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Ein Kampfjet hebt vom chinesischen Flugzeugträger Liaoning ab.
Ein Kampfjet hebt vom chinesischen Flugzeugträger Liaoning ab.(Foto: imago stock&people)

Im Pazifik wird Geschichte geschrieben: USA und China streiten um mehr als Felsen

Von Christoph Herwartz

US-Vizepräsident Biden versucht in Peking, den Konflikt um die Senkaku-Inseln zu entschärfen. Die Diplomatie kann nicht darüber hinwegtäuschen: Langfristig lassen sich die Interessen Chinas und der USA nicht miteinander vereinbaren.

Auf den ersten Blick sind die Senkaku-Inseln ein eher unbedeutender Ort auf der Welt. Auf der größten der Inseln ist weniger Platz als auf der Hallig Hooge in der deutschen Nordsee. Es gab dort einmal Fabriken zur Verarbeitung von Fisch und Albatrosfedern, doch das ist schon über 70 Jahre her. Seitdem wohnt und arbeitet auf den Inseln niemand mehr. Trotzdem begeben sich Japan und China im Kampf um die trostlosen Inseln in diplomatische Verstrickungen. Beide Länder betrachten die Gegend als ihr Staatsgebiet. Nach den japanischen verlangen seit einigen Tagen auch die chinesischen Behörden, dass ihnen Flugzeuge gemeldet werden, die sich dorthin bewegen. Weil sich die USA und Japan demonstrativ nicht daran halten, will China nun Kampfjets in die Region verlegen. Der chinesische Flugzeugträger ist unterwegs, auch ein US-amerikanischer Carrier ist nicht weit.

Die Luftverteidigungszonen von China und Japan. Die neu deklarierte Zone Chinas reicht in das Gebiet hinein, das nach japanischer Ansicht zu Japan gehört. Zum Vergrößern auf die Karte klicken.
Die Luftverteidigungszonen von China und Japan. Die neu deklarierte Zone Chinas reicht in das Gebiet hinein, das nach japanischer Ansicht zu Japan gehört. Zum Vergrößern auf die Karte klicken.

Der Inselstreit wirkt wie eine diplomatische Posse, ein Kräftemessen ohne echtes Ziel. Zwar vermuten Geologen rund um Senkaku Erdöl, doch das ist nicht das Entscheidende in diesem Konflikt. Es geht um viel größere Fragen, wegen denen auch der US-Vizepräsident Joe Biden gerade in Asien unterwegs ist. "Ein Großteil der Geschichte des 21. Jahrhunderts wird im asiatisch-pazifischen Raum geschrieben", sagte ein Sprecher Bidens, bevor dieser nach Japan aufbrach. Die trans-pazifische Partnerschaft, an der die USA arbeiten, soll einmal 40 Prozent der Weltwirtschaft umfassen. In den kommenden Jahren werden Millionen von Menschen in die Mittelschicht aufsteigen – für die USA werden die Märkte in Asien dadurch noch wichtiger.

Wer wird der pazifische Hegemon?

Was erst einmal nach wirtschaftspolitischen Fragen klingt, hat für beide Seiten auch militärische Relevanz. Es geht darum, die Seewege zu schützen, über die der Welthandel abgewickelt wird. Die Senkaku-Inseln - in China heißen sie Diaoyou - stehen symbolisch für die Routen, über die Schiffe den Hafen von Schanghai ansteuern oder verlassen. Auch Peking wird über das Ostchinesische Meer erreicht, das vom Pazifik durch eine Kette japanischer Inseln getrennt ist. Senkaku ist dieser Inselkette an ihrem westlichen Ende vorgelagert. Japan, Südkorea und Taiwan, die alle von den USA protegiert werden, umzingeln damit die wichtigsten Wirtschaftszentren Chinas. Der Blick auf die Landkarte zeigt, wie leicht sich eine Seeblockade einrichten ließe, wenn diese Länder ihre Gewässer für chinesische Schiffe sperrten. Sollte China den Streit um die Senkaku-Inseln gewinnen, hätte es dieses Problem noch lange nicht gelöst. China will aber verhindern, dass die USA und Japan ihr Einflussgebiet nach und nach ausbauen.

Joe Biden mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe. Die USA und Japan sind enge Verbündete.
Joe Biden mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe. Die USA und Japan sind enge Verbündete.(Foto: REUTERS)

Doch genau das ist der erklärte Plan der USA. Viele Staaten im Westpazifik schwanken bei der Frage, ob sie sich an China oder die USA binden sollen. Mit Freihandelsabkommen, Entwicklungshilfe und dem Aufbau von Armeestützpunkten versuchen die Vereinigten Staaten, ihr Einflussgebiet zu erweitern. Früher stellten die USA das transatlantische Verhältnis in ihrer Strategie ganz nach vorne, also das Verhältnis zu Europa. Vor zwei Jahren rief die Obama-Regierung nun "Amerikas pazifisches Jahrhundert" aus: Die Bündnisse mit Europa sollen zwar bestehen bleiben, aber ergänzt werden durch ähnliche Verbindungen nach Asien. Zuvor wenig beachtete Staaten wie die Philippinen, Thailand und Indonesien werden wie Japan, Südkorea und Australien zu wichtigen Partnern. Oder anders ausgedrückt: Die USA wollen mehr und mehr pazifische Staaten von sich abhängig machen und so zur Hegemonialmacht in der Region werden. Dazu verlegen sie den größten Teil ihrer Streitkräfte in die Region. Schon gut die Hälfte der US-Marine ist dort stationiert, weitere Schiffe sollen aus dem Atlantik in den Pazifik verlegt werden. Sechs Flugzeugträger sollen dazugehören, außerdem neue U-Boote.

USA und China bringen sich in Stellung

China rüstet ebenfalls auf. Im September 2012 nahm es seinen ersten Flugzeugträger in Betrieb. Mittlerweile sei er kampfbereit, meldet die chinesische Regierung. Der offizielle Verteidigungsetat des Landes steigt seit Jahren um jeweils 10 bis 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Derzeit liegt er bei fast 90 Milliarden Euro. Wahrscheinlich gibt das Land aber für das Militär noch wesentlich mehr Geld aus, das in anderen Etats versteckt ist. Vor gut einem Jahr hatte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton die Lage sehr deutlich beschrieben: "Zwei Nationen versuchen etwas, das es in der Geschichte niemals vorher gegeben hat – nämlich eine neue Antwort auf die Frage zu geben, was passiert, wenn eine etablierte Macht auf eine aufstrebende Macht stößt." Bislang habe es in einer solchen Situation stets Krieg gegeben.

Im Inselstreit um Senkaku klopfen sich die beiden Seiten gegenseitig ab und testen ihre Reaktionen. In der aufgeladenen Situation reist Barack Obamas Stellvertreter Biden durch die Region. Nach einem Besuch in Japan ist er heute in China. Das Risiko von Unfällen und Fehleinschätzungen sei erhöht, sagte er gestern in Tokio. Die USA seien zutiefst besorgt über die Vorgänge im Ostchinesischen Meer. In Peking sollte es eigentlich um eine Vertiefung der Beziehungen zwischen den USA und China gehen. Der gemeinsame Handel verbessert in beiden Ländern den Wohlstand und ist gleichzeitig die beste Versicherung gegen eine Eskalation von Konflikten. So lange beide Seiten wirtschaftlich aufeinander angewiesen sind, wird es ihnen leichterfallen, in Fragen wie dem Inselstreit langfristig haltbare Lösung zu finden. Stattdessen muss Biden nun erst einmal versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Quelle: n-tv.de

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