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Ausgerechnet Forschungsministerin Annette Schavan soll bei ihrer Doktorarbeit geschummelt haben.
Ausgerechnet Forschungsministerin Annette Schavan soll bei ihrer Doktorarbeit geschummelt haben.(Foto: picture alliance / dpa)

Schavan blickt bang nach Düsseldorf: Warum Merkel zittern muss

Von Johannes Graf

Wenn sich erweist, dass Bildungsministerin Schavan plagiiert hat, ist im Kabinett Merkel der Teufel los: Die CDU-Frau müsste gehen. Wer sie ersetzen soll? Völlig offen. Und das im Wahljahr 2013. Um den Zerfall der Regierung zu vermeiden, klammert sich Schwarz-Gelb an die letzte Hoffnung: eine milde gestimmte Uni Düsseldorf, die Schavans Promotion gnädig durchwinkt.

Kurz vor Weihnachten gibt Bundesbildungsministerin Annette Schavan der "Welt" ein Interview. Sie bilanziert das zurückliegende Jahr und ist bemüht, auf Sachthemen zu sprechen zu kommen. Doch rasch landen die Gesprächspartner wieder im Jahr 1980. Dem Jahr, in dem Schavan mit ihrer Dissertation über das Thema "Person und Gewissen" die Doktorwürde erlangte. Oder sie sich erschlich, wie Plagiatejäger der CDU-Frau aus Baden-Württemberg unterstellen. "Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Deshalb weise ich die Vorwürfe entschieden zurück", sagt sie zu ihrer Verteidigung. Sie räumt ein, die Anschuldigungen gegen sie empfinde sie als "bedrückend".

Das umstrittene Werk: "Person und Gewissen" von Annette Schavan.
Das umstrittene Werk: "Person und Gewissen" von Annette Schavan.(Foto: picture alliance / dpa)

"Bedrückend" ist ein reichlich beschönigender Ausdruck für das, was der 58-jährigen Doktorin der Erziehungswissenschaften bevorsteht. Auch wenn sich Schavan bislang noch ziert: Der Ministerin ist klar, dass ihre Tage im Kabinett gezählt sind, wenn sich zeigt, dass ausgerechnet die Leiterin des Bildungs- und Forschungsressorts bei ihrer Promotion gemogelt hat. Nach Karl-Theodor zu Guttenberg wäre sie dann die zweite aus Merkels Mannschaft, die den Hut nehmen muss, weil sie sich mit unerlaubten Mitteln Vorteile beim Karrierestart ergaunert hat.

Uni steht vor schwerer Entscheidung

Eine Entscheidung, ob das der Fall gewesen ist, ist noch nicht gefallen. Am 22. Januar tritt der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf zusammen und befasst sich mit der Frage. Von dem Gremium hängt ab, ob ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels eröffnet wird. Möglich, aber eher unwahrscheinlich ist, dass dieses Verfahren dann sofort zu einem Abschluss kommt und verkündet wird: "Schavan ist eine Mauschlerin" - oder eben: "Schavan ist nichts vorzuwerfen". Viel eher wird der Prozess einige Zeit in Anspruch nehmen, die Prüfinstanz sich die Entscheidung nicht leicht machen. Wohl auch, weil die akademische Integrität der Uni auf dem Spiel steht.

Politisch gesehen ist die Lage dagegen einfacher: Schon wenn das Verfahren gegen Schavan eingeleitet wird, werden die Kritiker wieder laut werden. Und wenn der Titel futsch ist, dann wird auch Schavans Karriere passé sein. Und das aus zwei Gründen. Der naheliegende: Als Bildungsministerin kann sie sich dann keinesfalls mehr glaubwürdig in die Belange des Wissenschaftsbetriebs einmischen. Welcher Universitätsdekan hätte noch Respekt vor einer gefallenen Doktorin? Gerne wirft sie in Reden ihre Dissertation in die Waagschale, zitiert häufig daraus. Vieles von dem, was sie politisch vertritt, würde durch eine Bestätigung des Plagiatsverdachts zur Farce.

Gutachter sieht "leitende Täuschungsabsicht"

Schwerer wiegt noch, wie sich Annette Schavan bislang in der Plagiatsdebatte verhalten hat. Als Kabinettskollege und CSU-Beau Guttenberg in den Verdacht geriet, es mit den wissenschaftlichen Regeln nicht gar so genau genommen zu haben, lehnte sie sich weit aus dem Fenster: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Wenn sich erweist, dass auch Schavan gemauschelt hat, wird ihr dieser im Nachhinein reichlich hochmütig klingende Satz wieder aufs Brot geschmiert - und das nicht ganz zu Unrecht.

Ob es soweit kommt, ist allerdings noch reine Spekulation. Die Fakten: Die Internet-Aufpasser von Schavanplag haben im Mai 2012 erste Textstellen von Schavans Arbeit veröffentlicht, bei denen sie es zumindest nicht ganz so genau genommen haben soll. Insgesamt soll es auf 97 von 324 Seiten zu beanstandende Textstellen geben. Direkt nach Bekanntwerden der Auflistung beantragte Schavan von sich aus, dass sich die Uni Düsseldorf mit dem Fall auseinandersetzt. In diesem Verfahren läuft einiges gegen sie. Ein erstes Gutachten hat der Vorsitzende des Promotionsausschusses der Uni vorgelegt. Und der attestiert Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht". Die Ministerin zweifelt es an. Das Gremium empfahl einstimmig, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels einzuleiten. Es spricht vieles dafür, dass der Fakultätsrat dem folgt. Auch, um nicht in den Verdacht zu geraten, bei der mächtigen Ministerin ein Auge zugedrückt zu haben.

