Politik
Angela Merkel umgeben von Parteispitzen: Die Stimmungskanonen kamen aus der Jungen Union.
Angela Merkel umgeben von Parteispitzen: Die Stimmungskanonen kamen aus der Jungen Union.(Foto: imago/Stefan Zeitz)
Montag, 25. September 2017

CDU-Schock fällt kurz aus: "Voll muttiviert"

Von Judith Görs

Der Wahlabend endet für die Christdemokraten versöhnlich: Zwar schmerzt der unerwartet hohe Stimmenverlust, doch die CDU bleibt an der Macht - und die Kanzlerin im Amt. Kopfschmerzen verursacht indes die Koalitionsfrage.

Auf die Junge Union ist Verlass. Im von Menschenmassen aufgeheizten Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses in Berlin-Tiergarten stehen sie - Schulter an Schulter, mit loyalem Blick und nimmermüdem Enthusiasmus. Sie haben einen langen Wahlkampf hinter sich. Er soll nicht in Schockstarre enden. Also rufen sie: "Angie, Angie!" Trotz allem. Vielleicht rufen sie etwas zu laut und ganz sicher etwas zu selbstbewusst angesichts des miesen Wahlergebnisses der CDU - aber die Kanzlerin goutiert es, kurz bevor sie die Bühne in der CDU-Zentrale verlässt. "Um die Jugend unseres Landes muss uns nicht bange sein", sagt Angela Merkel - und es klingt wie ein tröstendes Schulterklopfen.

32,8 Prozent. Nein, dieses Ergebnis war so nicht zu erwarten gewesen. Als die erste Prognose auf den Bildschirmen im Festzelt an der Klingelhöferstraße erscheint, herrscht für einige Minuten Stille. Letzte Umfragen vor der Wahl hatten die Christdemokraten noch bei mindestens 36 Prozent gesehen. Sicher ebenfalls kein Ruhmesblatt - aber auch kein Ergebnis, bei dem Parteifreunden vor Schreck das Weißweinglas aus der Hand rutscht. "Ich bin sehr enttäuscht", sagt Peter Thedieck aus Osnabrück. Seit 30 Jahren wählt er CDU. Er ist sich sicher, dass die Partei und ihre Chefin auch für die Flüchtlingspolitik abgestraft wurden. Profitiert hat davon die Rechte.

Selbst zwei Stunden nach der ersten Hochrechnung schüttelt Thedieck verständnislos den Kopf, wenn er den Balken der AfD auf dem Bildschirm sieht. Für die Flüchtlingspolitik, sagt der 68-Jährige, weist der Wähler Merkel die Schuld zu. Auch, wenn es einen Schuldigen in dieser Frage nicht geben könne. Er stehe nach wie vor zur Kanzlerin, sagt er - und er teilt diese Ansicht mit vielen anderen an diesem Abend. Wer nachfragt, hört bestenfalls leise Kritik an der CDU-Chefin. Merkel müsse sich in der kommenden Legislaturperiode besser mit Europa abstimmen, meint etwa Hans Samson aus Ahlen in Nordrhein-Westfalen. Der deutsche Alleingang in der Flüchtlingskrise - auch an der Basis hat er Spuren hinterlassen.

Respekt für den Koalitionspartner

Doch nicht nur das treibt die Mitglieder um. Als SPD-Vize Manuela Schwesig keine halbe Stunde nach der ersten Hochrechnung vor den Kameras der Bundespresse die Absage ihrer Partei an eine Neuauflage der Großen Koalition verkündet, bricht im Konrad-Adenauer-Haus plötzlich doch noch geräuschvolles Analysieren aus. Von Schadenfreude angesichts des historischen Absturzes der Sozialdemokraten kann allerdings keine Rede sein. Hier und da fallen sogar Worte des Respekts: Die SPD habe die richtige Konsequenz gezogen aus dem Wahlergebnis, heißt es. Dass damit auch die AfD ihre Führungsrolle in der Opposition einbüßt - noch besser. Der Groko weint tatsächlich niemand mehr eine Träne nach.

Die Alternative - und es gibt eben nur die eine - bleibt eine große Wundertüte: "Jamaika" ist für die Wenigsten innerhalb der Union eine Wunsch-Koalition. Zu weit gehen die Themen der Parteien (und die Charaktere ihrer Parteivorsitzenden) auseinander. Die jüngste Forderung von FDP-Chef Christian Lindner, eine Koalitionszusage nur dann machen zu wollen, wenn das Finanzressort in liberale Hände fällt, kommt an der CDU-Basis nicht besonders gut an. Und dann sei da ja auch noch Seehofer, raunzt ein Parteimitglied. Mit seinen Sticheleien gegen Merkel hat der bayerische Ministerpräsident bei der Schwesterpartei einiges an Kredit verspielt.

Die Katerstimmung, so steht es zumindest zu befürchten, könnte also weit über den Morgen nach der Wahl hinausgehen. Merkel selbst zeigt sich jedoch - wie üblich - zuversichtlich. Bis Weihnachten solle die neue Regierung stehen, sagt sie am Abend in der "Berliner Runde" von ARD und ZDF - trotz schwieriger Koalitonsverhandlungen. Ein Zweckoptimismus, der zumindest den Plakaten nach zu urteilen bei der Jungen Union ins Blut übergegangen zu sein scheint. Ganz nach dem Motto: "Voll muttiviert".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen