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Bereit zum Einsatz: Der Flugzeugträger "Nimitz" ist aus dem Arabischen Meer zum Roten Meer vorgerückt, um möglichst nah zur syrischen Grenze zu sein.
Bereit zum Einsatz: Der Flugzeugträger "Nimitz" ist aus dem Arabischen Meer zum Roten Meer vorgerückt, um möglichst nah zur syrischen Grenze zu sein.(Foto: dpa)

Angriff auf Syrien: USA planen offenbar 72-Stunden-Krieg

Der US-Einsatz gegen das Assad-Regime soll länger dauern als bislang bekannt. US-Präsident Obama plant offenbar einen dreitägigen Angriff. Auch ein Flugzeugträger im Roten Meer könnte zum Einsatz kommen.

Die USA planen offenbar einen intensiveren und längeren Militäreinsatz in Syrien als bislang bekannt. Wie die Zeitung "Los Angeles Times" unter Berufung auf zwei US -Regierungsvertreter berichtete, bat das Weiße Haus das Verteidigungsministerium um eine erweiterte Liste mit "vielen weiteren" als den bislang vorgesehenen rund 50 Zielen für Angriffe in Syrien. Ziel sei es, zusätzliche Feuerkraft zu mobilisieren, um den stark zerstreuten Streitkräften von Machthaber Baschar al-Assad Schaden zuzufügen.

Das Pentagon plant dem Bericht zufolge nun, Luftwaffen-Bomber, fünf im Mittelmeer stationierte Zerstörer sowie außerhalb der syrischen Flugabwehr abgefeuerte Marschflugkörper und Luft-Boden-Raketen einzusetzen. Zudem könne auch der Flugzeugträger "Nimitz", der mit einem Kreuzer und drei Zerstörern im Roten Meer patrouilliert, Marschflugkörper abfeuern.

Nach jedem Einsatz werde es eine Auswertung geben, welche Ziele verfehlt worden seien, sowie gegebenenfalls weitere Angriffe und "das alles binnen 72 Stunden", sagte ein mit der Planung vertrauter US-Vertreter der Zeitung.

In Syrien sind bei den Kämpfen zwischen Regierung und Opposition mehr als 100.000 Menschen gestorben, Millionen sind in die Nachbarländer geflohen. Allein bei der mutmaßlichen Chemiewaffenattacke nahe Damaskus am 21. August sollen hunderte Menschen getötet worden sein. Die USA machen Assad für den Angriff verantwortlich.

Viele Amerikaner lehnen Syrien-Einsatz ab

Die USA planen, Syrien für den mutmaßlichen Giftgasangriff gegen die Opposition mit einem Militärschlag abzustrafen. Aus Sicht Washingtons muss dafür der Bericht der UN-Giftgasexperten nicht abgewartet werden. US-Präsident Barack Obama will sich nun die Zustimmung des Kongresses zum geplanten Militärschlag gegen das syrische Regime mit einer Informationskampagne sichern. Obama führt an diesem Montag Interviews mit sechs Fernsehsendern, bevor er am Dienstagabend (Ortszeit) eine Rede an die Nation hält.

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Bislang ist es alles andere als sicher, dass Obama im Kongress eine Mehrheit für den Waffengang gegen das Assad-Regime gewinnen kann. Sollte er die Abstimmungen in Senat und Abgeordnetenhaus verlieren, wäre das nach Einschätzung von Experten die bisher schwerste Niederlage seiner Amtszeit.

Experten rechnen kaum mit einer entscheidenden Abstimmung vor dem kommenden Wochenende. Im Senat werden erste Voten zu Verfahrensfragen frühestens Mitte der Wochen erwartet. Über den Zeitplan des Abgeordnetenhauses herrschte zunächst völlige Unklarheit. Dort zeichnet sich breiter Widerstand ab. Nach Medienberichten haben 218 der 435 Abgeordneten bereits zu erkennen gegeben, dass sie gegen eine Militäraktion stimmen würden oder zu Ablehnung neigten. Im Senat stehen die Chancen zwar besser, aber auch hier muss Obama zittern.

In weiten Teilen der US-Bevölkerung treffen Obamas Syrien-Pläne auf offenen Widerstand. Viele Bürger befürchten, dass ihr Land wieder in einen fernen Krieg gezogen wird. Das Weiße Haus hat den Einsatz von Bodentruppen bereits ausgeschlossen.

Laut einer aktuellen Studie des Pew Research Center befürworten nur 29 Prozent der Bürger einen US-Militäreinsatz in Syrien. 48 Prozent sind dagegen. Eine Umfrage von ABC News und der "Washington Post" kam zu ähnlichen Ergebnissen - hier waren sechs von zehn Amerikaner gegen einen Einsatz der USA im Alleingang.