Merkel verdankt Schavan viel

Der Moment, in dem Schavan und Merkel wohl von Guttenbergs Rücktritt erfahren, offenbart die Nähe der beiden Frauen.
Der Moment, in dem Schavan und Merkel wohl von Guttenbergs Rücktritt erfahren, offenbart die Nähe der beiden Frauen.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch Schavan hat auch entlastende Argumente auf ihrer Seite. Sie fordert ein weiteres Gutachten, das belegen könnte, dass es sich bei den meisten zweifelhaften Textstellen nicht um Plagiate, sondern eher um Unsauberkeiten handelt. Anzulegen wären dann die Maßstäbe, die vor über 30 Jahren für Arbeiten in den Erziehungswissenschaften galten. Tatsächlich soll Schavan in den meisten Fällen ein Zitat gekennzeichnet haben, dann aus demselben Werk weiter ungekennzeichnet abgeschrieben haben - Fachleute nennen das ein "More-Inclusive-Plagiat" oder ein "Bauernopfer". Eine andere von Schavan offenbar angewandte Technik soll es gewesen sein, zu suggerieren, in eigenen Worten den Inhalt eines Originaltextes wiederzugeben, tatsächlich diese Zusammenfassung aus einer Sekundärquelle abzukupfern. Ob dies in den 80er Jahren üblich und damit für Schavans Arbeit in Ordnung gewesen ist, ist immerhin strittig. Sicher ist jedenfalls: An die Dreistigkeit anderer Titelschummler wie Guttenberg oder die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin reicht das nicht heran.

Dem scheint nun auch die Uni Düsseldorf Rechnung zu tragen. Die Promotionskommission rückt laut "Süddeutscher Zeitung" von dem Vorwurf ab, Schavan habe mit Vorsatz betrogen. Vielmehr soll sie, im Juristendeutsch ausgedrückt, mit "bedingtem Vorsatz" gegen gängige Zitierregeln verstoßen haben. Übersetzt meint das: Schavan hat in ihrer Arbeit geschlampt. Und auch das kann sie den Doktorgrad kosten, denn sie hat eidesstattlich versichert, "keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt" zu haben - eine übliche Formel bei der Abgabe akademischer Arbeiten. Ein Plagiat aus Unachtsamkeit kann als ein solches unerlaubtes "Hilfsmittel" interpretiert werden, der Doktor ist dann weg.

Wenn Schavan überführt wird, dann hat aber nicht nur die Bildungsministerin ein Problem, sondern auch ihre Vorgesetzte und Vertraute, Kanzlerin Angela Merkel. Die Parteichefin hat Schavan von Anfang an ihr "vollstes Vertrauen" ausgesprochen. Sie weiß, was sie an der Katholikin im Kabinett hat. Seit 1998 und bis vor kurzem sind die beiden gemeinsam in der Parteispitze vertreten gewesen. Eine loyalere Begleiterin beim Aufstieg zur CDU-Chefin und Kanzlerin hat Merkel nicht gehabt. Schavan hat Merkel stets gegen Einwände des katholischen Flügels in der Union in Schutz genommen. Sie hat niemals, anders als viele andere Partei-"Freunde", ihren Führungsanspruch in Frage gestellt. Klaglos wich sie aus dem Vorstand, als Merkel Ende des vergangenen Jahres die Parteispitze verjüngen wollte.

CDU fehlen Bildungspolitiker

Schavan ist eine geräuschlose, aber höchst effektive und stabile Stütze der Macht Merkels. Wie nah sich die beiden sind, zeigt eine viel zitierte Szene aus dem März 2011. Es ist der Tag, an dem Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktritt. Merkel und Schavan besuchen die Cebit, als die Kanzlerin eine SMS erhält. Sie liest sie, reicht sie an Schavan weiter, die beiden lächeln verschwörerisch. Dass in der Nachricht der Rücktritt Guttenbergs übermittelt worden ist, wird offiziell natürlich dementiert. Wahrscheinlich ist es dennoch. Viel wichtiger ist, dass kaum sonst jemand die SMS der Kanzlerin mitlesen darf. Die beiden Frauen in der Männerwelt Politik sind Freundinnen.

Doch fernab von Macht, Gefolgschaft und Ränkespielen wäre Schavans Abgang ein herber Schlag für Merkel. Denn nur wenige Monate vor der Bundestagswahl müsste sie noch einmal ihr Kabinett neu ordnen und jemanden für das Bildungsressort aus dem Hut zaubern. Wer soll das machen? Schavan war zuvor Bildungsministerin im Baden-Württemberg. Auf Landesebene springen die Alternativen heute nicht gerade ins Auge. Am ehesten vielleicht noch Annegret Kramp-Karrenbauer. Die Ministerpräsidentin des Saarlandes macht die Bildung in Personalunion nebenher mit. Doch die ambitionierte CDU-Frau ist bei Merkel zuletzt mit der Teilnahme an einem Länderalleingang bei der Frauenquote negativ aufgefallen. Merkel muss also hoffen, dass Schavan durchkommt. Dass sie eines der zentralen Zukunftsressorts nicht sinnvoll nachzubesetzen vermag, wäre eine offene Flanke im Wahlkampfjahr 2013. Geschlossen halten kann diese nun nur der Fakultätsrat in Düsseldorf.

Quelle: n-tv.de

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