Politik
Köpfe einer nicht immer ganz leicht zu führenden Partei: AfD-Chef Bernd Lucke (r.) mit Vize Hans-Olaf Henkel.
Köpfe einer nicht immer ganz leicht zu führenden Partei: AfD-Chef Bernd Lucke (r.) mit Vize Hans-Olaf Henkel.(Foto: imago/CommonLens)

Fremdschämen in der AfD: Warum tun Sie sich das an, Herr Henkel?

Däumchen drehen und sich über die Politik ärgern? Darauf hatte Hans-Olaf Henkel keine Lust, also trat er Anfang 2014 in die AfD ein. Heute ärgert sich der 74-Jährige, der seit Mai für die Partei im Europaparlament sitzt, trotzdem. Vor allem über zwielichtige Mitglieder, die das Image der AfD zerstören.

n-tv.de: Im Januar sind Sie der AfD beigetreten. Wie ist Ihr Fazit nach 10 Monaten?

Hans-Olaf Henkel: Ich wurde damals bekniet, in die Partei einzutreten. Nach der Bundestagswahl stand die AfD in den Umfragen bei drei Prozent. Von den Medien wurde sie fast abgeschrieben. Ich habe geholfen, den Absturz zu verhindern, indem ich bei einem bestimmten Wählerkreis dafür gesorgt habe, dass man diese Partei für wählbar hält. Dann haben wir bei der Europawahl sieben Prozent bekommen und bei drei Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse.

Es war also rückblickend richtig, in die Politik zu gehen?

Was wäre denn die Alternative für mich: Däumchen drehen und mich ärgern über das, was da passiert? So kann ich wenigstens versuchen, das eine oder andere zu erreichen. Wenn ich mithelfe, in Deutschland eine neue Partei zu etablieren und diese auf einem Kurs der Mitte zu halten, dann hat sich das alles gelohnt.

Das klingt, als seien Sie rundum zufrieden.

Naja, mein Fazit fällt gemischt aus. Auf der negativen Seite sind die ununterbrochenen Schwierigkeiten mit Mitgliedern, die sich nicht an unsere Leitlinien halten. Leute, die versuchen, die Partei auf einen Rechtsaußenkurs zu drängen. Das sind nicht viele, aber sie sind so laut, dass sie auffallen und das Bild der Partei verzerren. Sie haben null Einfluss auf das Parteiprogramm, aber viel auf das Bild in der Öffentlichkeit. Das ist ein Teufelskreis.

Inwiefern?

Anfangs galten wir als Professoren- und Ein-Themen-Partei. Jetzt bezeichnen die Medien uns als rechtspopulistische Partei und das zieht viele an. Sie wieder loszuwerden, ist schwer. Denken Sie mal an das Beispiel Sarrazin. Gabriel wollte ihn unbedingt ausschließen. Das ist nicht gelungen, weil Sarrazin sich nichts hat zuschulden kommen lassen, wie das Parteiausschlussverfahren feststellen musste. Wenn in der AfD irgendwer eine blöde Bemerkung macht, die uns nicht passt, dann ist es schwer, ihn aus der Partei zu werfen. Deshalb kosten diese Leute so viel Kraft.

Jetzt drehen Sie keine Däumchen und trotzdem ärgern Sie sich. Bereuen Sie den Gang in die Politik?

Nein. Aber wenn sich ein Idiot auf dem Parteitag hinstellt und von den Bilderbergern spricht und behauptet, sie regierten die Welt, dann schäme ich mich und würde mich am liebsten unter dem Stuhl verkriechen. Das ist meine Natur, bei IBM habe ich mich auch geschämt, wenn jemand einen Kunden übers Ohr gehauen hat. Oder in der Leibniz-Gemeinschaft, wenn jemand in einer wissenschaftlichen Arbeit abgeschrieben hat. Das hat mit der Partei nichts zu tun, sondern mit Individuen.

Ist Ihre Partei nicht selbst schuld an den rechtspopulistischen Tendenzen, die ihr zugeschrieben werden? Nährt sie dies nicht selbst, etwa durch den umstrittenen Wissenskongress, zu dem die AfD unter anderem den rechten Vordenker Jürgen Elsässer eingeladen hat?

Sie haben völlig recht. Das sind die Dinge, die uns nicht passieren dürfen, aber sie passieren. Ich würde da nicht hingehen und rate auch jedem davon ab, aber ich würde die Veranstaltung nicht verbieten. Die Meinungsfreiheit steht über allem. Wenn irgendein Kreisverband wirklich meint, er muss einen verrückten Verschwörungstheoretiker einladen, dann soll er das machen. Auch bei "Wetten, dass..?" und bei Günther Jauch tauchen komische Personen auf. Nur bei uns heißt es bei so etwas gleich wieder, dass wir uns damit identifizieren.

Dennoch wollen Sie die schwierigen Typen in der AfD gern loswerden.

Wer etwas sagt, das unseren Leitlinien widerspricht, der muss raus. In Hamburg gibt es eine Frau, die sich positiv zu den Hooligans geäußert hat, die in Köln demonstriert haben. Die wollen wir rauswerfen. Ich benutze immer gern das Beispiel eines sächsischen AfD-Mitglieds, das sich in die Partei eingeschmuggelt hat, obwohl es Mitglied in der NPD war. Wir sind die einzige Partei, die Leute vor ihrer Aufnahme fragt, ob sie in der NPD oder bei den Republikanern waren. Die anderen Parteien fragen so etwas nicht. Wir haben diesen Mann in Sachsen rausgeschmissen. Wissen Sie, wo er dann eingetreten ist? Bei der CDU.

Sie fordern, die AfD brauche einen stärkeren Markenkern. Macht Herr Lucke zu wenig, um die negativen Entwicklungen in der Partei einzudämmen?

Also, jetzt auf jeden Fall. Lucke ist ununterbrochen dabei, sich in die Bresche zu werfen. Diese Bemerkung von mir richtete sich auch nicht gegen Lucke. Ich fordere keinen Kurswechsel von ihm, sondern dass wir uns alle an den festgelegten Kurs halten. Das tun leider nicht alle. In unseren Leitlinien haben wir einen Markenkern. Was uns fehlt, ist ein Programm für Deutschland. Diese offene Flanke habe ich gemeint.

Sie sind 74 Jahre alt. Wie lange wollen Sie sich das noch antun mit der AfD?

Ja, das ist eine gute Frage (lacht). Ich werde auf keinen Fall für weitere Ämter kandidieren. Das wäre ja sinnlos aufgrund meines Alters. Wenn ich die fünf Jahre schaffe, habe ich genug getan. Ich hätte mir nie vorstellen können, in eine Partei einzutreten. Wenn Sie mich im November 2013 gefragt hätten, hätte ich nein gesagt. Der Grund war immer: Wenn ich in einer Partei bin, müsste ich jeden Beschluss mittragen und in einer Talkshow vertreten. Das Gleiche stört mich auch heute noch. Aber es lohnt, eine Alternative zur dieser wahnsinnigen Europolitik der ganzen Parteienlandschaft anzubieten. Dafür nehme ich die unangenehmen Erfahrungen in Kauf.

Mit Hans-Olaf Henkel sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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