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Frauen sind im Beruf nicht schlechter, nur schlechter bezahlt.
Frauen sind im Beruf nicht schlechter, nur schlechter bezahlt.(Foto: picture alliance / dpa)

Gleiches Geld für gleiche Arbeit: Warum Frauen weniger verdienen

von Johannes Graf

Ist das gerecht? Deutschen Unternehmen ist die Arbeit von Frauen und Männern noch immer nicht gleich viel wert. Das Statistische Bundesamt meldet: Der Abstand zwischen den Durchschnittsgehältern liegt bei noch immer einem Viertel. Doch ist diese Zahl überhaupt aussagekräftig? Und woher kommt dieses Missverhältnis?

Es klingt schön plakativ: Frauen in Deutschland verdienen 23 Prozent weniger als Männer. So verkündet es das Statistische Bundesamt. 23 Prozent - das ist fast ein Viertel. Bringt ein Mann im Jahr zum Beispiel 50.000 Euro mit nach Hause, stecken in der Lohntüte einer Frau nur 38.500 Euro. Diese eklatanten Zahlen verschicken die Statistiker zum "Equal Pay Day", dem Tag im Jahr, an dem Frauen den Gehaltsunterschied zu Männern aufgeholt haben. Das ist in diesem Jahr der 23. März.  

Doch ein genauer Blick lohnt. Denn diese Statistik zeichnet ein etwas vereinfachtes Bild. 23 Prozent beträgt der Gehaltsunterschied nämlich nur, wenn alle Faktoren, die dafür verantwortlich sein könnten, nicht berücksichtigt werden - Berufsgruppen, Erfahrungen, Alter, Ausbildung. Und ehrlicherweise liefert das Bundesamt etwas weiter unten im Pressetext auch einen um diese Einwände bereinigten Wert. Er liegt bei 8 Prozent. Andere Experten, wie die vom arbeitgebernahen Institut für Wirtschaft in Köln, errechnen eine Lücke von 4 Prozent. Sei es wie es sei: Egal wie hoch  die Unterschiede nun sind, sie bestehen.

Rentnerinnen leiden unter größerem Missverhältnis

Und im europäischen Vergleich liefert Deutschland ein jämmerliches Bild ab. Für 2011 liegt zwar noch kein Vergleich vor, doch Eurostat-Auswertungen aus dem Jahr 2009 zeigen, wie schwer es Frauen hierzulande haben: In nur drei EU-Ländern – Österreich, Tschechien und Estland – geht die Schere noch weiter auseinander. Zugrunde liegen hier für Deutschland unbereinigt 23 Prozent. Da das Missverhältnis 2011 ebenso groß ist, dürfte sich im Abgleich mit den Nachbarn nicht viel geändert haben.

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Ein weiteres Problem schneiden die Daten des Statistischen Bundesamts gar nicht erst an. Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Schirmherrin der gewerkschaftlichen Aktionen zum "Equal Pay Day". Sie findet, dass es eigentlich auch einen "Equal Income Day" geben müsste. "Wenn wir einen solchen Tag betrauern wollten, dann läge der weit im August", sagt Allmendinger. Noch schlimmer sei die Situation bei den Renten: Dort gehe die Schere um fast 60 Prozent auseinander, so die Forscherin.

Dabei sind sich in der Politik fast alle einig, dass gelten sollte: Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Ein Grundsatz, der seit Jahren unbeachtet bleibt. Oder zumindest nicht durchgesetzt werden konnte. Doch was ist zu tun? Wer eine wirksame Strategie sucht, muss die eigentlichen Probleme hinter den nackten Zahlen erkennen. Wissenschaftler setzen sich damit schon seit Langem auseinander.

Frauenberufe mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten

Und die sehen das Problem so: Einer der Hauptgründe für das Missverhältnis liegt in dem, was etwas gestelzt "Arbeitsmarktsegregation" genannt wird. "Gemeint ist, dass sich Frauen und Männer tendenziell für unterschiedliche Berufsfelder entscheiden", sagt die Rostocker Soziologin Heike Trappe n-tv.de. "Das liegt in der Struktur unseres Arbeits- und Erwerbssystems begründet", ergänzt die Forscherin.

