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Martin Schulz willl von nationaler Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen.
Martin Schulz willl von nationaler Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen.(Foto: dpa)
Donnerstag, 24. November 2016

Martin Schulz geht nach Berlin: Vom "Sausack" zum Kanzlerkandidaten?

Von Issio Ehrich

Martin Schulz kandidiert nicht mehr für den Posten des EU-Parlamentspräsidenten. Der starke Wahlkämpfer könnte Kanzlerin Merkel herausfordern.

An einem Abend im Jahr 1994, kurz nachdem Martin Schulz das erste Mal das Mandat als Europaabgeordneter bekommen hatte, spaziert er durch das leere Parlament in Straßburg. "Da will ich hin", sagt der SPD-Politiker und zeigt auf den Stuhl des Parlamentspräsidenten. So wird es zumindest erzählt.

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Die Geste erinnert an Gerhard Schröder. Der frühere Kanzler der SPD rüttelte einst am Zaun des Kanzleramtes und sagte: "Ich will da rein." So weit ging Schulz zwar noch nicht. Doch der Mann, der es vom einfachen Abgeordneten zum Präsidenten des EU-Parlaments schaffte, ist machtbewusst und wird schon lange als potenzieller SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl gehandelt. Jetzt, da er seinen Abschied aus dem EU-Parlament angekündigt hat, bekommt diese Personalie eine neue Dringlichkeit. Wer ist Schulz? Und was ist über seine Pläne bekannt?

"Ich werde nun von der nationalen Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen", sagt Schulz, nachdem er seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur als Parlamentspräsident erklärt hat. Er bezeichnet die EU als die "größte zivilisatorische Errungenschaft der vergangenen Jahrhunderte" und verspricht, dabei zu helfen, die Gräben, die sich zwischen Ländern und in Gesellschaften auftun, wieder zuzuschütten. "Wir brauchen Europäer, die einstehen für ihre Werte und Überzeugungen."

Schulz sagt das nicht nur so, weil solche Worte angesichts des Brexits und des Aufstiegs rechtspopulistischer Politiker auf dem Kontinent gerade so viele bemühen. Die befriedende Wirkung der EU für Europa und der Kampf gegen Nationalismus sind prägende Elemente in Schulzes Biografie.

Der schwierige Start eines "Sausacks"

Der Sohn eines Polizeibeamten und einer Hausfrau kommt 1955 in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Hehlrath zur Welt. Der Zweite Weltkrieg wirkt in seiner Familie besonders nach. Ein Onkel stirbt bei Minenräumarbeiten im nahen Belgien und löst aus, was Schulz der "taz" zufolge später als "Familientrauma" beschrieben haben soll. Auch deswegen sei ihm Europa und der Kampf gegen Nationalismus so wichtig.

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In seinen jungen Jahren muss Schulz noch viele schwer zu verkraftende Schicksalsschläge ertragen. Seine Pläne, Fußball-Profi zu werden, muss er Ende der 1970er-Jahre nach einer Knieverletzung begraben. Er ist nach eigenen Angaben ein "Sausack" von Schüler und schafft den Abschluss nicht. Eine Lehre als Buchhändler kann er zwar beenden, doch schon als Jugendlicher verfällt er dem Alkohol, so sehr, dass ihn laut "Zeit Online" und "Spiegel" Selbstmordgedanken umtreiben.

Freunde und Familie helfen Schulz dabei, sich noch einmal zu fangen. Schulz ändert sein Leben, baut seinen eigenen Buchladen auf, engagiert sich in der SPD. Mit nur 31 Jahren wird er Bürgermeister von Würselen. Aus einer teils düsteren Jugend heraus entwickelt sich eine beeindruckende politische Karriere.

Perfekte Besetzung für den Kapo?

Im Europaparlament macht Schulz sich schnell als hartnäckiger und streitbarer Abgeordneter einen Namen. Den früheren italienischen Ministerpräsident Silvio Berlusconi piesackt er 2004 so sehr, dass dieser sich zu wüsten Beschimpfungen hinreißen lässt: "Herr Schulz, ich weiß, dass es in Italien einen Produzenten gibt, der einen Film über Nazi-Konzentrationslager dreht", so Berlusconi damals. "Ich werde Sie für die Rolle des Kapo empfehlen. Sie sind perfekt!" Berlusconis krude Entgleisung macht Schulz international bekannt.

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Zuletzt zog Schulz den Zorn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf sich, weil er Gedankenspiele über Sanktionen wegen der Verhaftungswellen in der Türkei anstellte. Erdogan nannte Schulz einen "Flegel", fragte, wer er denn überhaupt sei, sich so herablassend über die Türkei zu äußern.

Auch, weil Schulz sich wie im Falle Berlusconis und Erdogans selten verbal zurücknimmt, sorgt er dafür, dass das Amt des Parlamentspräsidenten, das er 2012 übernimmt, mehr Aufmerksamkeit bekommt denn je.

Oft wird Schulz, der gern plaudert, aber auch vorgeworfen, allzu leichtsinnig mit seinen Worten umzugehen. So sorgte er bei einem Auftritt in der israelischen Knesset für einen mittelschweren Eklat, weil er Vorwürfe wegen des Umgangs mit Palästinensern erhob. Die Vorwürfe basierten auf Falschaussagen, die Schulz nicht prüfte.

Will Gabriel?

Dass er ein starker Wahlkämpfer ist, bewies Schulz im vergangenen Europawahlkampf. Zwar erhaschte er nicht den erhofften Posten des EU-Kommissars, doch der Mann, der sechs Sprachen beherrscht (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Holländisch) stellte immer wieder unter Beweis, dass er gern mit den Menschen auf der Straße spricht und in Reden überzeugen kann. In der SPD gilt Schulz als beliebter als Parteichef Sigmar Gabriel, dem wohl prominentesten potenziellen Anwärter auf die Spitzenkandidatur der Sozialdemokraten.

Ob Schulz Kanzlerkandidat wird, dürfte dennoch vor allem von Gabriel abhängen. Der hadert offensichtlich noch damit, ob er die Sache selbst machen möchte – zum einen, weil Kanzlerin Merkel wohl nicht zu besiegen ist, zum anderen, weil Gabriels Frau im Februar ein zweites Kind erwartet. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert Weggefährten des Parteichefs, die ihm eine große Sehnsucht nach einem erfüllten Familienleben nachsagen.

Klar ist: Sollte Gabriel sich für den Posten entscheiden, wird Schulz kaum die Konfrontation suchen. Wagt es Gabriel dagegen nicht, ist eine Kandidatur von Schulz wahrscheinlich – denn dann gibt es nicht mehr viele Alternativen. Seit klar ist, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident wird, bliebe eigentlich nur noch der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz.

Ob Schulz bald auch auf das Kanzleramt zeigen und sagen wird, "Da will ich hin", wird sich spätestens im Januar entscheiden. So sieht es der Zeitplan der Sozialdemokraten vor. Offiziell, weil man es anders machen will als die CDU. Aus der Parteispitze heißt es: Erst sollten die Inhalte für den Wahlkampf stehen, der Kandidat sei dann die logische Folge.

Quelle: n-tv.de

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