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Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler wird Hitler von Anhängern umjubelt.
Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler wird Hitler von Anhängern umjubelt.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

30. Januar 1933: "Viele Deutsche wollten Hitler"

Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Hindenburg den Chef der NSDAP zum Reichskanzler. Binnen weniger Wochen bringt Hitler den Staat unter seine Kontrolle. "Die Geschichte des Nationalsozialismus bis zum Januar 1933 ist eine Geschichte seiner Unterschätzung", sagt der Historiker Dietmar Süß. Und er betont, "dass ein erheblicher Teil der Deutschen den Nationalsozialismus wollte".

n-tv.de: Wenn es um den 30. Januar 1933 geht, ist meist von "Machtergreifung" die Rede. War es das überhaupt, eine Machtergreifung?

Dietmar Süß: Ich wäre sehr zurückhaltend, diesen Begriff zu benutzen, weil man damit der Selbstdarstellung der Nationalsozialisten aufsitzt. "Machtergreifung" ist eigentlich ein nationalsozialistischer Propagandabegriff.

Was halten Sie von "Machtübertragung"?

Dieser Begriff weist darauf hin, welche Gruppierungen daran mitgewirkt haben, Hitler an die Macht zu bringen. Das waren die alten konservativen Eliten: Reichspräsident Hindenburg und die sogenannte Hindenburg-Kamarilla, Aristokraten, Teile des Militärs. Sie gingen davon aus, dass sie Hitler zum Reichskanzler machen, aber das Heft des Handelns selbst in der Hand behalten können. Sie sahen Hitler als Figur, die man beherrschen kann.

Trotzdem sind Sie mit "Machtübertragung" nicht zufrieden?

Wahlplakat der Reichspräsidentenwahl 1932. Hindenburg stand nicht nur gegen das System der Zwietracht, sondern auch gegen das System von Weimar.
Wahlplakat der Reichspräsidentenwahl 1932. Hindenburg stand nicht nur gegen das System der Zwietracht, sondern auch gegen das System von Weimar.(Foto: AP)

Ich würde eher von Machteroberung sprechen. Zwar haben die alten Eliten Hitler an die Macht gebracht. Aber es war auch ein Prozess, der ganz stark von Gewalt und Eskalation getragen war.

Wie konnten die alten Eliten Hitler so unterschätzen?

In der Wahrnehmung der Zeitgenossen hatten Hitler und die NSDAP in diesem Januar den Gipfel ihres politischen Erfolgs schon überschritten. Das Ergebnis der Reichstagswahl vom November 1932 ließ die Vermutung zu, dass die NSDAP nicht weiter wachsen würde. Viele Konservative, die der Republik zwar feindselig gegenüberstanden, aber selbst keine Nationalsozialisten waren, gingen Ende 1932, Anfang 1933 davon aus, dass die Sache mit Hitler bald vorbei sein würde. Erst nachdem Hitler Reichskanzler wurde und sich das Konzept der "Zähmung" nicht durchsetzen ließ, merkte man, dass man Hitler unterschätzt hatte. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Geschichte des Nationalsozialismus bis zum Januar 1933 ist eine Geschichte seiner Unterschätzung.

Wer waren die Wähler der NSDAP?

Seit den Wahlen von 1930 gelang es der NSDAP, die unterschiedlichsten sozialen Schichten für sich zu gewinnen. Die Nationalsozialisten wurden nicht nur von jenen gewählt, die unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise litten, sondern auch von denen, die Angst vor dem sozialen Abstieg hatten: Es waren die Mittelschicht und erhebliche Teile der Arbeiterschaft, die die NSDAP wählten. Sie ist daher "eine Volkspartei mit Mittelstandsbauch" genannt worden. Das ist auch das Beunruhigende am Aufstieg der NSDAP: dass es eine, vielleicht die erste deutsche Volkspartei war. Nach 1930 war die NSDAP im Wesentlichen eine bürgerlich-protestantische, auch stark ländlich geprägte Partei, die ihre größten Wahlerfolge in Ostelbien und in Ostpreußen, aber auch im protestantischen Mittelfranken hatte und dort am schwächsten war, wo der Anteil der katholischen Bevölkerung am größten war.

Warum waren Katholiken vergleichsweise immun gegenüber den Nationalsozialisten?

Im deutschen Protestantismus gab es eine starke Fixierung auf die Obrigkeit, auf den Staat, der Protestantismus war national ausgerichtet. Umgekehrt hatten sich die Katholiken in Deutschland immer als Minderheit gefühlt, es gab eine enge Bindung an Rom und damit eine Orientierung jenseits der Nation. Zudem gab es bei den Katholiken eine stärkere Imprägnierung gegen innerweltliche Erlösungsideale. Aber man darf natürlich auch nicht den Fehler machen, so zu tun, als hätten die Katholiken überhaupt nicht die Nationalsozialisten gewählt. Es gab eine ganze Reihe von Katholiken, die 1933 "Heil Hitler" riefen.

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Schon am 4. Februar 1933 erließ Hindenburg die "Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes", mit der eine Reihe von Freiheiten ausgeschaltet wurde. Im Rückblick ist es recht überraschend, wie schnell das alles passierte.

Das ging auch den Zeitgenossen so, auch für sie kam das Ende der Republik von Weimar überraschend schnell.

