Politik
Empfang für ankommende Flüchtlinge in Dortmund.
Empfang für ankommende Flüchtlinge in Dortmund.(Foto: REUTERS)

Brite spricht uns das Hirn ab: Warum "Hippie"-Deutschland irritiert

Von Nora Schareika

An vielen deutschen Bahnhöfen stehen Menschen mit Willkommensplakaten und bejubeln ankommende Flüchtlinge. Man kann das seltsam finden. Es hat etwas mit einer sehr deutschen Debatte und einer pragmatischen Kanzlerin zu tun.

In Ungarn oder Mazedonien setzen Polizisten Knüppel und Tränengas gegen Flüchtlinge ein – in Deutschland lassen sie kleine Jungs ihre Mützen aufsetzen und schießen Erinnerungsfotos mit strahlenden Mienen. Südeuropa versucht durchreisenden Migranten den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu machen, während in Deutschland jubelnde Menschen mit Willkommensschildern am Bahnsteig stehen, Bürgermeister und Ministerpräsidenten inklusive.

Der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrandt, sagte an dem Wochenende, an dem 20.000 Flüchtlinge in München ankamen: "Rechtliche Fragen sind mir im Moment nicht so wichtig." Es gehe jetzt vorrangig um humanitäres Management. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte dies "einen Satz, der wirklich bemerkenswert ist, der vielleicht für ein deutsches Spätsommermärchen, für einen deutschen Paradigmenwechsel stehen kann".

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Während viele Ankömmlinge sich tatsächlich wie in einem Märchen vorkommen müssen, wenn sie mit Stullen, Plüschtieren und Jubel empfangen werden, reiben sich unsere Nachbarn offensichtlich verwundert die Augen. In Großbritannien fragt man sich gar: Sind die Deutschen von allen guten Geistern verlassen? Der britische Politologe Anthony Glees polemisierte in Interview mit dem Deutschlandfunk, das Land führe sich auf wie ein Hippie-Staat: ohne Hirn, nur von Gefühlen geleitet. Den Briten mache es Angst, dass die Deutschen, die etwa bei den Griechenlandverhandlungen immer so hart auf die Regeln der EU gepocht hätten, nun plötzlich ebendiese Regeln eigenmächtig außer Kraft setzten. "Man mag über Ungarn denken, was man will. Aber wenn Deutschland sich nicht an die Regeln hält, fällt die ganze EU auseinander", sagte Glees.

Seit Pegida ist das Land gespalten

Ist Deutschland also verrückt geworden? Zunächst einmal: Selbst viele Deutsche waren überrascht von den Bildern aus München oder Saalfeld. Sie waren das krasse Gegenteil von denen aus Heidenau Ende August. In beiden Extremen liegt eine gewisse Verrücktheit, wenn man so will. Die Neonazis und "besorgten Bürger" in Sachsen haben sich in Ängste und Hassgefühle verrannt, manche Euphorische an den Bahnsteigen schlagen ins gegenteilige Extrem um.

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Spätestens seit Pegida ist das Land gespalten. Die einen sehen den Untergang des Abendlandes kommen, die anderen sehen es als Pflicht eines reichen Landes, Kriegsflüchtlingen zu helfen – zumal wenn sie sehen, dass nicht einmal andere EU-Staaten diesen Flüchtlingen würdig helfen wollen. Die Leute, die schon vergangenen Winter wegen einer angeblichen Islamisierung als Pegida und Co. auf die Straßen gingen, waren vielen anderen Deutschen schlichtweg peinlich. Die, die dem etwas entgegensetzen wollen, reißen nun zuweilen ins andere Extrem aus. Der Hinweis, dass es mit einem herzlichen Empfang nicht getan ist und die eigentliche Herausforderung noch kommt, ist an der Stelle wichtig.

