Politik
Die des Bündnisses "Friedenswinter" vor dem Schloss Bellevue, dem Dienstsitz des Bundespräsidenten.
Die des Bündnisses "Friedenswinter" vor dem Schloss Bellevue, dem Dienstsitz des Bundespräsidenten.

Berliner demonstrieren gegen Gauck: Verschwörung für den Frieden

Von Christoph Herwartz, Berlin

Aus Unzufriedenheit über die deutsche Russland-Politik geht die Friedensbewegung wieder auf die Straße. Sie macht dabei zwei Fehler.

"Wer ist denn die hübsche Blonde auf der Bühne?", fragt ein Demonstrant. "Die ist von Russia Today", antwortet eine Demonstrantin. "Ah, ja", sagt der Demonstrant. "Wie schön." Die beiden stehen vor dem Berliner Hauptbahnhof und verstecken sich, soweit es geht, in ihren Winterjacken. Die hübsche Blonde namens Lea Frings führt sie durch das Programm. Trotz der Kälte sind es laut Polizei allein in Berlin 3300 Menschen, die frierend für den Frieden demonstrieren. Auch in anderen Städten gibt es Demos.  Für die Friedensbewegung ist das ein erster Erfolg. In den 1970er und 1980er Jahren konnte sie Hunderttausende zu Demos zusammenbringen, 2014 kamen zu keinem der Ostermärsche mehr als ein paar Hundert. Ein neuer Anfang könnte gemacht sein.

(Foto: dpa)

Die Furcht vor einen Krieg in Europa treibt offenbar viele Deutsche um. Diejenigen, die hier zusammengekommen sind, geben die Schuld für diese Gefahr der Nato, also dem Westen. Von "Kriegshetze" ist die Rede und von einem "Feldzug gegen Russland". "Stahlhelm ab, Herr Gauck", steht auf einigen Schildern. Seit sich der Bundespräsident Anfang des Jahres dafür ausgesprochen hat, Deutschland solle mehr "Verantwortung in der Welt" übernehmen, ist er zum Lieblingsgegner der Pazifisten geworden. Darum ziehen die Demonstranten an diesem Nachmittag zu Gaucks Dienstsitz, dem Schloss Bellevue.

Was sind das für Leute, die mit dem "Friedenswinter" eine Gegenbewegung zum Kurs der deutschen Außenpolitik schaffen wollen? Man sieht die Logos der Lehrer-Gewerkschaft GEW, der Kommunisten-Partei DKP, der "Ärzte zur Verhinderung des Atomkrieges" und der Linkspartei. Vor allem aber haben viele Demonstranten selbstgemalte Pappen und Laken mitgebracht, manche Schilder sind nicht größer als ein DIN-A4-Blatt. Ein Mann hält einfach nur ein Windlicht in der Hand.

Zwei alte Bekannte

(Foto: dpa)

Der Marsch vom Hauptbahnhof zum Schloss des Bundespräsidenten läuft weitgehend ruhig und gesittet. Als ein paar Jugendliche am Rande still eine Israel-Fahne hochhalten, werden sie von zwei Demonstranten angeblafft. Ein Polizist murmelt besorgt in sein Funkgerät, doch die Situation beruhigt sich schnell wieder. Vorne fahren zwei LKW mit, der eine dient als mobile Rednerbühne. Auf einmal taucht auf dem anderen Ken Jebsen auf, ein ehemaliger Radiomoderator. Er schnappt sich ein Mikrofon und redet einfach gegen den offiziellen Redner an. Verstehen kann ihn nur, wer zufällig in der Nähe steht. Es sagt irgendetwas über den "Spiegel", dann ist er wieder weg.

Der wortgewandte Ken Jebsen und die hübsche Blonde Lea Frings sind zwei der Figuren, wegen der die neu belebte Friedensbewegung in die Kritik geraten ist. Jebsen fiel durch antisemitische Äußerungen auf und verlor seinen Job als Radiomoderator beim RBB. Frings arbeitet für den russischen Propaganda-Sender RT Deutsch. Der bringt angeblich Nachrichten, die sonst "verschwiegen" werden, oft genug aber eben einfach gelogen sind. Jebsen und Frings waren an den "Mahnwachen für den Frieden" beteiligt, auf denen im Sommer die absurdesten Verschwörungstheorien, insbesondere solche über Juden, verbreitet wurden. Dass Frings und Jebsen den Aufruf zum "Friedenswinter" unterzeichneten, wurde als Vereinigung der Verschwörer-Mahnwachen mit der Friedensbewegung gedeutet. Vier Bundestagsabgeordnete der Linkspartei störten sich dran nicht; auch die Vize-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht steht zu dem Aufruf.

Ein kleiner Hitler im Bundespräsidenten?

Auf Jebsen als offiziellen Redner haben die Organisatoren verzichtet. Frings hielt zwar keine eigene Rede, übernahm aber eine Art Moderatoren-Rolle. Im Publikum störte sich niemand daran. Die Vereinigung zwischen der erlahmten klassischen Friedensbewegung und den obskuren Mahnwachen ist also geglückt. Allerdings dürfte die Fusion auch dazu führen, dass sich Politiker der Mitte mit der Bewegung nicht mehr auseinandersetzen. Die Friedensbewegung hat sich selbst diskeditiert.

Es gibt noch einen weiteren Fehler, den die Organisatoren machen. So legitim es ist, die deutsche Außenpolitik zu kritisieren – die Redner gehen wesentlich weiter. Vor dem Schloss Bellevue macht sich der Parodist Reiner Kröhnert über den Bundespräsidenten lustig, indem er dessen pastorale Art nachäfft. Dann wird er auf einmal laut und rollt das "R" wie Adolf Hitler in seinen Reden. Heroisch lobt er "Urrrsula von der Leyen, das Fleisch geworrrdene Mutterkrrreuz". Dann, wieder im Gauck-Tonfall, entschuldigt er sich: "Da ist mein Herz mit mir durchgegangen." Im Bundespräsidenten steckt ein kleiner Hitler – so muss man die Szene wohl verstehen.

Die Friedensbewegten mahnen, dass gerade die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen müssen. Viel zu wenig werde an die beiden Weltkriege erinnert, beschwert sich ein Redner. Doch sie selbst nehmen es mit der Geschichte nicht so genau. Der Ex-Priester Eugen Drewermann kritisiert, dass der Westen Russland "in die Zange" nehme: "Die Nato ist das aggressivste Bündnis, das die Menschheit je gesehen hat", fabuliert er ausgerechnet in der Stadt, in der Hitler regierte und die von Stalin in die Knie gezwungen wurde. Doch die Leute klatschen.

Quelle: n-tv.de

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