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Die abfällige Haltung, die hinter dem Wort "Gutmensch" steckt, ist durch und durch deutsch, sagt Hannes Jaenicke.
Die abfällige Haltung, die hinter dem Wort "Gutmensch" steckt, ist durch und durch deutsch, sagt Hannes Jaenicke.(Foto: picture alliance / dpa)

Hannes Jaenicke über Klimaschutz: "Was hat denn der Rösler geraucht?"

Wenn es um Klima- und Naturschutz geht, kann sich Hannes Jaenicke richtig aufregen. Zum Beispiel über FDP-Chef Rösler. Oder über die deutsche Eigenart, "Gutmenschen" zu belächeln. Bei dummen Fragen muss der Schauspieler gelegentlich schon mal seufzen. Sein Lieblingsthema ist die Macht des Verbrauchers. Jaenicke setzt auf Aufklärung durch Abschreckung: "Ich könnte Ihnen stundenlang die Ohren volllabern!".

n-tv.de: Über eine Besprechung Ihres Films "Verloren auf Borneo", der Mitte November in der ARD lief, hat der "Focus" geschrieben: "Affenversteher Jaenicke und die Schmonzette im Urwald". Geht es Ihnen auf die Nerven, wenn Sie für Ihr Engagement auf so herablassende Art belächelt werden?

Hannes Jaenicke: Ich hab mich dran gewöhnt. Wenn DiCaprio oder andere US-Promis das machen, finden es alle toll. Aber wehe, ein deutscher Schauspieler engagiert sich! Bei uns wird doch jeder angepinkelt, der seinen Kopf zum Fenster rausstreckt.

Ist das in anderen Ländern anders?

Ich lebe teilweise in den USA, ...

... wo Sie auch aufgewachsen sind, ...

... und ich kann Ihnen versichern: Da ist es anders. In den USA gehört soziales, politisches oder eben Umweltengagement zum guten Ton.

2008 drehte Hannes Jaenicke seine erste Dokumentation in der Reihe "Im Einsatz für ..." über die vom Aussterben bedrohten Orang Utans.
2008 drehte Hannes Jaenicke seine erste Dokumentation in der Reihe "Im Einsatz für ..." über die vom Aussterben bedrohten Orang Utans.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die "FAZ" hat einen Artikel über Sie vor zwei Jahren mit der Überschrift "Vielflieger gegen den Klimawandel" versehen.

In meiner Branche wird nun einmal viel geflogen. Und zu bestimmten Drehorten kommen Sie einfach nicht ohne Flugzeug. Bei unseren Dokus über Umweltvernichtung versuchen wir, das, was wir an Schäden verursachen, wieder auszubügeln. Wir lassen den CO2-Ausstoß berechnen und bezahlen einen entsprechenden Ausgleich. Außerdem betreibe ich mehrere Wiederaufforstungsprojekte in Borneo. Aber eigentlich sind solche Angriffe auf mich als "Vielflieger" doch eher kleinlich. Eines meiner Lieblingszitate eines US-Regisseurs lautet: "Der Unterschied zwischen Filme kritisieren und Filme machen ist wie der Unterschied zwischen Onanie und Geschlechtsverkehr." Ich habe lieber Geschlechtsverkehr.

Soll heißen: Sie machen lieber, statt nur zu quatschen.

Richtig.

Sie sind gerade in Südafrika und drehen. Was wird das für ein Film?

Wir machen die Verfilmung des Bestsellers "Alle Macht den Kindern" von Jochen Metzger. Das ist dieser Hamburger Journalist, der einen Monat lang die Eltern- und Kinderrollen vertauscht hat. Eigentlich ist das ein Sachbuch - wir verfilmen das als Komödie, macht großen Spaß.

Müssen Sie sich von Kollegen am Set gelegentlich schon mal einen Spruch anhören für Ihr Umweltengagement?

Es gibt Leute, die machen sich darüber lustig, und es gibt Leute, die finden das toll.

Besonders viele engagierte Schauspieler gibt es in Deutschland aber nicht, oder? Außen Ihnen fällt mir nur noch Christiane Paul ein.

Da gibt es schon ein paar andere, die sich reinhängen, die das vielleicht nicht ganz so öffentlich machen. Peter Maffay, Thomas D., Dietmar Schönherr, vor allem natürlich Karlheinz Böhm - der hat mit seiner Äthiopienhilfe wahrscheinlich mehr auf die Beine gestellt als die deutsche Entwicklungshilfe in 50 Jahren! Es gibt so tolle Vorbilder in Deutschland, da müssen wir nicht lange suchen.

Und alle werden als Gutmenschen belächelt.

Ich habe Interviews geführt mit Berliner Journalisten, die haben mir gesagt, man sollte Bono mit einem nassen Waschlappen erschlagen. Ich habe dann gefragt, warum das denn? Die Antwort: Das sei doch so ein furchtbarer Gutmensch. Ich frage mich: Was ist bitte furchtbar daran, wenn Bono afrikanische Kinder zur Schule schickt und Malaria bekämpft?! Wir haben da wirklich eine sehr eigenartige Haltung!

Die Amerikaner schimpfen nicht auf Gutmenschen?

Es gibt das Wort "Do-Gooder", aber das hört man wirklich ganz, ganz selten. Diese abfällige Haltung, die hinter dem Begriff "Gutmensch" steht, die ist durch und durch deutsch.

Was halten Sie von der Energiewende?

Das Konzept ist großartig. Wie es angepackt wird, das ist verlogen und peinlich. Nach wie vor regieren die Strommonopolisten Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Wenn ich Herrn Rösler höre, denke ich immer: Was hat der denn geraucht? Der hetzt ja immer noch gegen alternative Energien!

