Libyen sagte Rasmussen: "Das ist eine sehr umfangreiche Unternehmung. Und das würde eine ganze Reihe von militärischen Fähigkeiten erfordern." Ohne UN-Mandat sei dies nicht möglich. In den USA gibt es sowohl im Weißen Haus als auch im Verteidigungsministerium erhebliche Bedenken gegen eine solche Flugverbotszone.

"Ein Dilemma"

Die NATO befinde sich in engem Kontakt mit der Arabischen Liga und mit der Afrikanischen Union. Rasmussen sagte, das Bündnis müsse Rücksicht auf die öffentliche Meinung der Bürger in den arabischen Staaten nehmen. "Das ist ein Dilemma, dem die internationale Gemeinschaft gegenübersteht." "Einerseits finden wir es ungeheuerlich, was in Libyen passiert. Viele Leute wären versucht, zu sagen: Lasst uns etwas tun. Und andererseits gibt es eine Menge Empfindlichkeiten gegenüber allem, was als ausländische Militärintervention verstanden werden könnte." Rasmussen warf der libyschen Regierung "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vor.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.
NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.(Foto: REUTERS)

Der libysche Außenminister Mussa Kussa warf Frankreich, Großbritannien und den USA vor, mit einer Verschwörung die Spaltung Libyens voranzutreiben. "Es ist klar, dass Frankreich, Großbritannien und die USA jetzt mit den Abtrünnigen in Ostlibyen in Kontakt treten. Das heißt, es gibt eine Verschwörung, um Libyen zu spalten", sagte Kussa. Daran bestehe kein Zweifel. Der "Kolonialismus ist wieder zurückgekehrt", sagte Kussa. Die territoriale Integrität seines Landes sei jedoch unantastbar. "Wir werden dafür sterben", sagte der Außenminister in der libyschen Hauptstadt.

Kussa bezog sich auf den von Gegnern Gaddafis gegründeten Nationalrat, der sich zum alleinigen legitimen Vertreter des libyschen Volkes erklärt hatte. Ein Sprecher des französischen Außenministeriums sicherte dem libyschen Nationalrat daraufhin die Unterstützung Frankreichs zu. Das Weiße Haus in Washington teilte mit, es diskutiere mit der libyschen Opposition auf "verschiedenen Kanälen". Angesichts der unübersichtlichen Lage und bürgerkriegsähnlichen Kämpfen schicken UN und EU "humanitäre Erkundungsteams" nach Libyen. Das Land habe der sofortigen Entsendung eines UN-Teams nach Tripolis zugestimmt, teilte ein UN-Sprecher mit.

Militärische Lage unübersichtlich

Unterdessen halten die Kämpfe in dem nordafrikanischen Land an. Die Rebellen leisteten ihrerseits nach wie vor erbitterten Widerstand und kontrollierten weite Teile im Osten des Landes. Aber auch die Truppen von Machthaber Gaddafi meldeten Erfolge. Dabei steigt die Zahl der Toten und Verletzten immer weiter.

Ras Lanuf ist eine der Ortschaften, die heiß umkämpft sind und in denen stündlich die Fronten wechseln.
Ras Lanuf ist eine der Ortschaften, die heiß umkämpft sind und in denen stündlich die Fronten wechseln.(Foto: AP)

Ein Brennpunkt des Konflikts ist die nach Tripolis und Bengasi drittgrößte Stadt Misurata im Westen des Landes. Salah Badi, der Kommandeur der Aufständischen in Misurata, sagte, die Lage in der Stadt sei ruhig. In der Nacht seien die Truppen Gaddafis mit 42 Militärfahrzeugen und sieben Panzern in die Stadt eingedrungen.

Die Soldaten des Machthabers hätten sich heftige Gefechte mit den Aufständischen geliefert und sich dann wieder aus der Stadt zurückgezogen. Zwei Panzer seien von den Regimegegnern zerstört worden. Mehr als 40 Menschen starben. 24 Soldaten und Söldner sowie 17 Aufständische und ein zwei Jahre altes Mädchen seien ums Leben gekommen, sagte Badi.

Nach Rebellenangaben wurden bei den Kämpfen mehr als ein Dutzend Soldaten gefangen genommen. Ein Sprecher der Aufständischen sagte dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira, von den 14 gefangenen Soldaten der Chamies-Brigade seien vier verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden.

Auch im Osten wurde rund um das Dorf Bin Dschawad an der Mittelmeerküste wieder gekämpft. In dem Ort, der am Wochenende zunächst von den Rebellen eingenommen und dann von Gaddafis Truppen zurückerobert worden war, starben am Sonntag nach Angaben eines Krankenwagenfahrers sieben "Revolutionäre". 65 Menschen seien zum Teil schwer verwundet worden.

Gaddafi soll Exil angeboten haben

Tausende flohen vor den Kämpfen nach Tunesien.
Tausende flohen vor den Kämpfen nach Tunesien.(Foto: AP)

Die arabische Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat" berichtete, Gaddafi habe am Sonntag in der Hauptstadt Tripolis Waffen und Munition an junge Männer verteilen lassen, die aus dem Kreis der Unterstützer seines Regimes stammen. Diese Männer hätten in mehreren Vierteln sinnlos herumgeballert, um Chaos zu stiften.

Zugleich soll Gaddafi Kontakt zum neuen "Nationalrat" in Bengasi aufgenommen haben - angeblich um vorzuschlagen, dass er mit seiner Familie ins Exil geht. Seine Bedingungen seien: Die neuen Machthaber lassen ihn mitsamt seinem Vermögen ausreisen und verzichten auf Ermittlungen gegen ihn und seinen Clan, berichtete "Al-Sharq Al-Awsat". Die Übergangsregierung der Aufständischen habe auf diesen Vorschlag, der ihnen von einem Vermittler unterbreitet worden sei, noch nicht reagiert.

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Quelle: n-tv.de

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