Wie erklären Sie dieses Tempo?

Ein ganz wesentlicher Grund ist, dass ein erheblicher Teil der deutschen Gesellschaft mit dem politischen System der Weimarer Republik längst abgeschlossen hatte und die Entwicklungen im Februar und März 1933 mit Sympathie betrachtete: zum Beispiel die "Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes", mit der Presse- und Versammlungsfreiheit beschnitten wurden. Die Weimarer Republik war parlamentarisches System, das nicht nur formal ausgehöhlt worden war, sondern dem auch seine Unterstützer abhanden gekommen waren. Das machte das Spiel für Hitler umso leichter.

Ist das auch der Grund, warum im Reichstag am 23. März 1933 nur noch die SPD gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte? Oder glaubten Konservative und Liberale, sie kämen ungeschoren davon, wenn sie mit Ja stimmen?

Angst spielte bei dieser Abstimmung eine ganz zentrale Rolle. Man kann den Mut des SPD-Vorsitzenden Otto Wels, der an diesem Tag die letzte Rede zur Verteidigung der Demokratie im Reichstag hielt und darin das Nein der Sozialdemokraten begründete, gar nicht hoch genug einschätzen. Im Reichstag herrschte eine gewalttätige Atmosphäre: Wels' Rede wurde von Pfiffen begleitet, viele seiner Genossinnen und Genossen waren in den Tagen zuvor in "Schutzhaft" genommen und verprügelt worden, die Abgeordneten der KPD fehlten vollständig, weil auch sie in Haft oder untergetaucht waren. Es gab aber auch so etwas wie eine Selbstgleichschaltung der ehemals demokratischen Parteien, weil es eine Teilidentität der Ziele gab zwischen den bürgerlichen und konservativen Parteien und der NSDAP. Am Ende blieb nur die Sozialdemokratie als Verteidigerin der Republik.

Haben die Kommunisten eine Verantwortung für den Untergang von Weimar?

Die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten spielten natürlich eine zentrale Rolle bei der Destabilisierung der Weimarer Republik. Und man findet kaum einen Kommunisten, der das parlamentarische System der Weimarer Republik mit Sympathie begleitete. Es sind die demokratiefeindlichen Kräfte von Links und Rechts, die Weimar in die Zange nahmen. Die Hauptverantwortung für den Untergang der Weimarer Republik tragen aber die alten Eliten und die Nationalsozialisten.

Schon im März 1933, vor der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, war in Dachau das erste Konzentrationslager eröffnet worden. War die Existenz dieses Lagers allgemein bekannt?

Dass in Dachau ein Konzentrationslager eröffnet wurde, stand in der Zeitung, daran war nichts heimlich. Auch die Verhaftungen fanden in aller Öffentlichkeit statt. Das Neue an Dachau war die Größe des Lagers und die Systematik des Terrors. Vor der Eröffnung am 20. März hatte es schon eine ganze Reihe sogenannter wilder Lager gegeben: Hinterhöfe oder SA-Heime, in denen geschlagen, gefoltert und gemordet wurde.

Dietmar Süß lehrt Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Jena.
Dietmar Süß lehrt Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Jena.(Foto: privat)

Wann werden die Konzentrationslager zu Vernichtungslagern? Erst im Krieg?

Die eigentlichen Vernichtungslager entstanden erst nach Kriegsbeginn. Die Übergänge waren zwar fließend. Aber Dachau im Jahr 1933 unterscheidet sich doch ganz erheblich von Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern. Typisch für die Geschichte des Nationalsozialismus nach 1933 ist ein fortwährender Radikalisierungsprozess der Gewalt.

Wäre es übertrieben, zu sagen, dass 1933 im Kern alles bereits angelegt war, was bis 1945 passierte? Etwa die Verfolgung der Juden im "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"?

Ich glaube, dass die historische Situation damals deutlich offener war, als es im Rückblick erscheint. Das Spezifische für den Nationalsozialismus, Hitlers Ideologie, diese Mischung aus Rassismus und Vernichtungspolitik, war 1933 für alle sichtbar. Dennoch konnte man 1933 noch nicht prognostizieren, dass die Entwicklung später in Auschwitz enden würde.

Zum Schluss: Bitte drei Gründe, warum die Nationalsozialisten an die Macht gekommen sind.

Ein wichtiger Grund war, dass die Weimarer Republik ihre demokratische Basis verloren hatte. Es gab in dieser Demokratie nicht genug Demokraten. Ein zweiter Grund war, dass ein erheblicher Teil der Deutschen den Nationalsozialismus wollte. Seit 1932 war die NSDAP die stärkste Fraktion im Reichstag und noch über die Wählerschaft hinaus gab es viele, die für Hitler große Sympathien hegten. Damit verbunden ist drittens eine Art von Erlösungshoffnung, die mit der Figur Hitler verbunden war.

Worin besteht die historische Lehre des 30. Januar 1933?

Der 30. Januar zeigt, wie dünn das Fundament geworden ist, auf dem die Demokratie in Weimar stand. Und er zeigt, wie wichtig es ist, sich für funktionierende parlamentarische Spielregeln einzusetzen und sich aktiv gegen Rechtsextreme zur Wehr zu setzen.

Mit Dietmar Süß sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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