In Pflegeberufen arbeiten mehr Frauen als Männer.
In Pflegeberufen arbeiten mehr Frauen als Männer.(Foto: picture alliance / dpa)

Männer sind häufiger in der Produktion, im Handwerk oder in Verwaltungsberufen beschäftigt.  Frauen dagegen arbeiten eher in personenbezogenen Dienstleistungen - im Handel etwa oder im sozialen und pflegerischen Bereich. "Das hat sich historisch so entwickelt. Diese typischen Frauenberufe sind aus dem häuslichen Umfeld heraus entstanden. Und sie werden bis heute noch gesellschaftlich schlechter bewertet", sagt Trappe. Und schlechter bezahlt. In Frauenberufen sind zudem die Aufstiegsmöglichkeiten oft geringer. Wer etwa Erzieherin wird, kann vielleicht Leiterin einer Kindertagesstätte werden. Viel weiter geht es in diesem Beruf aber nicht.

Hinzu kommt: Kindererziehung ist in Deutschland bis heute vorwiegend Frauensache. Um das zu gewährleisten, arbeiten Frauen oft, wenn überhaupt, in Teilzeit. Und die wird mies entlohnt. "In Bruttostundenlöhnen betrachtet, wirkt sich das negativ auf den Verdienst aus", sagt Trappe.

Verhandeln Frauen einfach schlechter?

Ein weiteres verblüffendes Phänomen beschreiben die Bielefelder Wissenschaftler Martin Diewald und Mathias Pollmann-Schult: Frischgebackene Mütter müssen im Beruf - durch den Wechsel in Teilzeitarbeit - oft Gehaltseinbußen hinnehmen, frischgebackene Väter dagegen werden mit Lohnerhöhungen und Beförderungen belohnt.

Noch immer kümmern sich Frauen stärker um den Nachwuchs als Männer.
Noch immer kümmern sich Frauen stärker um den Nachwuchs als Männer.(Foto: picture alliance / dpa)

"Dahinter steht, noch immer, die Vorstellung vieler Arbeitgeber, dass Väter zuverlässigere und stabilere Arbeitskräfte sind", bewertet Trappe die Studienergebnisse. Der Mann als Alleinverdiener, als sorgender und verantwortungsvoller Ernährer, der zum Wohle der Familie im Job alles gibt. Bei Frauen dagegen wird Nachwuchs in Verbindung gebracht mit Ausfallzeiten, wenn die Kinder krank werden und damit, dass sich Frauen stärker auf ihre Familie als auf ihren Beruf fokussieren. Die Logik dahinter: Wieso jemanden befördern, dessen Hauptaugenmerk gar nicht auf seiner Arbeit liegt?

Ähnliche Argumente spielen in den Hinterköpfen von Vorgesetzten auch eine Rolle, wenn sie mit Frauen um Gehaltserhöhungen und Beförderungen verhandeln. Hinzu kommt, dass sich, so haben Psychologen herausgefunden, Frauen in diesen Situationen eher die Butter vom Brot nehmen lassen, als Männer. Nachprüfen lassen sich diese Aussagen aber nicht. Denn entsprechende Studien sind stets unter Laborbedingungen entstanden.

In Deutschland tut sich am wenigsten

Fakt ist: Je höher die Hierarchieebene, desto weniger Frauen sind in der freien Wirtschaft zu finden. Insgesamt sind laut einer Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nur 27 Prozent aller Führungspositionen weiblich besetzt. In den Vorständen der Großkonzerne liegt der Wert dramatisch darunter: Nur 3,2 Prozent der Vorstände sind demnach Frauen. Und selbst wenn es Frauen nach oben schaffen, bleiben Verdienstunterschiede. Das DIW hat zudem errechnet, dass bei Frauen in Führungspositionen ein Fünftel weniger auf dem Gehaltsscheck steht als bei Männern.

Die Unterschiede bestehen also und das schon seit Jahren. Allen politischen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Auch in diesem Jahr fordern zum "Equal Pay Day" Politiker wieder, dass etwas geschehen muss. "Wer die Einkommensschere zwischen Frauen und Männern kleiner machen will, muss bei den Ursachen für die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt ansetzen", lässt etwa Familienministerin Kristina Schröder recht allgemein verbreiten.

Tatsächlich geschehen ist in den vergangenen Jahren dagegen eher wenig. Seit Jahren liegt das Missverhältnis in der Bezahlung auf einem ähnlich hohen Niveau. Und ein Blick auf die Nachbarn ernüchtert: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur Bundesanstalt für Arbeit gehört, gelingt es Deutschland als einzigem EU-Land seit Jahren nicht, den Abstand zwischen Männern und Frauen zu verringern.

Quelle: n-tv.de

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