Der britische Politik-Professor vergaß abgesehen von alldem noch etwas, das nichts mit der sehr deutschen Debatte zu tun hat. Auch in Ungarn, Österreich, Griechenland und sogar Großbritannien gibt es "Hippies", die an der Fluchtkatastrophe Tausender mit dem Herzen anteilnehmen. So fern vielen Menschen, die in Sicherheit leben, die Kriege in der Welt oft sind: Der Krieg in Syrien und im Irak geht mehr Menschen nahe, als manche meinen. Mit den Flüchtenden, die übermenschliche Strapazen auf sich nehmen, kommt der Krieg in Syrien plötzlich vor die Haustür – und man kann auf einmal etwas Konkretes tun, indem man einzelnen Leuten hilft. In Budapest etwa gab und gibt es eine Vielzahl Freiwilliger, die festsitzenden Flüchtlingen an Bahnhöfen und Grenzübergängen mit warmer Kleidung, Lebensmitteln und Hygieneartikeln weiterhalfen. Manche nahmen sogar syrische Familien mit zu sich nach Hause, boten ihnen eine Dusche und ein Bett. Am Wiener Hauptbahnhof empfingen Helfer die ankommenden Flüchtlinge mit Frühstücksbuffet. Und auch in Großbritannien löste das Foto des toten dreijährigen Aylan Kurdi vor einer Woche eine Stimmung aus, die Premierminister David Cameron strategisch umdenken ließ: Er kündigte an, über fünf Jahre verteilt 20.000 Syrer aufzunehmen. Allerdings sollten diese direkt aus Flüchtlingslagern geholt werden.

Hinter der Willkommenskultur steckt realpolitisches Kalkül

Den Unterschied in Deutschland macht aber in der Tat eine Politik, die – zumindest vordergründig und für den Moment – überraschend gütig und menschlich daherkommt. (Da kann auch ein CSU-Hinterbänkler sich lächerlich machen und fordern, Syrer aus angeblich nicht umkämpften Orten wie etwa Aleppo müssten nach Syrien abgeschoben werden können.) Die neue, gefeierte wie verspottete Willkommenskultur hat auch etwas mit Angela Merkel zu tun. Die Bundeskanzlerin sagte jüngst, die Bilder aus München machten ein Stück weit stolz. Merkel beteiligt sich seit jeher nicht an hitzigen Debatten darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder ob uns die Islamisierung des Abendlandes bevorsteht. Vor einigen Tagen ließ sie bei einer Veranstaltung durchblicken, was sie von derlei Ängsten hält. Wer sich über gläubige Muslime mockiere, solle doch bitteschön selbst mal in den Gottesdienst gehen und sich überlegen, was die Bilder in den Kirchen eigentlich für Geschichten erzählten. Mit der Kenntnis über das christliche Abendland sei es "nicht so weit her" in Deutschland, resümierte die Kanzlerin. "Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch."

Doch Merkel wäre nicht Merkel, wenn die überraschende Öffnung der Grenzen und Herzen nicht auch noch einen zutiefst pragmatischen Gedanken in sich trüge: Die Flüchtlinge wären so oder so nach Deutschland gekommen. Früher oder später, aber ohne die Hilfe eben nach noch mehr Strapazen und mit noch mehr Risiken für die Schwächsten. Die Bundesregierung hätte sich davon überrollen lassen und wie andere europäische Regierungen andere beschuldigen können, versagt zu haben. Nun wurde daraus eine Image-Kampagne, an der Tausende Freiwillige mit Begeisterung teilnehmen. Sie haben das Heft zuerst in die Hand genommen; die Politik sprang nach kurzem Überlegen auf den Zug auf.

Zwar hat Glees durchaus Recht damit, dass Deutschland geltendes Recht missachtet hat. Damit hat es, gerade nach der Paragraphenreiterei in der Griechenlandkrise, aber auch deutlich gemacht, dass das europäische Asylsystem eines ist, auf das man nicht mehr bauen kann. Glees liegt zumindest in diesem Fall falsch damit, wenn er der deutschen Politik das Hirn abspricht. Zutiefst bösartig ist indes das Argument, die netten Menschen in Deutschland hätten nun erst richtig eine Masse von Flüchtlingen inspiriert, sich auf den Weg zu machen. Zwar könnte das wirklich eine Folge der Image-Kampagne sein. Es ignoriert aber, dass der Umgang mit den Flüchtlingen längst für die ganze EU zur Schicksalsfrage geworden ist. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte in seiner ersten Rede zur Lage der Union, um Europa stehe es nicht gut. Er nannte es eine "Frage der Menschlichkeit", die Flüchtlinge aufzunehmen. Nun geht es darum, nicht weniger als eine neue, funktionierende europäische Asylpolitik zu schaffen.

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Quelle: n-tv.de

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