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Flüchtlinge in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin.
Flüchtlinge in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin.(Foto: imago/IPON)

Schlägereien, Angst und Ohnmacht: Viele Flüchtlinge sind schwer traumatisiert

Von Solveig Bach

Sie kommen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea. Sie fliehen vor Krieg, Konflikten und Verfolgung. Sie haben Schreckliches erlebt und drohen daran zu zerbrechen. Traumatherapeuten beobachten den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland mit Sorge.

Millionen Menschen fliehen weltweit vor Krieg, Verfolgung und Armut. Sie lassen ihre bisherigen Leben hinter sich und machen sich auf. Einfach irgendwohin, wo sie nicht um ihr Leben fürchten müssen, wo sie leben, arbeiten und ihre Kinder aufziehen können. Sie treibt die Hoffnung, dass es nur besser werden kann.

Und tatsächlich sind sie mit ihrer Ankunft in Deutschland zunächst einmal in Sicherheit. Aber sie sind auch traumatisiert, sagt der Traumatherapeut Udo Baer im Gespräch mit n-tv.de. Dänische, norwegische und deutsche Wissenschaftler haben herausgefunden, dass weit über die Hälfte aller Asylsuchenden schon in der Heimat ein traumatisches Erlebnis hatte. Das kann eine Vergewaltigung sein, ein tätlicher Angriff, vielleicht haben sie Kampfhandlungen miterlebt oder bei Hinrichtungen zusehen müssen. Es könnte aber auch alles zusammen gewesen sein, weiß Baer.

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Die Flucht ist dann für viele erneut traumatisierend. Dabei sei es egal, ob man mit dem Flugzeug kommt oder über das Meer. "Das Ausgeliefertsein an Schlepper lässt die Menschen eine existenzielle Abhängigkeit fühlen." Bei jedem zweiten Ankömmling stellten Psychologen ein ausgeprägtes posttraumatisches Stresssyndrom fest, das sämtliche Kriterien der klinischen Definition erfüllte. Daraus könnte eine Traumafolgestörung werden, also eine psychische Krankheit, denn nicht immer reichen die Selbstheilungskräfte der Menschen aus.

Noch keine Sicherheit

Kommen die Flüchtlinge in Deutschland an, hört der traumatisierende Prozess nicht einfach auf. "Einerseits sind sie erleichtert, weil sie es geschafft haben. Andererseits haben die Asylsuchenden noch einen absolut unsicheren Status." Die große Frage lautet: Wird man bleiben können? In dieser Verfassung erreichen die Neuankömmlinge die Erstaufnahmestellen und werden oftmals in einer Massenunterkunft untergebracht. Auch wenn es wegen der hohen Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge dazu kaum eine Alternative gibt, ist das aus therapeutischer Sicht eine Katastrophe.

"Zu einem Trauma gehört, dass man sich existenziell bedroht fühlt und das nicht bewältigen kann. Was Traumatisierte deshalb als Erstes brauchen, ist Sicherheit und Stabilität." Genau die gibt es aber in einer überfüllten Turnhalle nicht. Nicht nur bleibt die Entscheidungsfreiheit für das eigene Leben extrem eingeschränkt. Es kommen auch Erinnerungen an die schlimmen Erlebnisse vor und während der Flucht wieder hoch. Manche Flüchtlinge erleben sie in Flashbacks immer wieder.

"Wir sehen Kinder, die sind noch so voll von dem Schrecken, dass sie in der Schule gar nichts lernen können, auch kein Deutsch", beschreibt Baer das Problem. "Die müssen erstmal ganz viel malen und darüber reden, so gut das geht. Nach drei Wochen sind viele so weit entlastet, dass sie plötzlich die Sprache ganz schnell lernen, weil sie wieder offen sind." Vor allem Kinder erweisen sich als wahre Überlebenskünstler. Baer sieht aber auch Jugendliche, die auf ihren Handys die Folterbilder aus Syrien austauschen. Er deutet das als einen verzweifelten Versuch, etwas von dem Schrecken zu teilen. "Aber damit löst sich nichts."

Kochen, Malen und Kakao

Viele Mitarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften ahnen kaum, wie es den Menschen dort geht. Im schlimmsten Fall werden sie überrascht, wenn es wie aus heiterem Himmel zu heftigen Schlägereien unter jenen kommt, die doch froh sein müssten, der Gewalt entkommen zu sein. Dabei kann die Traumatisierung diese Vorfälle teilweise erklären. Für den Therapeuten Baer ist es ein weiteres Symptom: "Traumatisierte Menschen haben Strukturen erlebt, da ging es nur noch um Macht, es gab Täter und es gab Opfer. Eine bestimmte Form von Aggressivität entwickelt sich sowieso, wenn Menschen zusammen eingesperrt werden. Aber wenn das traumatisierten Menschen passiert, entlädt sich auch das Trauma darin."

Baer forscht seit Jahrzehnten über Traumata und Möglichkeiten, sie zu heilen. "Ein Trauma ist eine seelische Wunde und entscheidend ist, ob es danach Solidarität und Mitgefühl, Verständnis, Wärme  gibt", sagt er. Das sei wie bei einem gebrochenen Bein. "Das heilt auch mit Schiene, Tabletten, Schonung, Kakao und Krankenbesuch besser."    

Es brauche nicht viel, aber es brauche immer ein Eingehen auf die Traumata. Deshalb findet auch Baer die Beschleunigung von Asylverfahren gut, weil sie den Flüchtlingen zu einer verlässlichen Zukunftsaussicht verhilft. Ein zweiter Punkt sei ehrenamtliche Hilfe für die verwundeten Seelen der Flüchtlinge. Viele deutsche Nachbarn bringen Decken oder Lebensmittel, man könne aber auch mit Flüchtlingskindern malen und mit den Eltern musizieren oder kochen. Das würde auch die Beklemmung der extremen Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins mildern. Denn das Gefühl der Selbstwirksamkeit sei heilend. "Dafür müssen die Helfer geschult und angeleitet werden, damit die Menschen getröstet werden und auch das Leid und den Schrecken loswerden können."

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Quelle: n-tv.de

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