Sie haben sich in Interviews positiv über den früheren Umweltminister Norbert Röttgen geäußert. Wie finden Sie seinen Nachfolger?

Habe ich das wirklich getan?

Sie haben Röttgen umweltbewusst und hochintelligent genannt.

Es gibt viele hochintelligente Politiker - Angela Merkel, Sigmar Gabriel, Peter Altmaier. Das heißt aber nicht, dass sie gute Umweltpolitik machen oder gemacht haben. Es ist traurig, dass viele intelligente Menschen keine intelligente Politik machen. Ich finde, die Bilanz von Norbert Röttgen ist ziemlich bescheiden.

Und was halten Sie von Angela Merkel?

Auch ihre Bilanz als Umweltministerin war bescheiden. Zweitens hat sich Frau Merkel vor nicht allzu langer Zeit auf die Internationale Automobilausstellung gestellt und allen Ernstes gesagt, dass ein Tempolimit keine Auswirkungen auf den Spritverbrauch hätte. Die Frau ist Physikerin! Heute weiß jeder Erstklässler, dass ein Auto bei Tempo 120 weniger Sprit verbraucht als bei 160. Und drittens hat Frau Merkel erst mit großem Trara eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke durchgewunken, um dann nach der Fukushima-Katastrophe dem Druck der Straße nachzugeben. Kann man Frau Merkel als Umweltpolitikerin ernst nehmen? Da habe ich schwerste Zweifel.

Ist es in Deutschland nicht politischer Selbstmord, ein Tempolimit zu fordern?

Unfassbare Zeit- und Geldverschwendung: die Klimakonferenz in Doha.
Unfassbare Zeit- und Geldverschwendung: die Klimakonferenz in Doha.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

(seufzt) Wir sind das einzige Land auf dem gesamten Planeten, das kein Tempolimit hat. Gehen die Amerikaner ohne Tempolimit unter, die Franzosen, die Japaner, die Australier? Entschuldigung - was ist denn das für ein Quatsch?! In Deutschland ist man so stolz darauf, dass die deutschen Autobauer "Premiumhersteller" seien. Aber die Formel 1 wird zum dritten Mal hintereinander von Renault gewonnen! Lustig, oder?

Verfolgen Sie die Klimakonferenz in Doha?

Natürlich. Auch wenn das eine unfassbare Geld- und Zeitverschwendung ist. Allein, dass das in Doha stattfindet, finde ich zum Totlachen! Katar ist einer der größten Öl- und Gaslieferanten der Welt! Mit der Konferenz wollen die sich doch nur wichtig tun und sich ein Feigenblättchen verpassen. Da wird genauso wenig rauskommen wie in Cancún, Durban und Kopenhagen. Es wird immer darauf hinauslaufen, dass die reichen Länder weiter herumsauen wollen.

Gibt es keine Hoffnung?

Die Hoffnung liegt bei ganz normalen Leuten, bei Leuten wie Ihnen und mir. Wenn ich es schaffe, meine Stromrechnung auf 15 Euro pro Monat herunterzukriegen, mit einem Umweltauto durch die Gegend zu fahren, im Haushalt plastik- und tropenholzfrei zu leben und meinen Müll so zu recyceln, dass ich alle acht Wochen eine Tüte Müll produziere, dann ist das doch ein Anfang. Dass Politiker oder die Industrie irgendwas machen, erwarte ich schon lange nicht mehr. Das bleibt bei uns hängen, bei den kleinen Endverbrauchern.

Im Mai 2013 erscheint Ihr Buch "Die große Volksverarsche. Wie Politik und Medien uns zum Narren halten". Worum geht es da genau?

Das Konzept ist schlicht und einfach, die Konsumenten zu informieren. Es gibt ein großartiges Vorbild beim Thema Lebensmittel: das Buch von Thilo Bode, "Die Essensfälscher". Ich denke, das kann man auf andere Bereiche ausweiten. Man kann sich die Textilbranche vorknöpfen, die Pharmabranche, die Banken - es gibt unzählige Branchen, die uns nach Strich und Faden verscheißern.

Ist es aber nicht so, dass Konsumenten sich ganz gern verscheißern lassen? Hauptsache billig, Hauptsache bequem, alles andere egal?

Da ist sicherlich was dran. Viele Leute finden es toll, bei Kik ein Drei-Euro-T-Shirt zu kaufen. Aber wenn der Verbraucher erfährt, wie dieses T-Shirt hergestellt wurde, dann wird er sich vielleicht doch irgendwann überlegen, ob das der richtige Kauf war. Gerade jetzt vor kurzem wurde durch den Brand in dieser Textilfabrik in Bangladesch darüber berichtet, unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird. Ein anderes Beispiel: Wenn man sich thailändische Hühnerfarmen anguckt, dann wird einem schlecht. Ich finde, das sollte man mal öffentlich machen.

Werden denn Hühner aus Thailand nach Deutschland exportiert?

Thailand ist einer der größten Hühnerfleischproduzenten der Welt. Auch 90 Prozent der weltweit verkauften Shrimps stammen aus Thailand. Diese Shrimps- und Hühnerfarmen sollte man sich vielleicht mal angucken, bevor man so etwas isst. Das Gleiche gilt für Lachs aus Chile. Wenn man davon fünf Kilo gefuttert hat, hat man die Wochendosis eines starken Antibiotikums und jede Menge Chemikalien intus. Oder wussten Sie, dass in Zitronenkuchen der gleiche Geschmacksstoff ist wie in Toilettenreiniger?

Igitt!

Da gibt es viele lustige Geschichten. Ich könnte Ihnen stundenlang die Ohren volllabern, was Sie so alles konsumieren, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was da alles drin ist!

Mit Hannes Jaenicke sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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