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Ohne Einwanderung wäre Deutschland leerer und (noch) älter.
Ohne Einwanderung wäre Deutschland leerer und (noch) älter.(Foto: picture alliance / dpa)

Demografie: Was bringt Zuwanderung?

Zuwanderung kann den Bevölkerungsrückgang kompensieren und den Rückgang der Erwerbspersonen abfedern. Was sie nicht kompensieren kann, ist die Alterung der Gesellschaft, erläutert der Demografie-Experte Frank Swiaczny.

n-tv.de: Kann Einwanderung den demografischen Wandel ausgleichen?

Frank Swiaczny: Die Frage ist, welchen Aspekt des demografischen Wandels sie ausgleichen soll: den Rückgang der Bevölkerungszahl, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung oder die Alterung.

Frank Swiaczny ist Leiter der Forschungsgruppe Demografischer Wandel und Weltbevölkerung am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB).
Frank Swiaczny ist Leiter der Forschungsgruppe Demografischer Wandel und Weltbevölkerung am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB).(Foto: privat)

Fangen wir mit der Bevölkerungszahl an.

Bevölkerungsrückgang entsteht dadurch, dass mehr Menschen sterben als geboren werden. Um die Zahl der Bevölkerung insgesamt konstant zu halten, reicht eine Zuwanderung, die den Nettobetrag aus Geburten und Sterbefällen ausgleicht. Die dafür notwendigen Zuwanderungszahlen liegen in einer Größenordnung, die wir in der Vergangenheit bereits hatten. Durch die Alterung wird diese Zahl in Zukunft ansteigen - wie hoch genau, hängt auch von der künftigen Anzahl der Kinder je Frau ab.

Was ist mit dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung?

Im Allgemeinen versteht man unter der Erwerbsbevölkerung die Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren. Dazu gibt es eine Modellrechnung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2001, die im Grunde nach wie vor aktuell ist und von einem leichten Anstieg der Fertilität ausgeht. Demnach bräuchte Deutschland von 2015 bis zur Mitte des Jahrhunderts eine jährliche Netto-Zuwanderung von durchschnittlich rund 550.000 Menschen, mit Spitzenwerten bis zu knapp 900.000 Ende der 2020er Jahre. Allerdings: Ob diese Zuwanderung auf dem Arbeitsmarkt ankommt, ist eine Frage, die von der Demografie nicht beantwortet werden kann.

Schließlich die Alterung: Kann Einwanderung die Überalterung der Gesellschaft ausgleichen?

Alterung kann über das Verhältnis der Erwerbsbevölkerung zu den über 65-Jährigen definiert werden - also zu den Bewohnern eines Landes, die nicht mehr im Erwerbsalter sind. Würde man versuchen, die Alterung der Gesellschaft vollständig über Zuwanderung zu kompensieren, dann bräuchte man Zuwanderungszahlen, die so groß sind, dass sie als unrealistisch gelten müssen. Laut UN müssten zwischen 1995 und 2050 insgesamt 188 Millionen Menschen netto nach Deutschland einwandern, um dieses Verhältnis auf dem Niveau von 1995 konstant zu halten.

Warum ist diese Zahl so sehr viel größer als bezogen auf Bevölkerungszahl und Erwerbsbevölkerung?

Jeder Migrant, der nach Deutschland zieht, und zunächst die Alterung kompensiert, altert selbst natürlich auch. Das ist wie bei einem Schneeballeffekt. Die Zahl der Personen, die benötigt wird, um Alterung zu kompensieren, steigt daher immer weiter an.

Unterm Strich: Ist Zuwanderung eine Lösung für die demografischen Probleme in Deutschland?

In der Summe genommen kann man sagen: Zuwanderung kann den Bevölkerungsrückgang kompensieren. Sie kann den Rückgang der Erwerbspersonen abfedern, aber da es nicht möglich ist, langfristige Prognosen über den konkreten Bedarf am Arbeitsmarkt zu machen oder über die Qualifikation künftiger Zuwanderer, können wir nicht vorhersagen, ob sie dies auch tun wird. Was sie nicht kompensieren kann, ist die Alterung - übrigens auch nicht die Abwanderung aus Regionen in Deutschland, die vom demografischen Wandel besonders stark betroffen sind. Zuwanderer bevorzugen meist die wirtschaftlich attraktiven Regionen.

Gibt es Untersuchungen darüber, wie viele Einwanderer eine Gesellschaft problemlos integrieren kann?

Nein. Ich würde eine solche Fragestellung auch als unseriös ansehen. Ich denke nicht, dass man prognostizieren kann, wie viel Zuwanderung für eine Gesellschaft verkraftbar ist. Das hängt von zu vielen Faktoren ab - beispielsweise vom sprachlichen und kulturellen Hintergrund der Migranten, aber natürlich auch von der Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft, Zuwanderer aufzunehmen und zu integrieren.

Gibt es mit Blick auf den demografischen Wandel Länder, die in diesem Prozess weiter sind als Deutschland - Länder also, an denen Deutschland sich orientieren könnte?

Nein. Deutschland ist, was den demografischen Wandel angeht, eines der am weitesten fortgeschrittenen Länder, vielleicht zusammen mit Japan. Wir sind die ersten, die sich mit diesem Problem in dieser Intensität auseinandersetzen. Länder wie Südkorea, die auch einem demografischen Wandel entgegengehen, schauen daher sehr stark auf uns und achten darauf, welche Strategien wir verwenden.

Mit Frank Swiaczny sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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