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20.000 Euro pro Flug - so viel sparen europäische Fluglinien angeblich pro Flug nach Asien, durch die kurzen Routen über Sibirien.
20.000 Euro pro Flug - so viel sparen europäische Fluglinien angeblich pro Flug nach Asien, durch die kurzen Routen über Sibirien.(Foto: picture alliance / dpa)

Aeroflot droht Engpass: Überflugverbot schadet auch Russland

Von Christian Rothenberg

Die neuen EU-Sanktionen sind noch gar nicht beschlossen, aber Russland kündigt schon mal Gegenmaßnahmen an. Zum Beispiel ein Überflugverbot. Dies würde jedoch nicht nur die europäischen Fluglinien und ihre Passagiere viel Geld kosten.

Die Regierung in Moskau droht mit neuen Strafmaßnahmen gegen den Westen. Für den Fall neuer EU-Sanktionen will der Kreml ein Überflugverbot für westliche Fluglinien verhängen. Doch was hat es damit auf sich? n-tv.de erklärt, was eine solche Luftraumsperre für Konsequenzen hätte.

Was beabsichtigt die russische Regierung mit einem Überflugverbot?

Regierungschef Dmitri Medwedew sagte der russischen Zeitung "Wedomosti": "Wenn westliche Gesellschaften unseren Luftraum meiden müssen, kann das zum Bankrott vieler Fluggesellschaften führen, die schon jetzt ums Überleben kämpfen." Medwedew versicherte, Russland wünsche eine solche Entwicklung nicht. "Es ist ein schlechter Weg. Die Sanktionen gegen uns haben nicht zu mehr Frieden in der Ukraine geführt."

Wie stark wären westliche Fluglinien betroffen?

Für Flüge von Europa nach China, Japan oder Korea sind vor allem die Routen über Sibirien interessant. Eine Sperre träfe daher die Anbieter in diesen Ländern sowie die großen europäischen Fluggesellschaften Air France, British Airways und Lufthansa. Die Lufthansa fliegt etwa 180 Mal pro Woche über Sibirien. Die Alternativrouten etwa über den persischen Golf würden nicht nur deutlich länger dauern, sondern auch sofort zusätzliche Millionenkosten verursachen.

Wie viel Mehrkosten hätten die Fluglinien zu erwarten?

Die Lufthansa fliegt pro Woche etwa 180 Mal über Sibirien.
Die Lufthansa fliegt pro Woche etwa 180 Mal über Sibirien.(Foto: picture alliance / dpa)

Die russische Luftfahrtbehörde beziffert die Kosten, die europäischen Fluggesellschaften dank der kurzen Routen derzeit noch beim Sprit einsparen, auf mehr als 20.000 Euro pro Flug. Einer Schätzung des russischen Luftfahrtexperten Boris Rybak zufolge würde eine Sperrung des russischen Luftraums die Fluggesellschaften etwa 100 bis 200 Millionen Dollar pro Jahr kosten.

Gibt es keine Alternativen?

Doch, theoretisch schon. Europäische Fluggesellschaften könnten ihre asiatischen Partner die Routen über Russland übernehmen lassen. Die Lufthansa kooperiert bei ihren Flügen nach Asien etwa mit der japanischen All Nippon Airways.

Was sagen die deutschen Fluggesellschaften zu der möglichen Luftraumsperre?

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft und die Lufthansa wollten sich zu einem möglichen Überflugverbot nicht äußern. Air Berlin und Tuifly, die zweit- und drittgrößte deutsche Fluggesellschaft, wären von dem Überflugverbot nicht betroffen. Air Berlin bietet nur Flüge nach Moskau an, die von der Luftraumsperre vermutlich nicht betroffen wären. Bei Verbindungen, die über den russischen Flugraum hinweg in andere Länder führen, arbeitet die Fluglinie mit ausländischen Gesellschaften zusammen. Tuifly fliegt überhaupt nicht nach oder über Russland. Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, rechnet nicht mit einer kompletten Sperrung des russischen Luftraums. "Es werden wohl eher einzelne Verbindungen gestrichen oder die Gebühren erhöht", sagte Handwerg.

Würde ein Überflugverbot auch Russland selbst treffen?

Ja, und zwar nicht gerade geringfügig. Russland verdient bisher kräftig an den Fliegern im eigenen Luftraum. 200 bis 300 Millionen Euro zahlen europäische Airlines jährlich an Überfluggebühren. Seit Sowjetzeiten leitet Russland einen großen Teil seiner Überflugeinnahmen an die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot weiter. Rund 200 Millionen Euro soll die Gesellschaft auf diesem Weg im vergangenen Jahr eingenommen haben, was ziemlich genau ihrem Netto-Gewinn entsprach. Ohne die Gebühren droht Aeroflot ein Millionen-Engpass. Dabei steckt das Unternehmen ohnehin schon in finanziellen Schwierigkeiten, erst im August stellte es die gerade gegründete Billig-Fluglinie Dobroljot wieder ein. Nicht nur die Überfluggebühren könnten den Russen verloren gehen. Europa könnte seinerseits mit einem Überflugverbot für russische Maschinen kontern. Deren Wege nach Nordamerika würden sich damit ebenfalls deutlich verlängern.

Warum gibt es eigentlich Überfluggebühren?

Der Streit um Gebühren für Sibirien-Überflüge zwischen Russland und den europäischen Fluggesellschaften ist schon alt. Russland ist weltweit das einzige Land, das Überfluggebühren erhebt. Die Regierung in Moskau erklärte stets, wegen "technischer Probleme" könne es auf die Gebühren nicht verzichten. Bis 2012 blockierte die EU wegen der Zahlungen einen Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation.

Gab es schon mal eine solche Luftraumsperre?

Ja, zum Beispiel während des Kalten Krieges. Damals durften westliche Fluggesellschaften nicht durch den russischen Luftraum nach Asien fliegen. Auf dem Weg über den Polarkreis mussten sie stattdessen eine Route über den Persischen Golf oder den US-Flughafen Anchorage in Alaska wählen.

Quelle: n-tv.de

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