Politik

Merkel: Für die "Sicherheit unseres Landes": Vier deutsche Soldaten gefallen

Nicht einmal zwei Wochen nach einem tödlichen Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan muss Deutschland erneut um gefallene Soldaten trauern. Bei einem Taliban-Angriff sterben vier deutsche Soldaten, fünf werden verwundet. Kanzlerin Merkel spricht den Angehörigen ihr Beileid aus, betont aber zugleich, es gebe keine Alternative zu der Mission.

Erst vor wenigen Tagen wurden in Deutschland drei Soldaten zu Grabe getragen.
Erst vor wenigen Tagen wurden in Deutschland drei Soldaten zu Grabe getragen.(Foto: REUTERS)

Nach dem Tod von vier deutschen Soldaten in Nordafghanistan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) deren Angehörigen ihr Beileid ausgesprochen. "Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei den Angehörigen, aber genauso bei den Soldaten im Einsatz", sagte Merkel am Rande ihres Besuchs im kalifornischen San Francisco. Sie habe Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der nach dem tödlichen Beschuss in das Bundeswehr-Feldlager Masar-i-Scharif zurückflog, gebeten, "den Soldaten mein Beileid zu überbringen". Es sei aber auch wichtig, dass die Soldaten in diesem schwierigen Einsatz "die Unterstützung von uns allen haben".

Merkel: Einsatz dient der Sicherheit Deutschlands

Die Kanzlerin verteidigte erneut den Einsatz in Afghanistan. Dieser diene "der Sicherheit unseres Landes" und müsse fortgesetzt werden, "damit wir die Übergabe in Verantwortung an die afghanischen Kräfte eines Tages auch wirklich durchführen können". Das Bundestagsmandat für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan müsse nach ihrer Einschätzung nicht geändert werden. Dies sei eine Grundlage dafür, dass die Soldaten ihre Arbeit und ihren Auftrag erfüllen könnten. Die Bundesregierung habe immer sehr deutlich gemacht, "dass dieser Einsatz leider mit großen Gefahren verbunden ist".

Gefecht dauert sechs Stunden

Bei dem bis zum Abend andauernden Gefecht nahe der im Norden gelegenen Stadt Baghlan waren am Donnerstag vier deutsche Soldaten getötet und fünf weitere teils schwer verletzt worden. Wie das Einsatzführungskommando in Potsdam mitteilte, bleiben die Einheiten aber am Ort der rund sechs Stunden dauernden Kämpfe. Der Beschuss der deutschen Patrouille hatte sich im Rahmen einer größeren Operation ereignet, die die Bundeswehr zusammen mit anderen ISAF-Truppen und afghanischen Soldaten gegen die Taliban führt.

Bei der Attacke erlitt die Bundeswehr die schwersten Verluste in Afghanistan seit dem Sommer 2003. Seit Beginn des Einsatzes in dem Land am Hindukusch im Jahr 2002 sind insgesamt 43 deutsche Soldaten ums Leben gekommen, 26 von ihnen bei Anschlägen oder Gefechten. Erst am Karfreitag hatten drei deutsche Soldaten bei einem Gefecht mit Taliban in der Provinz Kundus ihr Leben verloren, acht waren verletzt worden.

ISAF-Operation geht weiter

Das Einsatzführungskommando in Potsdam teilte mit, die Soldaten seien gegen Donnerstagmittag deutscher Zeit auf Patrouille von dem Angriff überrascht worden. Ob es auch unter den Taliban Verletzte oder Tote gab, wisse man noch nicht. Zunächst ging die Bundeswehr von Beschuss mit einer Rakete aus, später kamen Zweifel daran auf. Die afghanische Polizei sprach von einem Sprengsatz.

Im sächsischen Frankenberg  wird bei einem Appell für  Afghanistan-Heimkehrer der Panzergrenadierbrigade 37 der vier Gefallenen gedacht.
Im sächsischen Frankenberg wird bei einem Appell für Afghanistan-Heimkehrer der Panzergrenadierbrigade 37 der vier Gefallenen gedacht.(Foto: dpa)

Die Soldaten, die vermutlich dem kleinen Wiederaufbauteam im nordöstlichen Feisabad angehörten, kamen aus verschiedenen Einheiten in Deutschland. Unter den fünf Verwundeten waren zwei Schwerverletzte. Einer der Verletzten wurde in Kundus, die anderen vier im Feldlager Masar-i-Scharif behandelt.

