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Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist längst so.
Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist längst so.(Foto: picture alliance / dpa)

Adoptionsrecht für Homosexuelle erweitert: Veraltetes Familienbild aufgeben

Ein Kommentar von Solveig Bach

Hat in einer Homo-Ehe einer der Partner bereits ein Kind adoptiert, kann es nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts auch der andere annehmen. Damit richten wieder einmal die Verfassungsrichter, was die Politik einfach nicht zustande bekommt: die völlige Gleichstellung aller Familienformen zum Wohle der Kinder.

Schwule und Lesben dürfen künftig die Kinder, die ihre Partner bereits adoptiert haben, ebenfalls adoptieren. Das ist eine gute Nachricht, auch wenn sich die Zahl der betroffenen Eltern und Kinder auch künftig im Promillebereich bewegen wird. Denn kein halbwegs menschliches Familienbild kann es gutheißen, wenn Lebenspartnern, die die Kinder ebenfalls betreuen und umsorgen, die Adoption verwehrt bleibt.

Dabei geht es um weit mehr, als nur um einen rechtlichen Titel. Vielmehr bekommen die Kinder verbindlich einen weiteren Erwachsenen an die Seite, der nicht nur Bezugsperson sein, sondern auch Verantwortung übernehmen will. Sowohl Juristen als auch Soziologen sind sich darin längst weitgehend einig. Das hat die mündliche Anhörung in Karlsruhe noch einmal mehr als deutlich gemacht.

Die Adoption hat für die Eltern, vor allem aber für die Kinder nur Vorteile. Sie gewinnen mehr familiäre und dazu noch Rechtssicherheit. Denn mit der Adoption werden beide Elternteile unterhalts- und fürsorgepflichtig. Sollte derjenige der Eltern sterben, der das Kind zunächst adoptiert hat, bleibt dem Kind noch ein zweiter Sorgeberechtigter, der seine Interessen ebenfalls vertreten darf. So wie in der Mutter-Vater-Kind-Familie auch.

Gute Familien für Kinder

Das wird nun nicht nur in den verhandelten Fällen, einem Frauenpaar mit einem bulgarischen Adoptiv-Kind und einem Männerpaar mit einem adoptierten Kind aus Rumänien, für Klarheit sorgen. Im Streit um das Verbot der sogenannten Sukzessiv-Adoption kamen einige Sachverständige zu Wort. So wurde in einer Studie im Auftrag von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die Lebenssituation von Kindern in sogenannten Regenbogenfamilien untersucht.

Und siehe da: Es geht ihnen ebenso gut wie in anderen Familien, wenn nicht sogar besser. Mit Blick auf schulische Leistungen und die Beziehung zu ihren Eltern sind die Unterschiede zwischen Kindern in beiden Lebensformen nur sehr gering. Doch die Regenbogenkinder verfügen laut Studie über "ein höheres Selbstwertgefühl und mehr Autonomie". Das werden vor allem jene zähneknirschend zur Kenntnis genommen haben, die noch immer meinen, dass die psychosoziale Entwicklung von Kindern in Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen kaum "normal" verlaufen kann.

Auch ein Kind mit zwei Mamas kann verstehen, dass zu seiner Entstehung zwei Geschlechter vonnöten waren. Und auch ein Kind mit zwei Papas kann andere Frauen als soziale Bezugspersonen haben und damit auch Weiblichkeit in seinem Leben erleben. Befürchtungen, Kinder aus diesen Verbindungen würden später auch die gleichgeschlechtliche Liebe bevorzugen, dürfen gleich ganz ins Reich der Homophobie verwiesen werden.

Veraltete Familienbilder

Künftig darf ein homosexueller Partner ein Kind adoptieren und der andere Partner dann auch. Noch immer ist es allerdings nicht möglich, dass ein gleichgeschlechtliches Paar gemeinsam ein fremdes Kind annimmt. Das ist absurd und macht nur allzu deutlich, woran ein großzügigeres Adoptionsrecht bisher vor allem scheitert: Nämlich daran, dass Homo-Paare noch immer gesellschaftlich diskriminiert sind. So wie es Alleinerziehende und wilde Ehen ohne Trauschein auch einmal waren. Das liegt vor allem daran, dass Politiker es nur zu gern Richtern überlassen, für wirkliche Gleichstellung zu sorgen. Das betrifft nicht nur dieses Urteil, sondern auch zahlreiche Richtersprüche der Vergangenheit und ebenso das im Sommer erwartete Urteil zum Ehegattensplitting für homosexuelle Paare.

In einer Art Salami-Taktik haben sich auf diese Art und Weise die rechtlichen Bedingungen für Regenbogenfamilien ständig verbessert. Das begann im Jahr 2000 mit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft, es folgten die Angleichung bei  Familienzuschlägen und bei der Erbschaftssteuer bis hin zur Möglichkeit der Stiefkindadoption und dem heutigen Urteil. Nun wäre es höchste Zeit, das Adoptions- und Steuerrecht komplett anzugleichen. Dann wäre Familie einfach das, wo Kinder leben, ob nun in der Vater-Mutter-Kind-Variante, als Patchworkfamilie, bei alleinerziehenden Elternteilen oder in einer Regenbogenfamilie. Und entscheidend wäre, dass es den Kindern dort gut geht.

Quelle: n-tv.de

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