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(Foto: picture alliance / dpa)

Flug MH17: Warum kommt der Absturzbericht so spät?

Von Issio Ehrich

Am 18. Juli begannen die Niederlande, den Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine zu untersuchen. Erst nächste Woche wollen sie einen Zwischenbericht vorlegen. Dass die Arbeiten so lange gedauert haben, hat seine Gründe.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat viele Fragen zu den Ermittlungen zum Absturz von Flug MH17: Wo sind die Mitschriften des Funkkontakts zwischen dem Piloten und der ukrainischen Luftüberwachung? Warum wurden sie der internationalen Gemeinschaft nicht vorgelegt? Was hat ein ukrainisches Militärflugzeug kurz vor dem Unglück in der Nähe von MH17 getan? Es sind Fragen, die er Ende August in einem Interview mit dem Blatt "Russia Beyond the Headlines" aufwarf. Und er unterlegte sie mit einer Forderung: "Wir hoffen, dass wir zu diesen und anderen Fragen Antworten von den Staaten bekommen, die die Führungsrolle in den internationalen Ermittlungen eingenommen haben." Gemeint sind damit vor allem die Niederlande, die den Fall seit dem 18. Juli untersuchen.

Lawrows Forderung stößt auf gewaltige Resonanz unter anderem in Internetforen. Sieben Wochen dauern die Untersuchungen nun schon, und es gibt noch keinen Zwischenbericht. Die Vorstellung, dass die Niederlande, die schließlich Nato-Mitglied sind, eine Veröffentlichung aus politischen Gründen verschleppen, zählt zu den beliebtesten Verschwörungstheorien.

Das Dutch Safety Board (DSB), die unabhängige, niederländische Untersuchungsbehörde für Katastrophen, hat die Veröffentlichung des Berichtes nun für Dienstag, den 9. September, angekündigt. Fraglich ist allerdings, ob die Behörde Verschwörungstheoretikern die Grundlage für ihre Mutmaßungen nehmen kann. Denn eigentlich hat sie das längst - offensichtlich ohne Erfolg.

Die Fragen sind längst beantwortet

Das DSB hat Lawrows Fragen nämlich schon beantwortet. Ein paar Tage vor dem Interview des Außenministers veröffentlichte die Institution eine umfangreiche Stellungnahme. Darin räumt die Behörde durchaus ein, dass die Auswertung lange dauert. Üblich sind nach Angaben der International Civil Aviation Organisation (ICAO) zwei bis vier Wochen. Wenn der Zwischenbericht am 9. September erscheint, werden acht Wochen verstrichen sein. In der Stellungnahme des DSB heißt es aber, dass komplexe Umstände Ausnahmen erlauben. Und das DSB sieht die Umstände wohl zu Recht als komplex an. MH17 ist wahrscheinlich nicht wegen eines Triebwerksschadens oder eines Defekts der Elektronik abgestürzt. Das Flugzeug mit 298 Menschen an Bord wurde vermutlich von einer Rakete getroffen, ein Umstand, der in der zivilen Luftfahrt eine Ausnahmesituation darstellt.

Bilderserie

Hinzu kommen etliche andere Punkte, die das DSB aufführt, um die Verzögerung der Veröffentlichung zu erklären. So konnten Mitarbeiter des DSB die Unfallstelle nicht besichtigen, weil für ihre Sicherheit keine Garantie bestand. Ukrainische Ermittler und OSZE-Gesandte hatten wiederum nur ein paar Tage Zeit, sich das Wrack anzuschauen. Sie schafften es in dieser Zeit lediglich, 3,5 der 60 Quadratkilometer großen Absturzstelle zu inspizieren. Die Wrackteile liegen mitten im Kampfgebiet von prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee.

Ein weiterer Grund, der die Verzögerungen erklären kann: Der Informationsaustausch dürfte sich als ausgesprochen schwierig gestalten, nicht nur, weil rund um die Ukraine ein Propagandakrieg tobt. Nach Angaben des DSB sind neben der Ukraine und Russland auch Malaysia, Australien, Großbritannien, die USA, Deutschland, Frankreich, Italien und Indonesien an den Ermittlungen beteiligt.

Auch die immer wieder aufkeimende Frage, warum der Funkverkehr und die Informationen aus dem Flugdatenschreiber noch nicht veröffentlicht wurden, hat das DSB längst beantwortet. Nach Angaben der Institution schreiben unter anderem die Richtlinien der ICAO, der neben den Niederlanden 190 Staaten der Welt angehören, vor, dass nur für den Absturz relevante Informationen aus diesen Quellen veröffentlicht werden dürfen. Bis die DSB also zumindest einigermaßen belastbare Schlüsse für die Absturzursache gezogen hat, würde eine Veröffentlichung der Daten einen Bruch internationaler Abkommen darstellen.

Unterstellungen statt Fragen

Bleibt die Frage nach dem ukrainischen Militärflugzeug. Es ist die einzige Frage Lawrows, auf die das DSB in seiner Stellungnahme nicht eingeht. Aber tatsächlich ist es auch weniger eine Frage, sondern eine Unterstellung. Während Kiew behauptet, dass prorussische Separatisten MH17 mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen haben, behauptet Moskau, dass ein ukrainischer Jet die Passagiermaschine vom Himmel geholt hat. Beide Seiten dementieren die jeweils andere Darstellungen. Es ist überhaupt nicht klar, ob ein ukrainischer Jet sich überhaupt in der Nähe befand.

Angesichts des heiklen diplomatischen Terrains, auf dem sich das DSB bewegt und angesichts des komplexen Unfallhergangs erscheinen acht Wochen für einen seriösen Zwischenbericht dann eigentlich gar nicht so lang. Auch dass der Abschlussbericht nach Angaben des DSB erst in einem Jahr erscheint, ist nicht ungewöhnlich. Nach dem Lockerbie-Anschlag 1988, der auch große diplomatische Verwerfungen hervorgerufen hat, dauerte es nach dem Start der Ermittlungen 593 Tage, bis der finale Report vorlag.

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Quelle: n-tv.de

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