Merkel rechtfertigt Zögern

Bundeskanzlerin Angela Merkel will dagegen, dass der Bericht der UN-Inspekteure abgewartet wird, bevor weitere Maßnahmen ergriffen werden. In Deutschland wurde die nachträgliche Zustimmung der Bundesregierung zu der von den USA eingebrachten Syrien-Erklärung indes scharf kritisiert. Grünen-Parteichefin Claudia Roth sprach von einem "abenteuerlichen Zickzackkurs", die SPD kritisierte ein "unwürdiges Hin und Her". Die Linke sah in der von allen großen EU-Staaten unterzeichneten Erklärung einen Beitritt zur "Koalition der Kriegswilligen".

Merkel rechtfertigte ihr Zögern vom Freitag damit, dass man zuerst eine einheitliche Position der EU-Staaten habe finden müssen. Rückendeckung erhielt sie vom Fraktionschef der Union, Volker Kauder: "Es war richtig, dass die Bundesregierung erst die Haltung der EU-Mitgliedsländer abgewartet hat. Die Kanzlerin versuche ja gerade alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine abgestimmte internationale Haltung herbeizuführen, um irgendwie das Morden in Syrien eines Tages zu beenden und jetzt eine Eskalation noch zu vermeiden", sagte er bei n-tv.de. Wer das kritisiere, erweist allen Friedensbemühungen um Syrien einen schlechten Dienst.

Der Iran warnte die Europäische Union vor einer Unterstützung eines US-Militäreinsatzes gegen das syrische Regime. Dort warte ein Minenfeld, sagte der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani. "Die Amerikaner sind sich nicht bewusst, dass der Anfang dieser Krise vielleicht einfach erscheint, das Ende aber sehr höllisch werden könnte", sagte Laridschani nach Angaben der Agentur Isna. Der Iran steht im Syrien-Konflikt auf der Seite von Präsident Assad.

Assad weist Vorwürfe von sich

Die "Bild am Sonntag" berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, das deutsche Spionageschiff "Oker" habe vor der syrischen Küste Funkgespräche abgehört. Danach sollen syrische Offiziere seit Monaten auf den Einsatz von Giftgas gedrängt haben. Die von den Kommandeuren verlangten Giftgasangriffe seien stets abgelehnt worden. Der Giftgaseinsatz sei wahrscheinlich nicht von Assad persönlich genehmigt worden.

Assad wies indes den Vorwurf, die Attacke vom 21. August veranlasst zu haben, in einem Interview zurück: "Er bestritt, von einem Chemieangriff gewusst zu haben", sagte der CBS-Journalist Charlie Rose. "Das wichtigste ist, so sagte er, dass es 'nicht genug Beweise gibt, dass ich chemische Waffen gegen mein eigenes Volk eingesetzt habe'." Das Interview soll am Montagmorgen ausgestrahlt werden. Rose sagte, Assad habe gesagt, sie seien auf einen US-Militärangriff so gut vorbereitet wie möglich. Der syrische Machthaber habe das amerikanische Volk aufgefordert, sich beim Kongress gegen eine Intervention einzusetzen.

Derweil übernahmen syrische Aufständische nach Angaben von Aktivisten und Bewohnern die vollständige Kontrolle über den christlichen Wallfahrtsort Maalula nahe Damaskus übernommen. In der Nacht habe es heftige Kämpfe zwischen einfallenden Regierungstruppen und bewaffneten Rebellen gegeben, sagte der Leiter der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman. Den Aufständischen sei es aber gelungen, "die Kontrolle über die gesamte Stadt zu übernehmen", fügte er hinzu.

Papst fordert ein Ende der Gewalt

Papst Franziskus geißelte in einem neuen Friedensappell für Syrien Waffengeschäfte als möglichen Hintergrund für den dortigen Bürgerkrieg und vergleichbare Konflikte. Tausende Gläubige waren abermals zum Petersdom geströmt, um mit Franziskus für ein Ende des Blutvergießens zu beten. "Lasst uns mit neuem Einsatz für eine gerechte Lösung in dem mörderischen Konflikt arbeiten", sagte der Papst.

Bei der Erteilung des Angelus-Segens wich das Oberhaupt der katholischen Kirche von seinem Redetext ab. Er fragte sich nach den Motiven hinter Konflikten wie in Syrien: "Sind es wirklich Kriege für Probleme - oder Handelskriege, um bei illegalen Geschäften Waffen zu verkaufen?" Vom Vatikan sandte er seine Botschaft an die Weltgemeinschaft: "Nein zu mörderischem Hass und Lügen, derer man sich bedient; zu Gewalt in jeder Form; zur Verbreitung von Waffen und zum illegalen Handel damit."

Erst am Vortag hatten rund 70.000 Menschen gemeinsam mit Franziskus für Frieden in Syrien gebetet. In einer vierstündigen Messe auf dem Petersplatz rief der Papst zur Beendigung des Krieges auf, "der immer eine Niederlage der Menschheit ist". Die Verantwortlichen müssten einen "anderen Weg einschlagen" als den des Krieges. "Die Gewalt und der Krieg sind die Sprache des Todes", sagte der Argentinier.

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Quelle: n-tv.de

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