Die gemeinsam mit afghanischen Soldaten und ISAF-Truppen geführte militärische Operation ging weiter. Nach unbestätigten Meldungen hatten die Soldaten Taliban von einer Brücke in der Nähe der Stadt Baghlan vertreiben wollen, als die Rakete ihr gepanzertes Fahrzeug vom Typ Eagle IV traf. Von diesem Fahrzeug hatte das Verteidigungsministerium am Vormittag weitere 60 Stück bestellt. Unklar war, wie viele der getöteten und verwundeten Soldaten sich in dem Fahrzeug befanden. Außerdem wurde ein gepanzerter Yak-Transporter getroffen. Dieser Fahrzeugtyp wird oft als Sanitätswagen eingesetzt.

Keine Mandatsänderung

(Foto: dpa)

Merkel sagte am Rande ihres USA-Besuches in San Francisco, wichtig sei, dass die Soldaten wüssten, dass die Bundesregierung hinter ihnen stehe. "Dieser Einsatz ist gefährlich. Das wissen wir. Aber wir müssen diesen Einsatz fortführen und wir müssen ihn auf der Grundlage des sehr sorgfältig ausgearbeiteten Mandates fortführen." Forderungen nach einer Änderung des Mandates hatte es aus der SPD gegeben.

Auf die Frage, ob der Einsatz politisch noch zu rechtfertigen sei und Unterstützung in der Bevölkerung habe, sagte Merkel: "Ich glaube, dass es keine vernünftige Alternative gibt." Es gehe auch darum, Sicherheit in Deutschland und allen westlichen Demokratien zu erhalten. Vergangene Woche hatte die Kanzlerin am Begräbnis der drei am Karfreitag getöteten Soldaten teilgenommen - es war das erste Mal, dass sie bei einer solchen Trauerfeier für tote Soldaten zugegen war.

Guttenberg kehrt zur Truppe zurück

Guttenberg (r) spricht mit Generalinspekteur Wieker (l) und Brigadegeneral Leidenberger in Temes.
Guttenberg (r) spricht mit Generalinspekteur Wieker (l) und Brigadegeneral Leidenberger in Temes.(Foto: REUTERS)

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der in den vergangenen Tagen die deutschen Truppen in Afghanistan besucht hatte, sagte in Termes in Usbekistan, er sei tieftraurig über die Opfer. Der Minister, der auf dem Rückweg nach Deutschland in Usbekistan zwischengelandet war, kehrt mit Generalinspekteur Volker Wieker nach Afghanistan in den deutschen Standort Masar-i-Scharif zurück, "um bei unseren Soldaten zu sein". Er hatte zum Zeitpunkt des Vorfalls das deutsche Feldlager in Feisabad besucht - und war damit nicht unmittelbar in der Region des Gefechts.

Politiker sprechen Mitgefühl aus

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich bestürzt und erklärte, der Angriff treffe "alle Deutschen". SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Parteichef Sigmar Gabriel äußerten sich "tief erschüttert". Linken-Chef Oskar Lafontaine unterstrich die Forderung nach einem Ende des Einsatzes in Afghanistan. Die Grünen- Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin forderten von der Bundesregierung, rasch alle Informationen offenzulegen, "wie es zu dieser neuerlichen Tragödie innerhalb kürzester Zeit kommen konnte".

Der Bundeswehrverband verlangte, die Soldaten schnell mit den nötigen Waffen auszurüsten. "Es macht uns alle sehr betroffen, dass es erst des Todes und schwerer Verwundungen weiterer Kameraden bedurfte, um diesen überfälligen Schritt zu gehen", erklärte der stellvertretende Bundesvorsitzende Wolfgang Schmelzer.

Der scheidende Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, sagte weitere Angriffe und damit auch Opfer voraus, wenn die neue Strategie umgesetzt wird, bei der die Soldaten stärker in der Fläche operieren sollen. Im ZDF forderte er eine stärkere Diskussion über diese Gefahr, damit die Öffentlichkeit nicht davon überrascht wird. In der "Bild"-Zeitung verlangte er, die von ihm seit Jahren angemahnten Ausstattungs- und Ausbildungsdefizite so schnell wie möglich abzustellen.

Quelle: n-tv.de

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